Die Gangwahl per Finger dirigieren, durchschalten bei offenem Gas, im ersten Gang an der Ampel stehen, ohne die Kupplung zu betätigen: Hondas Crosstourer mit neuem Doppelkupplungsgetriebe (DCT für Dual Clutch Transmission) verlangt vom Fahrer das Umlernen sorgfältig konditionierter Bewegungsmuster.
Das Flaggschiff aus Hondas Enduro-Reihe, das mit DCT und vollgetankt 285 kg wiegt, ist mit einem 1237 cm großen V4 mit 129 PS/126 Nm ausgerüstet. Selbst bei drehfreudiger Fahrweise hält sich der Benzinverbrauch in Grenzen, die Durchzugsstärke könnte toller sein: Kawasakis Versys 1000 liegt hier trotz geringerer Leistung vorn. Die Kraftübertragung erfolgt über Kardanantrieb, die Zugstufendämpfung ist manuell justierbar. Als besonders gelungen empfinden wir die Frontmaske, die einen dynamischen und aggressiven Eindruck vermittelt. Die Sitzposition ist erstaunlich niedrig, der Crosstourer lässt sich trotz seines Gewichts spielerisch durch kurviges Terrain und Autokolonnen manövrieren. Hondas Traktionskontrolle (TCS) sowie die 310-mm-Vorderrad-Doppelscheibenbremse arbeiten zuverlässig. Combined ABS ist erfreulicherweise serienmäßig verbaut.
Highlight der Maschine ist zweifelsfrei das erwähnte, für einen Aufpreis von 1500 Euro erhältliche Getriebe mit zwei Kupplungen. Honda hat eine paar Jahre experimentiert, und nicht alles, was auf die Straße fand, war perfekt. Nun erscheint das System ausgereift. Ohne Zugkraftunterbrechung lässt sich per linkem Zeigefinger hinauf-, per Daumen hinunterschalten; der linke Fuß ist in Ruhezustand versetzt. Wer seinen Kalorienverbrauch noch weiter reduzieren möchte, aktiviert den Automatikmodus: Gasgriff auf- und zudrehen sind nun die einzigen Kommandos, die der Fahrer geben muss. Der Modus kennt die Stufen Drive und Sport. Für den sportlichen Puristen inakzeptabel, den bequemen Tourer erfreut es ungemein: Lange, auch flotte Touren sind ohne Schaltorgien möglich; entspannter lässt sich nur mit Autopilot fahren, der ist für Bikes noch nicht erfunden.
Hondas neue Technologie bietet viel Komfort und wird mit Sicherheit auf dem Markt Fuß fassen. Ob ein derartiges Getriebe für Naked-Bikes und Supersportler zweckmäßig ist, wird die Zukunft weisen. Im 15.990 Euro teuren Crosstourer hat uns DCT jedenfalls überzeugt. Wer sucht, was der Marktführer, BMW GS, nicht bieten kann, kann es hier finden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)
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