Zum Geschäft der sogenannten Zukunftsforscher gehört ja die Erkenntnis, dass in der Zukunft nur eines fix ist: dass man sich an die Prophezeiungen und Prognosen der vorhersagenden Zunft nicht erinnern wird können, man sie für ihre Fehlerhaftigkeit also nicht zur Rechenschaft ziehen wird. Kurz: Die Zukunft betreffend kann jeder ungestraft jedes Blech daherreden.
Wenn man ernsthaft eine Idee bekommen möchte, auf welche Weise wir als Greise – oder, je nach Alter, unsere Kinder und Kindeskinder – Mobilität bestreiten werden, so empfiehlt sich ein Blick in die Vergangenheit. Wie war Mobilität vor 50 Jahren beschaffen, was hatte man sich damals für das Jahr 2012 ausgedacht – was ist davon eingetreten, was nicht?
Nehmen wir zu diesem Zweck in einem BMW 1800 ti aus dem Jahr 1965 Platz (zufällig hat es uns unlängst in ein solches Exemplar verschlagen). Es ist sinnvoll, Autos in 50-Jahres-Schritten zu betrachten: Vor 100 Jahren steckten Autos in den Kinderschuhen, waren nur von Spezialisten zu bedienen und hatten im allgemeinen keine guten Manieren: Sie produzierten jede Menge Krach und Gestank, dafür kaum Leistung. Unser Sixties-BMW musste sich dagegen wie ein Raumschiff ausnehmen: Der Motor wird nicht mühselig mit der Kurbel angeworfen, sondern springt auf einen kurzen Dreher mit dem Zündschlüssel an. Und er hat 120 PS, womit auch das schnellste Pferd ausgestochen wäre. Im Innenraum ist es leise, man ist vor Wind und Wetter geschützt und sieht ziemlich gut aus. Man hielt dies damals für eines der besten Autos der Welt, in dem Sinne, dass man sich schwer vorstellen konnte, es noch tiefgreifend verbessern zu können. Tatsächlich sind Autos ungefähr von da an nicht mehr schöner oder sinnlicher geworden, allerdings schon perfekter. Praktisch jeder heutige Kleinwagen ist schneller als der als rassig erachtete BMW, und auch im Fall eines Unfalls sitzt man lieber im Fiat Panda des Jahrgangs 2012, in dem vier Airbags oder mehr aufpoppen und keine scharfkantigen Teile im Armaturenbrett verbaut sind.
Wer braucht noch einen Fahrer?
Gemessen an den ersten fünfzig Jahren hat sich seither dramatisch wenig getan. Niemand hätte 1965 seinen Alltag in einem 1912er-Austin bestreiten können, sehr gut käme man heute aber im BMW-Oldie zurecht, es würden einem sogar die Sympathien zufliegen, weil das Auto eine erholsame Sichtung ist inmitten all der aggressiv glotzenden Vehikel, die die Straßen verstopfen. Früher war man überzeugt, dass Autos in unseren Tagen würden fliegen können. Das können sie nicht, und das werden sie auch nicht. Warum? Weil der Flugverkehr diese Aufgabe übernommen hat. Flugzeuge sind zum Fliegen besser geeignet als etwas, mit dem man zum Bäcker Brot kaufen fahren möchte.
Autos werden allerdings sehr bald in der Lage sein, ohne Fahrer auszukommen. Technisch ist da nicht mehr viel zu tun, entsprechende Prototypen existieren, man ist vorrangig damit beschäftigt, das verkehrstechnische Regelwerk dafür zu entwickeln. Es ist also nicht gewagt, vorherzusagen, dass in zehn Jahren bestimmte Autos bestimmte Transportaufgaben autonom erledigen werden. Der Massenverkehr wird indes noch eine ganze Weile weitertun wie bisher – dabei macht es keinen großen Unterschied, mit welcher Art von Antrieb. Es wird mehr von allem geben, vor allem aber mehr. Das globale Verkehrsgeschehen hat ein solches Trägheitsmoment, dass es wohl nur auf gröbere gesellschaftliche Umbrüche anspricht. Und die will sich niemand wünschen: große Kriege, endgültig ausgebeutete Ressourcen, kollabierte Ökosysteme. Weil irgendetwas davon vermutlich nicht zu vermeiden sein wird, so man seinen Pessimismus mit täglichem Zeitungslesen nährt, ergibt sich daraus, dass nicht vorhergesagt werden kann, wie wir uns in 50 Jahren bewegen werden. Vielleicht schlägt das Pendel zurück, unser Radius schrumpft wieder, wir jetten nicht auf die Schnelle um die halbe Welt und pendeln täglich 50 Kilometer, wie das viele Menschen tun. Ich persönlich glaube an das Comeback des Pferdes als Transportmittel. Auch das Kamel ist als SUV sehr brauchbar.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)
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