Wien. Geht es nach den ersten Reaktionen in Internetforen, dann wird der am Dienstagabend in Berlin vorgestellte neue – siebente – VW Golf ein eindeutiger Flop. Überteuert sei er, langweilig, nichts Neues, einfach schlecht – sind sich die anonymen Kommentatoren in den Weiten des Internet einig. Doch die Vertriebsabteilung des deutschen Autokonzerns kann beruhigt sein, auch den Vorgängermodellen wurde regelmäßig bescheinigt, langweiliges Design mit teurer und fehleranfälliger Technik zu kombinieren. Für manche Mitmenschen ist ein silberfarbener Golf quasi die Ausgeburt der automobilen Fadesse. Gekauft wurde der Kompaktwagen dann aber doch immer, und zwar millionenfach.
29 Millionen Stück verkaufte VW seit der Einführung des ersten Golf im Jahr 1974. Denn seine vorgebliche Fadesse ist in Wirklichkeit seine große Stärke – er passt für alle irgendwie. Egal, ob 19-jährige Studentin, 34-jähriger Banker oder 67-jähriger Pensionist, sie alle fahren Golf. Durch seine schiere Zahl auf den Straßen gibt es zumindest im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich niemanden, der noch nie mit einem Golf gefahren ist. Und die meisten der nach 1970 Geborenen haben sogar ihre ersten automobilen „Gehversuche“ im Standardfahrschulauto Golf hinter sich gebracht.
Ein Flop wäre fatal für VW
Der große Erfolg bedeutet für VW aber auch, dass kein Golf scheitern darf. Wäre ein Flop auch bei den anderen VW-Massenmodellen Passat oder Polo schmerzhaft, beim Golf wäre er fatal. Dies erklärt die nur langsame Evolution im Design, während manches Konkurrenzmodell regelmäßig „Designrevolutionen“ unterworfen wird, die zwar von vielen beklatscht, aber von wenigen gekauft werden.
So wird die siebente Auflage des Golf für jene, die keine regelmäßigen Leser von Autozeitschriften sind, auf der Straße nur kaum von seinem direkten Vorgänger unterscheidbar sein.
Diese Vorsicht beim wichtigsten Modell ist übrigens kein Spezifikum von VW. Auch BMW beispielsweise lässt seinen Designern bei in kleiner Stückzahl gebauten Luxuslimousinen oder Sportmodellen viel mehr Spielraum, der mitunter auch zu Fehlschlägen führt. Der 3er BMW, der über das Schicksal der Münchner entscheidet, entwickelt sich indes sukzessive und langsam, um ja keinen Kunden zu verschrecken.
Unter der Karosserie gibt es jedoch auch beim Golf erstmals seit zwei Modellzyklen wieder einen deutlichen Sprung nach vorn. So basiert der Golf 7 auf einer neuen Produktionsplattform (Einheit von Fahrwerk und Antriebsstrang). In Zukunft sollen sich konzernweit 40 Modelle mit einem jährlichen Produktionsvolumen von 3,5 Mio. Stück diese Plattform teilen, was eine Kostensenkung um ein Fünftel bringen soll.
Dadurch soll es möglich sein, den Golf und seine Geschwister auch künftig in europäischen Werken mit europäischen Löhnen zu produzieren. Eine nicht unwesentliche Frage angesichts des Ziels von VW, bis 2018 der weltgrößte Autohersteller der Welt zu werden – vor allem durch Wachstum in den Schwellenländern Asiens. „Der Golf gibt in gewisser Weise die Richtung für den Industriestandort Europa vor“, meinte daher VW-Chef Martin Winterkorn mit einem Hauch von Pathos bei der Präsentation des Autos.
Länger, breiter, höher
Wie jedes Mal ist der Golf auch bei der neuesten Modellauflage wieder gewachsen. Er ist nun länger, breiter und höher, als es der eine Autoklasse höher angesiedelte Passat in den 1970er-Jahren war. Dennoch schreibt sich VW auf die Fahnen, das Auto auch umweltfreundlicher gemacht zu haben. So soll etwa der Standardbenzinmotor mit 140 PS mit unter fünf Litern auf 100 Kilometer um 23 Prozent weniger verbrauchen als bisher. Einzelne Modelle (Bluemotion) sollen sogar nur 3,2 Liter je 100 Kilometer verbrauchen.
Dies hinderte die Umweltschutzorganisation Greenpeace am Dienstagabend jedoch nicht, angesichts der Golf-Präsentation vor der Neuen Nationalgalerie in Berlin gegen VW zu demonstrieren. Denn laut Greenpeace sind die einzelnen Sparmodelle nur ein Feigenblatt und hätten angesichts ihrer geringen Verkaufszahlen kaum Auswirkungen.
Am Dienstagabend stellte VW die neueste – siebente – Auflage des Golf vor. Beim Design bleibt VW auch diesmal dem Motto „Evolution statt Revolution“ treu. Unter der Karosserie soll eine neue Produktionsplattform jedoch ein Fünftel der Kosten sparen. Der Verkaufsstart für den Golf VII ist der 10. November. Der Einstiegspreis liegt bei rund 18.000 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2012)
Golf VII: Die ersten Bilder des neuen VW-Zugpferdes
Legende: Die sieben Generationen des Golf




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