Weihnachten zerlegt und neu geordnet

17.12.2011 | 18:59 |  von Doris Kraus (Die Presse)

Kaum ein Fest lebt so von Klischees wie Weihnachten. Manche sagen etwas eleganter "Traditionen" dazu. Und an denen rüttelt man auf eigenes Risiko. Obwohl es dann erst so richtig interessant wird.

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Was ist das Wichtigste an Weihnachten? Genau, dass alles so ist, wie es sein soll. Der eine perfekte Tag, wenigstens ein Mal im Jahr. Kein anderes Fest lebt so vom Klischee. Beziehungsweise von den Klischees. Denn die Bandbreite hat sich durchaus geweitet. Es geht nicht mehr nur um strahlende Kinderaugen, glänzende Christbaumkugeln und die Gans im Ofen. Zu den alten Fixpunkten sind längst neue gekommen. Wie die Weihnachtsverweigerer – auch sie sind bereits so etabliert, dass sie durchaus das Anrecht aufs Klischee erworben haben. Oder die These, dass wir alle zu Weihnachten zu viel essen. Oder in den meisten Familien zum Fest der Liebe die Hiebe ausgeteilt werden.

Aber wie viel ist dran an diesen Klischees? Man muss die Dinge – wie der Schweizer Kabarettist und Aktionskünstler Ursus Wehrli – zerlegen. Erst dann sieht man, woraus sie wirklich gemacht sind.

Von wegen leuchtende Kinderaugen

 

Die leuchtenden Augen der Kinder sind ein leicht erklärbares Phänomen: Die brennenden Kerzen am Baum reflektieren sich in den glasigen Augen der müden Kinder. Die mussten nämlich ewig warten, bis die Verdunkelung endlich ausreicht, um die Christkindlegende halbwegs abzusichern. Die funktioniert ohnehin nur noch, weil es ein bisschen wie mit dem geschenkten Gaul und seinem Maul ist: Hauptsache, die Beute fällt entsprechend üppig aus.

Mit zwei Kindern und mehr beginnt mit Öffnen des ersten Geschenks auch schon der Wahnsinn. Entweder die Eltern nutzen den Abend zu neoliberaler oder zu kommunistischer Erziehung. Beides geht leicht: Der Vater sagt: „Stimmt, du hast ein größeres Geschenk, das viel mehr gekostet hat, weil du älter und vor allem stärker bist als dein kleiner schwächlicher Bruder.“ Oder aber Mutter spricht zu den Mädchen: „Wir teilen hier alles, das Geld vom Papa und vom Staat, also auch alle Geschenke vom Christkind.“ (Oder politisch korrekt: von der Weihnachtsfrau.) Niemand wird sich dann auch noch wundern, wenn ein paar Jahre später die gesamte Garderobe der Mutter in den kollektiven Besitz der Töchter übergeht.

Wer nur ein Kind hat, erspart sich Eifersucht und Mordversuche am Heiligen Abend. Aber nach fünf Minuten wird auch dem kleinsten Einzelkind dämmern, dass es vor allem als Fotomotiv auf die Welt gebracht wurde, und zwar den Eltern zur Unterhaltung dient, aber selbst keine bekommt. Dafür sorgen nur die Großeltern, die ihren gesetzlichen Anspruch auf Weihnachtszeit mit Enkeln einlösen.

Was gut ist, denn spätestens um 21Uhr des Heiligen Abends sind die Eltern völlig ausgebrannt. Nach einer komplizierten Logistik aus Super-, Nasch- und Fischmarkt-Touren, Playmobil-Kinderarbeit, Christbaumschleppen und angewandtem Darwinismus beim Parkplatzsuchen blieben noch psychologische Erstbetreuung bei den fast hyperventilierenden Kindern und beruhigend-zärtliche Blicke für den Lebenspartner zu erledigen.

Der oder die lacht deswegen ohnehin nur noch hysterisch. Am Schluss helfen Bordeaux und ein Gedankenspiel. Warum wurde das anstrengende Weihnachten mit dem mühseligen Jahresende so zeitnah zusammengelegt? Warum beschwert sich niemand über die Doppelbelastung, die ausgerechnet die Phase des Jahres trifft, in der die Tage am kürzesten sind und die Dunkelheit die Kräfte raubt? Warum ist Weihnachten nicht im Juni? Schnee gibt es schließlich auch im Dezember nicht. Zugegeben: Wenn es dann lange hell ist, kommt das Christkind erst um zehn. Aber dann würden die Augen noch mehr leuchten. Rainer Nowak

 

 

