Ich dachte, im katholischen Irland würden überall Fernseher aufgestellt sein, um die sich die Menschen scharen würden, wenn dann der weiße Rauch aufstiege. Denkste. Das Spektakel hat kaum jemanden interessiert – außer mich. Und mich wohl auch nur deshalb, weil das Szenario des Sterbens des alten Papstes und das Procedere der Wahl des neuen wie ein Realität gewordener Dan-Brown-Roman erschien, die damals groß in Mode waren und die ich – allen Kritikern zum Trotz – ob ihrer raffinierten Plots, unzähligen Wendungen und doppelten Böden für eine große Kreativleistung halte.
Eineinhalb Jahre später winkte mir Benedikt dann im strömenden Regen vom Balkon der Kirche Am Hof aus zu (hunderten anderen Wienern freilich auch). Und seitdem habe ich nicht mehr viel von ihm gehört (obwohl sein sanftes, leicht süßliches Italienisch durchaus Kultcharakter hat) und gesehen. Bis, ja, bis ich vor Kurzem Pfarrer Franz Brei, im Nebenberuf Schlagerstar, sah, wie er in den „Seitenblicken“ eine persönliche Belobigung des Papstes in die Kameras hielt – und zwar nicht seiner seelsorgerischen Leistungen wegen, sondern wegen seiner Sangeskünste. Unglaublich! Der Chef eines Weltkonzerns, noch dazu wo dieser gerade auf einem zentralen Markt in einer seiner größten Krisen steckt, findet Zeit dafür, einem einfachen Mitarbeiter fernab des Headquarters seine Anerkennung auszudrücken. Kann man sich vorstellen, dass Barack Obama einem demokratischen Gemeinderat in New Mexico, der es zur lokalen Country-Größe gebracht hat, derart gratuliert? Papst Benedikt XVI., der bekennende Mozart-Fan, ist anscheinend volkstümlicher, als wir je vermutet hätten. Ad multos annos!
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2010)
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