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Weihnachtsmann: Ein alter Gott mit Babyface

23.12.2012 | 17:38 | ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Wann die Rentiere kamen, wie er fliegen lernte und warum er mit einem Chinesen namens Shou Xing verwandt ist. Und warum das Christentum - wenn es unbedingt sein muss - auch ohne Christkind auskommt.

Einer der berühmtesten Briefe Amerikas stammt von einem kleinen Mädchen. Im Jahr 1897 schrieb Virginia O'Hanlon an einen Mitarbeiter der Zeitung „New York Sun“: „Lieber Redakteur: Ich bin acht Jahre alt. Einige meiner kleinen Freunde sagen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Papa sagt: ,Wenn du es in der Sun liest, ist es so.‘ Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es einen Weihnachtsmann?“

Berühmt wurde dieser Brief wegen seiner Antwort. Ein Redakteur namens Francis P. Church gab sie sogleich und sogar in Form eines Leitartikels: „Ja, Virginia, es gibt einen Weihnachtsmann. Er existiert so zweifellos wie Liebe und Großzügigkeit und Zuneigung bestehen[...] O weh! Wie öde wäre die Welt, wenn es keinen Weihnachtsmann gäbe. Sie wäre so öde, als wenn es dort keine Virginias gäbe. Es gäbe dann keinen kindlichen Glauben, keine Poesie [...] Nicht an den Weihnachtsmann glauben! Du könntest ebenso gut nicht an Elfen glauben!“

 

Acht Rentiere – und noch kein Rudolf

1897, da war der Weihnachtsmann, wie ihn heute fast alle Welt kennt, schon über 70 Jahre alt. Bis heute ist nicht sicher, welcher Amerikaner 1823 das Gedicht veröffentlichte, das heute unter dem Titel „The Night before Christmas“ der vielleicht wichtigste Text im Kanon der Weihnachtsmann-Literatur ist. Er ist gewissermaßen die Geburtsurkunde des modernen Weihnachtsmanns, der auf einem von Rentieren gezogenen Schlitten fährt, durch Kamine in die Häuser einsteigt und Geschenke in Socken steckt.

Der richtige Titel des Gedichtes ist fast vergessen, wohl weil darin nicht von Santa Claus die Rede ist, der heutigen amerikanischen Bezeichnung für den Weihnachtsmann, sondern vom heiligen Nikolaus: „A Visit of St. Nicholas“. Zum ersten Mal hat „St. Nick“ hier Rentiere, und zwar acht: Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Dunder und Blixem. Wo ist der rotnasige Rudolf? Der sollte erst zu Anfang des Zweiten Weltkriegs in einem Gedicht geboren und kurz nach dem Krieg mit dem bis heute gespielten Lied berühmt werden.

Noch Mitte des 19. Jahrhunderts im Lied „Jingle Bells“ reitet der Weihnachtsmann auf einem Pferd, aber die Rentiere setzten sich dann durch. Warum überhaupt Rentiere? Man weiß es nicht so genau, vielleicht wegen skandinavischen, auf Rentierschlitten fahrenden Wintergöttern, vielleicht wegen Rentierritualen auf nordosteuropäischen Winterfesten?

 

Fliegende Sibirer und eine italienische Fee

Von sibirischen Schamanen heißt es außerdem, dass sie Fliegenpilze durch den Verdauungsapparat dieser Tiere filterten und während der Wintersonnenwend-Rituale als Drogen einnahmen. (Was auch den Fliegenpilz als nicht auszurottendes Weihnachtsdekor erklären könnte.) Die Pilze machten aus Schamanen Seelenwanderer, die durch die Rauchlöcher der Zeltdächer schwebten.

Im behausten Amerika kommt der Weihnachtsmann durch den Kamin. Dass er fliegen kann, verbindet ihn auch mit der christkindsuchenden und gabenbringenden italienischen Hexe Befana. Sie steckt am 6.Jänner („Epiphanias“, daher ihr Name) den Kindern Geschenke in die Socken. Auch der Nikolaus fliegt, und zwar auf italienischen Renaissancebildern. Da schwebt der Heilige der Seefahrer über dem Mittelmeer und lenkt Boote in den Hafen oder fliegt Schiffen nach, um sie zu warnen.

