Mein Dienstag

Bröselteppich

Eine Begebenheit aus meiner Schulzeit in Vorarlberg: Jedes Kind in meiner Klasse musste etwas zu einem Gericht und dessen Zubereitung erzählen, und bei mir war es, wie vom Lehrer gewünscht, eine türkische Mahlzeit, und zwar Imam Bayıldı – ein Gemüsegericht mit Melanzani (bei uns heißt das übrigens Auberginen, aber in Wien droht dir bei dieser Bezeichnung die Inquisition, Anm.) Imam Bayıldı heißt wörtlich übersetzt „Der Imam fiel in Ohnmacht“, und ich weiß noch, wie ich die ganze Klasse damit amüsiert hatte. Ein Mitschüler fragte mich: „Warum nennen die Türken das Essen so komisch?“, aber als Zehnjährige hatte ich keine passable Antwort darauf.

Die habe ich noch immer nicht.

Aber eine Frage, die sich im Besonderen an die Wiener unter uns richtet: Warum nennt ihr das Essen so komisch? Gut, ich kann objektiv nicht feststellen, wie tief etabliert der Würschtelstandjargon in der Stadt ist, aber jetzt mal im Ernst: Was ist an Eitrige (Käsekrainer) so appetitlich? Wenn zum Beispiel ein Wiener beim Würschtler a Eitrige mit an Buckl (Brotende) und an Gschissenen (grobkörniger Senf) bestellt und ein, sagen wir, französischer Journalist steht daneben und fragt, was er bestellt hat, und der Standler, der zufällig Französisch spricht, aber halt nicht so gut, übersetzt ihm das Ganze wörtlich – wie kommen wir aus der Nummer jemals wieder raus? Regelrecht harmlos erscheint dagegen die Wiener Version des Wiener Schnitzels, nämlich der Breslfetzn (eine sonderbare Weiterleitung aus dem Wort Brösel), oder auch Breslteppich. Angeblich bestellt man Chinesenschotter (Reis) dazu, aber das sollten die Standler wirklich nicht übersetzen.

Bei uns in Vorarlberg bezeichnen wir das Essen grundsätzlich nicht unappetitlich, da fällt mir maximal der Lumpasalot (Lumpensalat) ein, bestehend aus Wurst- und Käsescheibchen. Vielleicht auch die Flädlesuppe, also Frittatensuppe, aus Flädle, also Palatschinken, und vielleicht denkt jemand bei Flädle an eine andere Art von Fladen, aber dafür müsste man schon sehr weit ausholen und viel Französisch üben.

E-Mails an: duygu.oezkan@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2017)

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