Ein Pilz gefährdet die heimischen Christbäume

22.12.2012 | 18:01 |  von SOPHIE HANAK UND MARTIN KUGLER (Die Presse)

Pilzkrankheiten verursachen große Schäden bei der Nordmanntanne. Forscher der Boku wollen das Problem nun an der Wurzel packen: Die Wurzelstöcke der Tannen werden mit biologischen Feinden der Schädlinge behandelt.

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Drehen sich am Heiligen Abend die Christbaumkugeln im flackernden Kerzenlicht und tragen Jung und Alt beim Anstimmen von „O Tannenbaum“ das Glitzern in den Augen, dann hat der Christbaum den widrigen Umständen seiner Aufzucht erfolgreich getrotzt. Denn die hierzulande beliebteste Christbaumsorte, die Nordmanntanne (Abies nordmanniana), muss bis zu ihrem großen Auftritt mit diversen Schädlingen fertigwerden.

Benannt nach dem finnischen Botaniker Alexander von Nordmann erstreckt sich das natürliche Verbreitungsgebiet der Nordmanntanne vom südlichen Russland über Georgien bis in die westliche Türkei. Heute ist Dänemark mit einem Bestand von 100 Millionen Bäumen der wichtigste Produzent der Nordmanntanne, wovon jährlich etwa fünf Millionen Stück exportiert werden. In Österreich werden rund 1,5 Millionen Nordmanntannen pro Jahr produziert. Doch die begehrten Christbäume sind gefährdet: Vor allem Schadpilze bedrohen die Tannen wegen ihrer weichen und spät abfallenden Nadeln und verursachen dadurch Ernteausfälle von bis zu 20 Prozent.

Für die naturnahe Produktion von Christbäumen, wie sie auch in Österreich praktiziert wird, sind die Pilze eine ausgesprochene Herausforderung. So auch in Norwegen, wo dieses Jahr Christbaumkulturen, hier vor allem Fichten, von starkem Pilzbefall betroffen sind. Es wird vermutet, dass der sehr niederschlagsreiche Sommer für die Verbreitung der hartnäckigen Krankheitserreger verantwortlich ist.

Ausgerechnet ein Speisepilz, der gemeine Hallimasch (Armillaria mellea), verursacht beträchtliche Schäden der Nordmanntanne. Dieser Pilz besiedelt sowohl Totholz als auch lebende Bäume und wird gern als das größte Lebewesen der Erde bezeichnet: Der überwiegende Teil des gemeinen Hallimasch ist unter der Erde verborgen, seine sogenannten Rhizomorphe können eine Länge von über drei Metern erreichen: Sie bilden ein zusammenhängendes Geflecht namens Myzel, das sich kilometerweit von Baum zu Baum erstrecken kann.

Der Pilz dringt über die Wurzeln in den Nadelbaum ein, die Myzelstränge wachsen dann zwischen Rinde und Holz weiter. Wird der Stamm erreicht, so wird das Holz – genauer gesagt: das Kambium – zerstört, in der Folge wird der Baum krank, wirft seine Nadeln ab und stirbt. Vor einigen Jahren wurde zudem beobachtet, dass die Nordmanntannen in Österreich und anderen Ländern auch durch den Pilz Kabatina abietis gefährdet sind. Diese Pilzkrankheit ist zwar, so weit man bisher weiß, nicht so letal. Der Pilz überzieht aber die Zweige und Nadeln, auch mit freiem Auge ist ein fahlbraunes Pilzgeflecht erkennbar. Es bilden sich rundliche rotbraune oder graugelbe Flecken sowie schwarze Fruchtkörper, die äußere Hälfte der Tannennadeln bleicht aus, die Nadeln fallen schließlich ab.


Immer neue Pilze. Pilze und Bäume bilden vielfach enge Symbiosen (siehe Lexikon); wie jeder Schwammerlsucher weiß, sind bestimmte Arten sogar aufeinander angewiesen, sie kommen nur gemeinsam vor. Aber manche Pilzarten führen auch zu großen Schäden – oft in Verbindung mit anderen Schadursachen wie Spätfrösten, Sturmschäden oder Trockenheit. Man entdeckt immer mehr Pilze: So weiß man erst seit wenigen Jahren, dass der Pilz Chalara fraxinea für das aktuelle Eschentriebsterben in Mitteleuropa verantwortlich ist. Pilze machen auch bei der Produktion von pflanzlichen Nahrungsmitteln oft große Probleme (siehe Artikel rechts).

Eine der Hauptursachen für die Ausbreitung der schädlichen Pilze in Christbaumkulturen in letzter Zeit war es, dass nach der Baumentnahme die Wurzelstöcke nicht entfernt wurden. Die Folge war, dass sich die Pilze in den zurückgebliebenen Stümpfen gut vermehren und über Jahre halten konnten. „Nun wurde begonnen, das Problem bei der Wurzel zu packen, sodass heute die Stümpfe mit herausgenommen werden“, erläutert Raphael Klumpp vom Department für Wald- und Bodenwissenschaften an der Universität für Bodenkultur.

Vor einigen Jahren begann das Bundesforschungszentrum für Wald gemeinsam mit Organisationen in anderen Ländern mit systematischen Versuchen, denKabatina-Pilz mit Fungiziden zu bekämpfen; diese Versuche brachten bisher aber keine zufriedenstellenden Erfolge.


