25.05.2012 13:23 | Meine Presse Merkliste 0

Wie man sich Kälte schönredet

06.02.2012 | 18:27 |  ULRIKE WEISER (Die Presse)

Wie ist das Wetter? Sonnig und warm. Oder so.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

"Komm", sagt Freund J., „sag es.“ Nein, sage ich, ich glaube an so etwas nicht. „Zu Unrecht“, sagt J. Und gibt sich dann selbst die Antwort, auf die er wartet: „Sonnig und warm.“

Seit seiner Rekrutenzeit ist J. nämlich überzeugt, dass man sich schlechtes Wetter schönreden kann. Wohingegen ich meine: Wenn es kalt ist, ist es kalt, und wenn ich es nicht mag, mag ich es nicht. Ich muss aber zugeben: Weitergeholfen hat mir das auch noch nie. Deshalb habe ich nachgedacht – ein krankheitsbedingtes Wochenende im Bett eignet sich für so etwas –, ob Kälte für mich nicht doch ihr Gutes haben könnte. Nach 48 Stunden sind mir drei Sachen eingefallen:

1.) „Es ist zu kalt“ ist ein praktischer Satz. Etwa, wenn man Altglas zum Container bringen müsste. Oder „draußen“ sonstige eher lästige Erledigungen anstehen. Denn Kälte reduziert die Agenda des Tages umgehend auf das Nötige. Sie simplifiziert das Leben. Take this, Lebensberaterbücherautoren!

2.) Kälteempfindliche Menschen kennen den Spruch vielleicht: „Das gibt's nicht, dir kann gar nicht kalt sein.“ Das Gute an der Witterung ist, dass solche arroganten Meldungen Pause haben. Denn jetzt ist allen kalt – und den Empfindlichen sind ein paar zusätzliche Minusgrade egal: Mehr als kalt geht eh nicht.

3.) Bei Kälte liest man mehr. Das ist nämlich eine der wenigen Beschäftigungen, bei denen eine Daunendecke über den Schultern nicht stört. Empfehlen könnte ich den alten, aber guten Roman „The Road“ von Cormac McCarthy. Angesichts der Apokalypse in Grau kommt einem Wiener Frost gemütlich vor.

Falls Sie das alles nicht überzeugt – ich habe mich bemüht, immerhin – noch ein letztes Wort: Kryophobie. Das ist die Angst vor der Kälte. Falls Sie das dieser Tage einmal brauchen sollten.

 

E-Mails an: ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
Gast: Als Gast kommentieren
07.02.2012 07:01
0 0

Falls Sie das alles nicht überzeugt – ich habe mich bemüht, immerhin – noch ein letztes Wort: Kyrophobie. Das ist die Angst vor der Kälte.

Also bei mir heißt das: Kryophobie ... (so von wegen Kryotechnik etc., kommt aus dem Griechischen, aber mit dem hat man es heute bei den Redakteuren wohl nicht mehr so).

Qualitätszeitung, wo bist Du nur hin ...