 

Amerikas holländische Wurzeln

In Italien hat der westliche Nikolauskult begonnen, eins seiner Zentren wurde Holland. Und als die Amerikaner des 19. Jahrhunderts nach Wurzeln suchten, boten sich die Traditionen holländischer Siedler an. Sie galten nach den Indianern als eine Art amerikanische Ureinwohner, Holländer gaben im früher „Nieuw Amsterdam“ genannten „New York“ den Ton an. Der heilige Nikolaus hieß bei ihnen u.a. „Sint Nicolaas“ oder auch weniger förmlich „Sinterklaas“. Daraus wurde in Amerika „Santa Claus“, vielleicht weil „santa“ irgendwie lateinisch und dadurch so altertümlich europäisch klang.

In vielen Regionen wurde Nikolaus mit rot-weißem Gewand dargestellt. In anderen Farben ist der Weihnachtsmann heute nicht mehr denkbar. Das verdankt sich aber erst der legendären Coca-Cola-Werbekampagne, die ursprünglich Anfang der 1930er-Jahre von einem Sohn finnischer Einwanderer gestaltet wurde. Jahrzehntelang wurde sie fortgeführt, und bis heute funktioniert sie als Nostalgiewerbung.

Keine andere Werbekampagne der Welt war wohl kulturell so prägend. Aber kann man den Weihnachtsmann deswegen einfach als Produkt der „Konsumreligion“ und Warenfetisch abtun? Der deutsche Ethnologe Thomas Hauschild schildert in seinem kürzlich erschienenen Buch „Der Weihnachtsmann. Eine wahre Geschichte“ (S. Fischer) zum Teil erstaunliche Parallelgestalten zu Nikolaus und Weihnachtsmann in vielen Kulturen. Es sind alte Männer, oft mit Kindergesichtern, die im Zentrum von Winterfesten stehen, die schenken und Wünsche einsammeln, die für die Kinder, für die Schwachen da sind.

Besonders fällt die Ähnlichkeit aber bei Shou Xing auf, dem chinesischen Gott des langen Lebens. Er sieht sowohl Nikolaus als auch Weihnachtsmann nicht nur auf Bildern ähnlich (etwa mit der hohen Stirn), er wirkt auch sonst wie ein älterer Bruder oder zumindest Cousin. Shou Xing hilft im Verborgenen, beschenkt besonders Kinder (mit Langlebigkeit), fliegt als Wintergott in einem Schlitten über die Welt. Einem chinesischen Witz zufolge sind Santa Claus (dessen Geschenke ja großteils in China produziert werden) und Shou Xing sogar Mitarbeiter derselben Firma: eines „Express-Home-Liefer-Service“ für kleine Kunden.

 

Angst vor dem Winter, vor dem Tod

Überall im eurasischen Raum gab es Hauschild zufolge heidnische Winterbräuche, bei denen es um Schenken (und Strafen) ging, um Versorgung der Schwachen in der kalten Jahreszeit, um Rituale gegen die Angst vor dem Tod – und alte, oft jugendlich aussehende Männer (Götter) im Mittelpunkt. Auch die Geschichte von einer Menschen rettenden und verbindenden geheimen Gabe, wie sie die Nikolaus-Legende erzählt, wurzle in älteren Sagen und Mythen.

Auf dem Kommerzweg in alle Welt hat sich der Weihnachtsmann jeder Substanz entledigt; trotzdem hat er das nicht globalisierungsfähige, weil zu religiöse Christkind verdrängt. Aber vielleicht kann noch etwas werden aus ihm, wenn man sich auf das uralte Geflecht an Bräuchen besinnt, mit dem er verbunden ist.

Trostpflaster für Christen: Die Entchristlichung von Weihnachten fing schon vor Jahrhunderten an, mit dem Geschenke bringenden Christkind, dessen Verbindung zu Jesus Christus zunehmend lose wurde. In der reformierten Schweiz wurde es sogar zum Neujahrskind. Kostbare Volksbräuche gehen mit seinem Verschwinden verloren, aber das Christentum? Das braucht nicht das Christkind, nur den Christus.


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