Zuständig für Kathedralen waren immer schon die Kirche und der Glaube. Die ganz großen symbolischen Gesten in der Architektur setzten sie, oder jene, die sich für ähnlich überirdisch hielten. Heute gehorchen die Welt und das Bauen anderen Paradigmen und Doktrinen. In manchen nachhaltigen Stadtutopien werden sogar schon Infrastrukturbauten wie Wasseraufbereitungsanlagen zu den neuen Kathedralen hochstilisiert. Einstweilen sind es Kapital und Kommerz, die sich ihre eigenen bauen. Zum Himmel streben sie nicht weniger selbstbewusst, in Wien etwa auch der Andromeda Tower von Wilhelm Holzbauer. Oder der Galaxy Tower von Martin Kohlbauer.
Doch Tesars Kirche ist nur ein Beispiel dafür, dass die sakrale Bautätigkeit in den letzten Jahrzehnten eine rege war. In der Nachkriegszeit gehört allein die römisch-katholische Kirche in Österreich zu den wichtigsten Bauherren; so liest man im Buch „Gebaute Gebete“ von Constantin Gegenhuber, das insgesamt 40 Beispiele christlicher sakraler Architektur versammelt – Beweise dafür, dass die Aufgabe „Sakralraum“ eine besondere ist. Und nach dem zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er-Jahren auch eine völlig andere.
Die kopernikanische Wende im Kirchenbau wurde dort fixiert: Man müsste darauf achten, „dass Kirchen für liturgische Feiern und tätige Teilnahme der Gläubigen geeignet sind“. Der Fokus drehte sich, buchstäblich: „Versus populum“, hin zur Gemeinde, hin zur Gemeinschaft, so werden die Messen seitdem zelebriert – eine der wichtigsten Neuerungen des Konzils, die sich auch in der Architektur manifestiert. Und die plötzlich neue Typologien und Experimente mit Raumkonstellationen zulässt. Die „neue Idee vom Wesen der Liturgie als gemeinschaftliches Mahl“. Das Resultat: keine Nebenaltäre mehr, genauso wenig Kanzeln, weniger Beichtstühle. Altar und Aufbewahrung der Eucharistie werden getrennt, und der Ort der Taufe vom Eingang ins „Angesicht“ der Gemeinde wird verlegt. Doch die schwierigste Aufgabe für den Architekten bleibt: in räumlichen Grenzen, so was wie Unendlichkeit spürbar machen.
Neue Zeiten und Zeichen. Nach dem Krieg und dem Konzil begann die Kirche mit ihren Kirchen auf neue Verhältnisse zu reagieren. Darauf, dass die Menschen längst nicht mehr genau dort wohnten, wo die Glaubensräume waren, im Stadtzentrum etwa. Mobil wie die Menschen selbst sollten die Kirchen sein, und Architekt Ottokar Uhl ließ in Wien „Interimskirchen“ auftauchen. Das „Montagekirchenprogramm“ der Erzdiözese Wien wollte es so. Uhl war der bedeutendste Architekt sakraler Bauten in der Nachkriegszeit, erst kürzlich, im November, ist er verstorben. Seine modulare Kirche in der Siemensstraße ist demontierbar, theoretisch, denn bis heute nicht geschehen. Für Uhl war die Kirche nicht vordergründig etwas „Heiliges“, sondern vor allem auch ein zweckdienliches Objekt, aus der „Notwendigkeit, „dass sich die Gemeinde zur Mahlfeier versammelt“. Und er meinte: „Kirchliche Bauten müssen nicht mehr symbolhaft sein.“
Doch sie dürfen. Wie jener Entwurf, den Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au seiner Heimatstadt Hainburg schenkte: Die evangelische Martin-Luther-Kirche wurde in diesem Jahr fertiggestellt. Vor dem Gemeindezentrum erhebt sich eine Skulptur aus poliertem Stahl, der 20 Meter hohe Glockenturm. „Die Geometrie soll eine spirituelle Symbolik ins Spiel bringen“, wünschte sich Prix für seinen Entwurf. Deshalb leite sich etwa „die Form des Gottesdienstraums von einem riesigen Tisch her“.
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