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Weihnachten... und Friede auf Erden

23.12.2012 | 17:24 | von Rainer Nowak (Die Presse)

Wir versuchen, Menschen zu versöhnen, auch wenn das manche nicht wollen. Und unsere Korrespondenten schreiben in Miniaturen von Weihnachten in einer Krisenzeit, die eigentlich zu relativieren ist.

Die soziale Hektik und der Konsumrausch der vergangenen Wochen haben ihr Gutes: Die folgenden Tage erscheinen uns im Regelfall noch stiller, ruhiger, als sie es sind. Das Fest der Liebe und der Versöhnung – wobei es sowohl im Christentum als auch im Judentum noch ein eigenes Fest der Versöhnung gibt – hat in den vergangenen Jahren angesichts von Krisen und Zukunftsängsten jene Kraft zurückgewonnen, die es immer hatte: das Fest der Familie zu sein, die im altrömischen Sinn auch Mitglieder umfasst, die nicht miteinander verwandt, sondern befreundet sind.

In diesem Jahr haben wir versucht, Streitparteien und Feinde für unsere Weihnachtsausgabe zu finden, die mit uns den Versuch unternehmen, sich versöhnen zu lassen. Interessanterweise war dies keine leichte Übung, Absagen gab es sonder Zahl. Besonders in der Innenpolitik dürfte es demnach kaum persönliche Verwerfungen geben. Da wollte ein ehemaliger Kanzler nicht mit einem Spitzenrepräsentanten seiner eigenen Partei über die alten Verletzungen und die Beleidigung der Basis reden. Der andere sowieso nicht. Auch die große Distanz zwischen einem Wiener Parteichef (oder -chefin) und seinem (Ex-)Vertreter im EU-Parlament bleibt bestehen, man wollte die Probleme und Konflikte nicht noch einmal öffentlich machen, hieß es da. Und dann geht es natürlich um Augenhöhe: Mit der oder dem sprechen wir nicht öffentlich, hörten wir nicht nur einmal. Und dann gibt es Fälle, in denen die Betroffenen nichts von einem Streit wissen wollen, der die Medien über Monate beherrschte: Direktorenstreit zwischen zwei großen deutschsprachigen Bühnen? Wie bitte? Alles eine Erfindung der Medien.

Vielleicht ist das auch eine zentraleuropäische, eine österreichische Spezialität: Feindschaften aufgrund unterschiedlicher Positionen werden geleugnet, existieren offiziell nicht. So erspart man sich auch die offene inhaltliche Debatte, sie bleibt unter der Tuchent, wie der Wiener seinen nächtlichen Kälteschutz gern nennt. So werden echte Kompromisse und Lösungen allerdings erschwert. Wo es kaum offene Konflikte und Problemfelder gibt, kann man sie auch nicht aus dem Weg räumen. Streitkultur fürchtet das Land, das wäre ungemütlich. Da führt man lieber Scheingefechte und definiert die politische Welt über Banalitäten: posiert etwa wahlweise ohne jede Originalität gegen Faschismus oder Große Koalitionen und erspart sich langwierige inhaltliche Festlegungen und Auseinandersetzungen. Verkrustung ist die Folge.

Es war einmal ... Christmas Truce

Zugegeben: Bedenkt man das historische Musterbeispiel für den Weihnachtsfrieden, muten unsere Konflikte banal an. Es war der Christmas Truce, jener spontane und verbotene Waffenstillstand während des Ersten Weltkrieges an mehreren Abschnitten der Westfront, der den Weihnachtsfrieden zum geflügelten Wort machte. Zwischen Deutschen und Briten in Flandern kam es zu Verbrüderungen und dem einen oder anderen eisigen Fußballspiel. Auch an Teilen der Ostfront gab es keine Schusswechsel. Dieser Weihnachtsfriede des Ersten Weltkriegs, der sich in zwölf Monaten zum 100. Mal jähren wird, wurde über die Jahre immer romantischer ausgeschmückt, als er war.

Dieses historische Beispiel erinnert auch daran, dass trotz aller Krisenszenarien und Endzeitfantasien unsere europäische Welt sicherer ist als je zuvor. Kriege und Hungersnöte kennen Generationen nur aus Geschichtsbüchern und Rückblicken. Sich das zu vergegenwärtigen relativiert so manche Aufregung. Das sollte aber kein Freibrief sein, notwendige Veränderungen und schmerzhafte Reformen nicht durchzuführen.

Dieser Tage ist vielleicht genau das unser Wunsch: in schwierigen, brüchigen Zeiten Geschichten über Frieden, Hoffnung, Religion und Traditionen zu hören und zu lesen. Wir haben unsere Korrespondenten gebeten, Miniaturen aus ihren Städten zu verfassen, die ihr lokales Weihnachten beschreiben. Die Eindrücke sind nicht immer positiv, auch zu Weihnachten lässt sich die Welt nicht schönen. Aber gelassen betrachten. In diesem Sinne wünscht die „Presse“-Redaktion ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest.


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