Von wegen traute Familie

Mutter kocht, Vater putzt den Christbaum auf, die Kinderlein tollen noch im Schnee des Vorgartens, Großmutter und Großvater fahren mit der Rodel vor. Den Nachbarn winkt man, Tante und Onkel ruft man nachmittags am Festnetz an. Am Abend große Tafel und Bescherung oder umgekehrt. Im gesellschaftlichen Bollwerk wird gefeiert. So war es einmal. Doch die Faszination des Einzigartigen hat der Heilige Abend längst verloren. Kaum mehr eine Familie, in der es nicht zumindest zwei oder sogar mehrere Bescherungen gibt. In der Regel besteht der Heilige Abend aus gleich mehreren Abenden, die im Zweifelsfall auch auf Nachmittag und Nacht ausgedehnt werden, damit es sich überhaupt ausgeht.

Dabei passen sich die Feiern immer mehr den Familien an – ein einziges Patchwork. Zuerst müssen die Kinderaugen also in der Wohnung der Mutter leuchten, ehe das Christkind seine Geschenke noch schnell im Haus des geschiedenen Vaters ablegt. Zurücklehnen, am Schokoschirm knabbern und mit den Geschenken ein bisschen spielen? Keine Zeit, die nächste Feier wartet schon. Der Verein Rainbows, der Kindern und Jugendlichen nach der Scheidung ihrer Eltern Hilfe anbietet, spricht von 24.000 Kindern, die heuer erstmals vorgeführt bekommen, dass die heile Familie im weißen Winterwunderland so nicht mehr existiert. Erziehungsexperten können dem weihnachtlichen Feiermarathon dennoch einen positiven Aspekt abgewinnen: Die Kinder werden so wenigstens nicht vor die Wahl gestellt, ob sie lieber bei Papa oder Mama feiern wollen.

Es müssen aber gar nicht unbedingt Scheidungsfamilien sein, es gibt schließlich auch andere Gründe, mehrere Bescherungen zu feiern. Schließlich haben ja auch die Großeltern oder entfernt wohnende Verwandte ein Anrecht auf die Bescherung mit den Kindern. Und wenn es sich schon am Heiligen Abend selbst nicht mehr ausgeht, zieht die Familienkarawane eben auch in den Tagen davor und danach durchs Land. Von einer weiteren Bescherung zur nächsten, bis selbst die Kinder die von Wunderkerzen erhellte Stille Nacht mit Gähnen quittieren. In der Wirtschaft würde man von Inflation sprechen – wenn es zu viel von einer Sache gibt, ist sie weniger wert. Erich Kocina

 

Von wegen Fest der Hiebe

Die alte Wahrheit hat nicht hundertprozentig gestimmt. Und die neue tut es auch nicht. Früher galt Weihnachten hartnäckig als das „Fest der Liebe“, als der eine Abend im Jahr, an dem alle Familienmitglieder einander gerührt und insgeheim alle zwischenmenschlichen Sünden bereuend in die Arme sinken müssten, milde gestimmt durch gutes Essen, nette Geschenke und die Aussicht auf ein paar freie Tage. Doch bald drehte sich dieser Spieß um. Weihnachten wurde immer mehr zum programmierten familientechnischen Waterloo stilisiert, zu dem Punkt, an dem unausgesprochene Frustrationen und unausgebrochene Konflikte ungebremst aufeinanderprallen. Aus dem „Fest der Liebe“ wurde das „Fest der Hiebe“. Diese Sicht hat sich in der allgemeinen Wahrnehmung offenbar so festgekrallt, dass zwei Wochen vor dem Heiligen Abend mehr Manuale erscheinen, wie man Weihnachten überlebt – und zwar ohne blaues Auge – als Rezepte für Vanillekipferln.

Diese apokalyptische Sicht von Weihnachten hat allerdings mindestens genauso wenig Substanz wie die idyllische Windbäckereiperspektive von anno dazumal. Denn es gelingt noch immer erstaunlich vielen Familien, das Weihnachtsfest verhältnismäßig friedlich miteinander zu verbringen – nicht nur deshalb, weil sie den Mund zu voll haben, um miteinander zu streiten. Und sogar dann, wenn die Geschenke vielleicht etwas kleiner und die Stresspegel etwas größer ausfallen. Immer vorausgesetzt, dass ein Zuviel an Alkohol nicht sämtliche Sicherheitsschranken kurzschließt.

