Sechs schöne Weihnachtsmärchen

22.12.2012 | 18:01 |  von ANNEMARIE MITTERHOFER (Die Presse)

Was wäre, wenn die Weihnachtsfeiertage nicht jedes Jahr genau so ablaufen würden, wie es dem Klischee entspricht? Es ginge ja auch anders.

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Es war einmal ein Ehemann...,der freute sich schon den ganzen Advent auf Weihnachten. Eines Tages sagte er zu seiner Frau: „Ich möchte, dass wir heuer einmal die gesamten Weihnachtsferien bei deinen Eltern verbringen!“ Denn er unterhielt sich gerne mit seiner Schwiegermutter über Erziehungs- und Gesundheitsfragen und mit seinem Schwiegervater über Zeitgeschichte und Ausländerpolitik. Die Fahrt zu den Schwiegereltern dauerte viele Stunden, weil es wegen der glatten Fahrbahn immer wieder Auffahrunfälle gab, aber der Ehemann verlor keinen Augenblick Geduld und gute Laune. Als sie ankamen, wartete der Schwiegervater schon mit einem Werkzeugkoffer vor der Haustür. Er klopfte dem Ehemann wohlwollend auf die Schulter und fragte: „Kannst du dir vielleicht schnell das Dach vom Geräteschuppen anschauen, solange du die Jacke noch anhast?“ Der Schwiegersohn nickte begeistert. Nach ein paar Stunden gesunder Bewegung im Freien kam er ins Haus. Dort empfing ihn die Schwiegermutter mit einem Fünf-Elemente-Sprossensalat und Reiskeksen. Er freute sich sehr. Und als sie ihm auch noch erzählte, dass Großtante Notburga extra für Weihnachten von der Geriatrie freibekommen hat und bei ihm und seiner Frau im Zimmer schlafen wird, beschloss er spontan, sich noch ein paar Urlaubstage zu nehmen. Und wenn er nicht Zigaretten holen gegangen ist, freut er sich noch heute.


...sein Chef und eine Firmenweihnachtsfeier, die fand nicht in der hauseigenen Kantine statt. Denn die Geschäftsführung hatte nicht zu sparen beschlossen, weil die Bilanzen nicht schlecht und die Mitarbeiter nicht faul waren. Sie gab auch nicht in einem Rundmail bekannt, dass heuer aufgrund der unbefriedigenden Aussichten fürs nächste Jahr die Weihnachtsboni gestrichen werden. Sondern die Geschäftsführung lud alle zu einem schönen Weihnachtsessen in stilvollem Rahmen ein. Zu Beginn stand der Chef auf und klopfte mit dem Löffel an sein Glas. Als es im Saal ruhig wurde, hielt er eine Weihnachtsrede. Doch er sagte nicht: „Heuer ist es sich gerade noch mal ausgegangen! Aber nächstes Jahr müsst ihr mehr leisten, sonst müssen wir die Strukturen verschlanken.“ Er sagte nicht einmal, dass das Unternehmen auf die globale Wirtschaft reagieren müsse und deshalb die Gehälter eingefroren werden. Nein, er sagte nur: „Liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! Lasst es euch gut schmecken und genießt den Abend.“ Dann ist er von Tisch zu Tisch gegangen und hat alle Mitarbeiter mit dem richtigen Vornamen und Nachnamen angeredet, sie nicht geduzt, sich persönlich bedankt, ihnen schöne Weihnachten gewünscht und zwei freie Tage geschenkt. Und wenn er nicht aufgekauft und gefeuert worden ist, ist er noch heute der beliebteste Chef, den der Ehemann je hatte.


...seine Frau verbrachte eine entspannte Vorweihnachtszeit. Sie nervte ihren Gatten nicht schon seit Ostern mit Detailfragen zum besinnlichen Zeremoniell. Sie jagte nicht verbissen drei Monate lang nach Weihnachtsgeschenken, verbrachte nicht 23 Adventabende mit dem Backen von Weihnachtskeksen, die in ihrer figurbewussten Familie niemand anrührt und bekam keinen Heulanfall, weil ihre Kinder „Stille Nacht, Heilige Nacht“ nicht auswendig konnten. Sie lobte beim Familienessen die fünfreihige Perlenkette der Schwägerin und freute sich, dass der Neffe in Harvard studieren soll. Und wenn sie ihrem aufgeblasenen Schwager nicht doch noch das Rotweinglas über das Revers gegossen hat, lächelt sie heute noch entspannt in die Runde.


