Kolumne zum Tag

Der Trost des Unschönen

Der Supermarkt ums Eck unserer Wohnung hier in Brüssel hat dieser Tage seine Pforten geschlossen.

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Themenbild: Supermarkt – (c) FABRY Clemens

Das wäre an sich keine Nennung wert, würde sich nicht an dieser Episode ein seltsames Gefühl kristallisieren, das Sie vielleicht auch kennen. Man kann es die Sentimentalität des Hässlichen nennen. Diese Supermarktfiliale befand sich nämlich in einem abstoßenden Gebäude, dessen zeitliche Zuordnung fast unmöglich ist. Fünfziger-, Sechziger-, Siebzigerjahre? Es ist eine dieser baulichen Hervorbringungen Brüssels, denen man sofort anmerkt, dass Ästhetik für die verantwortliche Immobiliengesellschaft keine Rolle spielte. Billiger Beton, grobschlächtige Dimensionen, Haus gewordene Lieblosigkeit. Würde man einen, wenn auch verworrenen, architektonischen Gedanken hinter dieser Fassade der Scheußlichkeit erahnen, könnte man es wenigstens noch als dem typisch belgischen Brutalismus zugehörig einordnen, doch nicht einmal dafür reicht es hier.

Und dennoch ist dieses Gebäude den Menschen, die darin arbeiteten oder ihre täglichen Einkäufe erledigten, ins Bewusstsein gewachsen. Wo die Bananen sind, die Milch, das Müsli, die Windeln oder das Bier: das wusste ich schon nach wenigen Wochen, ohne lange nachzudenken. Das hässliche Haus war Teil meiner mentalen Landkarte Brüssels geworden. Und ich glaube, damit bin ich nicht allein: Im Foyer der in einem Neubau schräg gegenüber angesiedelten, ultramodernen Nachfolgefiliale hängt ein Schwarz-Weiß-Foto des alten, zum Abriss freigegebenen Supermarktes.

Warum bestanden die Mitarbeiter auf diesem Erinnerungsbild ihres alten Arbeitsplatzes? Schön, im ästhetischen Sinn, war er schließlich nicht. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns mit unseren Umständen nicht bloß abfinden, sondern sie zu unserer seelischen Behausung machen. Sie wachsen uns ans Herz, selbst wenn sie hässlich sind. Das Neue mag besser, schneller, nützlicher, hilfreicher sein: In der Gewohnheit liegt nicht nur eine Macht, sondern auch ein Trost – der sich mit jedem hässlichen Haus, das einer glatten Glasfassade im globalen Einheitsbild weicht, verflüchtigt.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2017)

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