Stadtbild

Wiens Geschäftszonen: Wo die Stadt das Gesicht verliert

An ihren Geschäftsportalen sollst du sie erkennen: ein Nachtrag zur Wiener „Sign Week“.

„Alte Schildermalerkunst“ am Hohen Markt: „Midi“.
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„Alte Schildermalerkunst“ am Hohen Markt: „Midi“.
„Alte Schildermalerkunst“ am Hohen Markt: „Midi“. – (c) Freitag

Das Gesicht verlieren, wer würde das schon wollen. Schließlich, sich ins Gesicht schauen können, das möchte doch jeder – und nach Möglichkeit das wiedererkennen, was ihm aus dem Spiegel entgegenschaut. Selbst wenn es sechs Uhr morgens ist. Wie sonst sollten wir wissen, ob wir denn überhaupt noch wir selbst sind – oder irgendwer ganz anderer.

Unseren Städten allerdings scheint ihr Gesicht stückweise abhanden zu kommen. Nicht zuletzt in jenen Teilen, die Bewohnern wie Besuchern am augenfälligsten sind: in den Geschäftszonen. Das innerstädtische Geschäftsstraßenbild beherrschen die immer gleichen Geschäftsportale samt den immer gleichen Geschäftsschildern immer gleicher Konzerngeschäftigkeit. Das Eigentümliche, dem jeweiligen Standort Besondere ist längst durch allgegenwärtige Corporate-Identity-Hervorbringungen multinationaler Marketingabteilungen vertrieben worden, was wunder, wo doch der lokale Kleinhandel den Mietofferten einer globalisierten Handelswelt nichts entgegenzusetzen hat.

Umso erfreulicher, dass im Wien der vergangenen Tage eine eigene „Sign Week“ (www.signweek.com) die Bedeutung von Geschäftsfassaden für die Identität einer Stadt in den Mittelpunkt rückte. Und umso wichtiger, dass sich die Initiatoren nicht auf das erfreulicherweise (noch) Erhaltene beschränkten, sondern unter anderm Preise für die „gelungenste Umsetzung eines neuen Portals“ ausschrieben. Erster Preisträger: „Midi – Le petit déli“, ein klein-fein-französisches Tageslokal am Hohen Markt. Aus der Jurybegründung: Dieses Protal erfülle „alle Charakteristika alter Schildermalerkunst“. Und selbst wer die Farbsymphonie aus Türkis und Orange im Schanigarten davor – wie soll man sagen – allzu überraschend findet, wird immerhin konzedieren müssen: Verwechselbar ist sie nicht.

E-Mails an: wolfgang.freitag@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2017)

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