...sein Sohn ist am Heiligen Abend noch vor der Bescherung aus dem Bett gekrochen. Er hat seinem Vater geholfen, den Tannenbaum von der Garage ins Wohnzimmer zu tragen. Dabei hat er sich Jacke und Schuhe angezogen und für den Weg von der Haustüre zur Garage nicht länger als eine halbe Stunde gebraucht. Er hat beherzt das obere Ende des Baumes aufgehoben und es bis zum Haus nicht dreimal abgestellt, um seine SMS zu beantworten. Als ihn seine Mutter gefragt hat, ob er mit der kleinen Schwester zum Christkindlmarkt fährt, damit sie in Ruhe den Baum schmücken kann, hat er nicht die Ohrstöpsel herausgezogen und sie angeschaut, als hätte sie von ihm verlangt, die Weihnachtsgans zu köpfen, und er hat nicht gesagt: „Wozu gibt's Fernsehen?“ Er hat auch nicht erklärt, dass er auf gar keinen Fall zwei Stunden lang seinen Freunden auf Facebook keine Statusmeldungen geben könne und ein Christkindlmarkt überhaupt etwas für Babys und Loser sei. Stattdessen ist er mit der Schwester zum Christkindlmarkt spaziert, hat ihr von seinem Taschengeld einen Lebkuchenengel gekauft und „Es wird schon glei dumper“ vorgesungen. Und wenn er seine Schwester nicht auf dem Christkindlmarkt verloren hat und erst um Mitternacht nach Hause gekommen ist, singt er noch heute.


...seine Schwiegermutter kochte am Heiligen Abend nicht. Denn sie hatte die Küche dem Schwiegersohn überlassen. Den ganzen Tag verbrachte sie in vollkommener
Ruhe. Sie stand nicht schon um 5.30 Uhr auf, schaltete nicht den Staubsauger ein, klopfte keine Schnitzel und unterhielt sich nicht lautstark unter den Schlafzimmerfenstern mit der Nachbarin. Sie ließ alle frühstücken, wann sie wollten, und war auch nicht beleidigt, dass niemand ihr selbst gebackenes Urkornbrot, sondern alle die Croissants vom Bäcker aßen. Sie räumte niemandem den Teller unter der Nase weg, wischte nicht nebenher Staub und wollte auch nicht schnell noch das Vorhaus ausweißen. Als der Schwiegersohn zu kochen begann, fragte sie ihn nicht, ob sie ihm helfen solle. Und sie fragte auch nicht noch einmal und noch einmal und noch einmal. Denn sie betrat die Küche gar nicht. Sie schaute nicht ein einziges Mal „nur ganz kurz“ herein, sie fragte auch nicht zur Sicherheit, ob er auch das Passiersieb für die Soße gefunden hätte und räumte auch nicht heimlich hinter ihm her. Das fertige Weihnachtsmenü lobte sie über den grünen Klee. Sie verlangte zweimal Nachschlag von der gefüllten Gans. Und wenn sie nicht an einer Gallenkolik verstorben ist, schwärmt sie noch heute.


...und seine Geliebte erklärte dem Ehemann, dass es ihr überhaupt nichts ausmache, wenn er sie zu Weihnachten allein lasse, denn sie würde sich großartig mit allen ihren Single-Freundinnen amüsieren, deren Liebhaber auch keine Zeit hätten. Sie würden sich ein paar Herz-Schmerz-DVDs ansehen, Marshmallows essen und dazu Unmengen von Prosecco trinken. Es würde bestimmt ein Heidenspaß werden. Als aus dem Single-Fest nichts wurde, weil die eine Freundin zu großen Liebeskummer hatte, die zweite einen neuen Lover und die dritte doch lieber heim zu Mami und Papi fahren wollte, schmiss sie nicht gleich die Nerven weg, sondern hielt eisern an ihrem DVD-Prosecco-Marshmallow-Plan fest. Am Heiligen Abend öffnete sie eine Flasche Prosecco und schob „Love Actually“ in ihren DVD-Player. Dabei kamen ihr nicht schon beim Vorspann die Tränen, worauf sie nicht die Prosecco-Flasche in einem Zug leerte und auch nicht sofort die zweite und schon gar nicht gleich darauf die dritte öffnete. Dadurch kam sie auch nicht auf die Idee, den Ehemann um Mitternacht bei seinen Schwiegereltern anzurufen und es passierte nicht, dass Großtante Notburga das Handy abhob und fragte: „Wer ist da?“ Und wenn sie dann nicht gesagt hat, „die Geliebte vom Hubert“, als die Ehefrau der Tante gerade den Hörer aus der Hand nahm, dann hat der Ehemann wieder ein herrlich entspanntes Weihnachten verlebt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2012)

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