Biologischer Ansatz. Daher probieren es die Boku-Forscher nun mit einem anderen, einem biologischen Verfahren. In einer seit dem Jahr 2010 laufenden Studie wird überprüft, ob ein bestimmter Schimmelpilz namens Trichoderma harzianum die Schadpilze der Nordmanntannen bekämpfen kann. Trichoderma besiedelt den Wirt, ohne ihn zu schädigen, und kann als ökologisch vertretbarer „Biocontrol“-Pilz eingesetzt werden: Er hemmt und verdrängt die Pflanzenpathogene und kann schließlich sogar dazu beitragen, die Pflanze zu stärken.

Um zu testen, ob der Biocontrol-Pilz den Bäumen tatsächlich helfen kann, wurde in einer Christbaumplantage am Jauerling – einem der Hauptproduktionsgebiete in Österreich – eine Pilzsuspension zweier Varianten von Trichoderma auf den Wurzelraum der Tannen aufgebracht. Einmal im Jahr werden nun Messungen durchgeführt. Cornelia Gradinger vom COMET-Kompetenzzentrum „Wood Kplus“ (TU Wien) hat dabei den mikrobiellen Teil der Messungen übernommen: Sie nimmt Proben von Wurzeln und Ästen und sucht nach Stoffwechselprodukten der Pilze. Raphael Klumpp (Boku) untersucht den Gipfeltrieb, der üblicherweise vier bis fünf Seitenäste zeigt. Er beobachtet, ob die Seitenäste angelegt sind und sich entwickeln. Weiters werden mithilfe eines Baggers die Wurzeln möglichst ungestört entnommen und die Wurzelmasse und das -volumen gemessen.

„Die Herausforderung ist recht groß, wenn man sich mit Bäumen beschäftigt. Spannend ist, dass Nordmanntannen so wild sind, sie sind weit entfernt von Kulturpflanzen wie etwa veredelten Apfelsorten“, sagt Klumpp. „Bei manchen Exemplaren sieht man einfach, dass diese niemals ein Christbaum werden können. Vergleichbar einem Wildpferd aus der Mongolei, das als Fiakerpferd vorgeschlagen werden würde“, scherzt Klumpp.


Christbaumkonferenz. Erste Ergebnisse des Forschungsprojektes wurden auf der „International Christmas Tree Research & Extension Conference“ präsentiert – ja, so etwas gibt es tatsächlich, immerhin werden in Deutschland jährlich knapp 700 Millionen Euro mit Christbäumen umgesetzt, in Österreich dürften die 1000 Christbaumproduzenten jede Saison an die 50 Millionen Euro erlösen. Nach einem Jahr schlug die Behandlung mit den Biocontrol-Pilzen jedenfalls noch nicht an. Das war freilich abzusehen, weil eine Tanne ein Höchstalter von bis zu 500 Jahren erreichen kann und ein Christbaum erst nach ungefähr zwölf Jahren geerntet wird – ein Zeitraum von einem Jahr nimmt sich dagegen ziemlich bescheiden aus.

Es heißt also abzuwarten, ob der Biocontrol-Pilz den Christbäumen helfen kann. Aber bislang ist man allerorts optimistisch, dass am Heiligen Abend weiterhin die Nordmanntanne als der Christbaum unserer Wahl bewundert und besungen werden kann.

Mykorrhiza

Bäume und Pilze gehen vielfach Symbiosen ein, in denen sie sich gegenseitig mit Nährstoffen ver-
sorgen. Bei einer Ektomykorrhiza umhüllen die Pilzfäden die Wurzeln, bei der Endomykorrhiza dringen die Pilze in die Zellen der Bäume ein.

Der Ausbildung einer gesunden Mykorrhiza kann durch Pilzpräparate künstlich nachgeholfen werden.

In Zahlen
2,45

Millionen
Christbäume werden alljährlich in Österreich verkauft. Damit werden
76 Prozent aller
Haushalte zur Weihnachtszeit festlich geschmückt.

90

Prozent
davon werden in Österreich produziert. Rund 1000 Produzenten bewirtschaften mehr als 3000 Hektar Christbaumkulturen.

25

Prozent
der heimischen Christbäume stammen nicht von diesen Kulturen, sondern werden ganz normal im Wald geschnitten.

2

von 3
in Österreich verkauften Christbäumen sind Nordmanntannen.

187

tausend
Nadeln trägt eine durchschnittliche Nordmanntanne
(mit 1,60 Meter Höhe).

15

Prozent
kleiner geworden ist die Anbaufläche von Christbäumen in den vergangenen Jahren. Der Grund dafür ist, dass mit Getreideanbau wegen des gestiegenen Preises mehr Geld zu verdienen ist. Daher herrscht in Europa derzeit Christbaummangel.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.12.2012)

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2 Kommentare

Zuviele Monokulturen??


Schädlinge

Als Schädling kenne ich mich da bestens aus:
Wir brauchen einfach Profi-Christbäume!

Kostet zwar mehr und die Verfügbarkeit bei Bedarf kann nicht gewährleistet werden.
Das bietet neue Schmiermöglichkeiten . . .

Weihnachtsmann-Minister
und Hobby-Nikolaus

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