Mein Dienstag

Britisches Boulevardgrauen

Bei seiner standesgemäßen Pressekonferenz nach dem jüngsten Europäischen Rat schüttelte Jean-Claude Juncker eines seiner standesgemäßen Aperçus aus dem Ärmel.

Jean-Claude Juncker
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Jean-Claude Juncker
Jean-Claude Juncker – APA/AFP/AURORE BELOT

„Nach einem Blick – einem oberflächlichen, denn wenn man die britische Presse liest, muss man so oberflächlich sein, wie die britische Presse es nun einmal ist – kann ich sagen, dass unser Szenario nicht das No-Deal-Szenario ist.“

Der Kommissionspräsident sagte dies auf eine Frage betreffend die Verhandlungen über den Brexit und Gerüchte im Boulevardblatt „Sun“, wonach es die Europäer darauf anlegen würden, den armen Briten ein Ende der EU-Mitgliedschaft ohne klare Regelung der Zeit danach anzudrohen. Aus eigener langjähriger Beobachtung der meisten britischen Korrespondentenkollegen muss ich Juncker teilweise widersprechen. Die britischen Qualitätsmedien, ob „Guardian“ oder „Financial Times“, schicken seit Jahren exzellente Journalisten nach Brüssel.

Doch hinsichtlich der britischen Boulevardpresse ist Juncker voll im Recht. Seit der Brexit beschlossen wurde, haben diese Blätter Berichterstatter nach Brüssel entsendet, die keine Fremdsprachen beherrschen, am sonstigen Wirken der Union null Interesse zeigen und mit derart tendenziös gefärbten Fragen bei Pressekonferenzen aufzeigen, dass man sich fremdschämen muss. Die Fakten zählen für sie nichts, die schnelle Pointe, die krawallige Schlagzeile alles. Ich habe mit einem Kommissionsbeamten, der lange Jahre mit dieser Art britischer Journalisten zu tun hatte, darüber geredet. Er erzählte mir, dass er einmal einen solchen Boulevardjournalisten gefragt habe, was er mit der Nachricht anfinge, wonach die EU die Heilung aller Krebsarten gefunden habe. „Du musst verstehen“, habe ihm der Brite bedauernd geantwortet, „dass ich nicht dafür bezahlt werde, die Wahrheit zu berichten.“ Sein Artikel würde daher auf die hohen, vom armen Steuerzahler zu berappenden Kosten der Krebsheilung abzielen. Womit, fürchte ich, alles über diese Form der Publizistik gesagt wäre – und über das Geistesklima in Großbritannien, das den Brexit ermöglicht hat.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2017)

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