Das Geheimnis dieser Familien scheint zu sein, dass sie gemeinsame Rituale finden, die aber all jenen, die gemeinsam feiern wollen, genügend Raum lassen. Damit interpretieren sie „Rituale“ im besten Sinn: nicht als Zwang, sondern als Fixpunkte, bei denen jeder weiß, was zu erwarten ist. Und an die sich die Kinder später erinnern werden: „Weißt du noch, bei uns zu Weihnachten...“ Vielleicht ein wenig augenrollend, aber durchaus sentimental berührt.

Das Gute ist, dass wir Gott sei Dank an dem Punkt angekommen sind, an dem wir guten Gewissens aus dem Menü der Traditionen à la carte auswählen können. Die Frage, ob man den Christbaum skandinavisch dekoriert oder mit den Erbstücken der Uroma, ist ungefähr genauso bedeutsam wie die, ob man den Abend besinnlich anlegt oder kommerziell-entspannt. Ob man die Weihnachtsgeschichte liest, falsch „Stille Nacht“ singt oder zu „All I Want for Christmas Is You“ um das Bäumchen tanzt. Ob man ein sechsgängiges Menü oder Würstel isst. Ob man in die Mette geht oder sich vor den Fernseher setzt, ob man verweigert, allein feiert, mit der Familie oder erweitert um Freund und vielleicht auch so manchen Feind. Die Bandbreite für ein friedliches Weihnachtsfest ist groß. Aber es ist immer noch mehr Platz für Liebe als für Hiebe. Doris Kraus

 

 

Von wegen fette Weihnachten

Der Blick auf die Linie über dem Hosenbund ist nach den Weihnachtsfeiertagen besonders beliebt. Und der Schuldige ist auch schnell gefunden – man „hat es sich eben ein bisschen gut gehen lassen“ rund um den Heiligen Abend. Klingt gut, stimmt aber nur bedingt. Denn so viel kann man zwischen Weihnachten und Neujahr gar nicht essen, dass sich das auf die Leibesfülle niederschlagen kann. Stimmt schon, gegessen wird zu Weihnachten extrem viel, extrem süß und extrem fett. Selbst wenn man sich als bescheidener Fischesser gibt, wird der Karpfen eben in dicke Panier gesteckt und mit Mayonnaisesalat ein bisschen aufgefettet.

Doch es ist eine Mär, dass man an den Sünden aus Weihnachtsbraten, Keksen und Christbaumbehang das ganze Jahr lang laboriert. Denn so einzigartig ist Weihnachten auch wieder nicht. In Sachen Rechtfertigung von Ernährungssünden steht es in guter Gesellschaft mit weiteren Anlässen. Schließlich lässt man es sich auch zu Ostern mit Schinken, Schokolade und Striezel „ein bisschen gut gehen“ und stopft im Fasching einen Krapfen nach dem anderen in sich hinein. Aber eigentlich braucht man nicht einmal einen richtigen Anlass, Fett und Zucker sind hierzulande ja ohnehin Grundnahrungsmittel.

Weihnachten ist lediglich ein willkommener Anlass, die schlechten Ernährungsgewohnheiten zu legitimieren, die man schon das ganze Jahr über kultiviert hat. Die weihnachtliche Völlerei als kleine Sünde abzutun, nachdem man sich den Rest des Jahres über kasteit hat, ist nichts als klassischer Selbstbetrug. Der am Ende des Jahres in den nächsten mündet – den Neujahrsvorsatz. Der ist nämlich sehr schnell wieder dahin, verdrängt durch das in entschuldigende Worte gefasste Eingeständnis von Charakterschwäche: „Es schmeckt halt so gut.“ Damit sagt man ein weiteres Mal: „Adieu, Enthaltsamkeit! Adieu, vernünftiges Essverhalten! Wir denken nächstes Jahr zu Weihnachten wieder an euch...“

Halten wir also fest: Das Weihnachtsessen ist nicht schuld an den nachweihnachtlich so überraschend aufgetauchten Rollen über dem Hosenbund. Denn dick wird man nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern zwischen Neujahr und Weihnachten. Erich Kocina

Der Zerleger

Ursus Wehrli
Der Schweizer Kabarettist und Aktionskünstler machte 2002 mit seinem Projekt „Kunst aufräumen“ Furore, in dem er bekannte Bilder zerschnitt und neu geordnet wieder zusammensetzte.

Die Kunst aufzuräumen
Sein aktuelles Projekt „Die Kunst aufzuräumen“ setzte die Idee fort. So zerlegte er unter anderem eine Buchstabensuppe in ihre Einzelteile und ordnete eine ganze Fußballmannschaft in nackte Spieler und Kleiderstapel.

www.kunstaufraeumen.ch Geri Born

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.12.2011)

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