Mein Dienstag

Was mein ungarischer Fleischhauer mich lehrte

Eine der Untiefen, auf denen man als Journalist Schiffbruch erleiden kann, ist das Thomas-Friedman-Syndrom.

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Der Kolumnist der „New York Times“ und mehrfache Pulitzer-Preis-Gewinner ist ein kluger Kopf und brillanter Stilist, aber er neigt in seinen Kolumnen oft einer Marotte zu, die ihm leichten Spott und ernste Kritik eingebracht hat. Friedman pflegt oft aus anekdotischen Alltagserlebnissen Einsichten von allgemeiner Erklärungskraft zu destillieren. Ich empfehle zur Veranschaulichung der Absurdität, in die sich diese Form des Erklärjournalismus verrennen kann, die Parodie-Website www.thomasfriedmanopedgenerator.com.

Mit der Induktion muss man in meiner Branche also vorsichtig umgehen, und darum möchte ich den Gegenstand dieser heutigen Zeilen mit allen Kautelen der kritischen Vernunft ausgestattet wissen. Aber ganz ehrlich: Nach jedem Besuch meines ungarischen Fleischhauers in der Chaussée de Waterloo wächst meine Zuversicht in Europa. Wieso das? Nun, erstens erhellt die Aussicht auf pikante Würste vom Mangalitzaschwein die Gemütslage (sofern man kein Vegetarier oder ein Mangalitzaschwein ist). Zweitens lebt man hier vor, wie es sich im Hochlohnland Belgien als Kleingewerbetreibender mit hoher Qualität, bestem Service und vernünftigen Preisen in der globalisierten Skalenökonomie bestehen lässt; die Fleischhauerei liegt auf halbem Weg zwischen einem Carrefour- und einem Delhaize-Supermarkt, trotzdem rennen die Stammkunden ihr die Türen ein. Drittens hat man hier keine Angst vor der digitalen Zukunft: Letztens, ich hatte das Faschierte und die Frankfurter Würstel kaum bestellt, zog die Chefin ein iPad hervor, aktivierte eine digitale Kundenkarte mittels Infrarotscans des Codes auf ihr, und schon bringt mir jedes Deka Debreziner Sammelpunkte. Vielleicht ist das kein Allgemeinrezept für die Nöte des Einzelhandels – aber auf jeden Fall ein gutes Beispiel dafür, wie unternehmerische Tatkraft allen Unkenrufen über Europas Malaise zum Trotz obsiegt.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2017)

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