Kolumne zum Tag

Im Auto singen, in der Küche tanzen

Der Soundtrack des Alltags ist Familienerbe.

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Neil Diamond – (c) EPA (Tobias Hase)

So viel Liebe schlug Neil Diamond in Wien entgegen, das war ungewöhnlich. Geliebt werden auch andere, aber das Publikum erzählte eine besondere Geschichte. Da waren Menschen im gleichen Lebensabschnitt wie der Sänger, mit Rückenweh und steifen Knien, die dann als Erste aufsprangen, als die Takte von „Cherry Cherry“ erklangen. Andere im Saal waren noch lang nicht geboren, als Diamond damit seinen ersten Hit feierte, im Jahr 1966.

Da waren Menschen, die Neil Diamond mit ihrer ersten Liebe verbanden oder, noch wahrscheinlicher, mit dem ersten Liebeskummer. Und andere, die seine Musik an den Vater erinnerte, wie er das Autoradio bei „Song Sung Blue“ lauter drehte und mitsang. Oder an die Mutter, die zu „Forever in Blue Jeans“ in der Küche tanzte. Musik als Familienerbe, als Soundtrack des Aufwachsens, als man noch nicht wusste, dass es diese fröhlichen Alltagsszenen sind, auf die es ankommt.

Musik aber auch als Ausflug in eine Vergangenheit, die man nie hatte. Wenn der Vater von Elvis Presley erzählte und was seine Musik für die Jugendlichen der 1950er- und 60er-Jahre bedeutete – die Welt –, dann war da etwas spürbar, was man sonst nie greifen konnte. Auch Elvis wurde von den Kindern dankbar übernommen, aber nicht wegen der Welt, sondern weil man zu „Love Me Tender“ so eng tanzen konnte wie zu keinem anderen Lied. Anderes ließen wir liegen, das alterte nicht so gut (The Mamas and Papas etwa).

Dass es ein wenig peinlich ist, wenn Eltern laut mitsingen, daran wird man dann erinnert, wenn die eigenen Kinder die Augen verdrehen, weil man „99 Luftballons“, das sie für eine Eigenentdeckung hielten, selbstverständlich auswendig kann. Die neue deutsche Welle lässt sich übrigens gut vererben. Unlängst hat jemand zu „Codo“ mitgesungen, und ich schwöre, es war ein Mensch unter zwölf.

E-Mails an: friederike.leibl-buerger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.09.2017)

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