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McLaren: Commander Ron baut ein Auto

17.10.2012 | 16:43 |  von Timo Völker (Die Presse)

McLaren will die Welt der Supercars erobern. Niemand wird sie aufhalten. Jeder Wagen wird im Auftrag gefertigt. In den neuen Fertigungshallen ist Kapazität für 4000 Autos im Jahr.

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Im englischen Woking, eine knappe Stunde von London entfernt, steht die hypermodernste Autofabrik der Welt. Und die schrulligste. Der Sitz von McLaren wirkt wie das Hauptquartier eines Bond-Bösewichts. Bequem könnte man sich vorstellen, dass hier an unfassbar tödlichen Waffen gearbeitet wird, und dass nicht weniger als die Welteroberung auf dem Programm steht. Doch es geht nur um Autos.

Dabei gäbe Hausherr Ron Dennis einen glaubwürdigen Dr. No ab. Dem Commander des British Empire – mit dem „Sir“ ist stündlich zu rechnen – eilt der Ruf voraus, ein Besessener zu sein. Besessen vom Erfolg und vom Perfektionismus, der dorthin führt. Als Ron Dennis 1980 bei McLaren einstieg, brachen für den stotternden Rennstall goldene Zeiten an. Nur Ferrari hat heute eine bessere Titelbilanz, wobei die Italiener schon viel länger dabei sind. Mit dem MP4-1 von 1981 begründete McLaren die Karbon-Ära in der Formel 1. MP4, das stand für Project 4 (mit Marlboro als Geldgeber, daher das M): die Eroberung der Formel 1 durch Labor-Hightech statt romantische Garagenbastelei. Niki Lauda, Alain Prost (dreimal), Ayrton Senna (dreimal), Mika Häkkinen (zweimal)und Lewis Hamilton wurden Weltmeister in einem MP4.

Nun gedenkt Commander Ron, die Welt der Supercars aufzumischen, McLaren zu einem ähnlich begehrten Label wie Ferrari zu machen und gutes Geld mit Straßenautos zu verdienen. Gewiß, McLaren fehlt die Schatzkiste der Historie, der Nährwert eines Mythos, wie ihn Ferrari gewinnbringend auf den Markt wirft, nicht nur mit Autos, sondern auch Kappen, Shirts, Uhren, Parfums. Dafür wird man eben die besseren Autos bauen müssen. 17 WM-Titel mögen alleweil als Referenz dienen: Von schnellen Autos versteht man etwas im Hause McLaren.
Auf dem Weg zur Kantine passieren die Mitarbeiter täglich die „Wall of fame“, eine beeindruckende Trophäensammlung, die zurückreicht in die Tage des Rennfahrers Bruce McLaren, und die unlängst vergrößert wurde, um Platz für neue Pokale zu schaffen. Die Angestellten sollen nie vergessen, worum es hier geht: ums Gewinnen.

Schlendrian und Lässigkeit können da nur im Weg stehen. Die Herren tragen alle Hemd und dunkle Hose, beinah wie Uniformen. Ron, wie sie ihn im Haus nennen, möchte auch keine Kaffeehäferln auf den Tischen sehen, schon gar keine Snacks. Die Werkbänke sehen aus, als hätte man soeben nach erfolgreich abgeschlossener Saison zusammengeräumt. Dabei ist man mittendrin, fräst an Getriebebauteilen, die morgen nach Malaysia verschickt werden, bäckt Karbonfaserteile für den nächsten Test, schickt neue Wings und Winglets in den hauseigenen Windkanal. Das Gebäude wurde von Sir Norman Foster entworfen, aber geprägt hat es Ron. Alle Gerätschaft ist in Schubern und Laden untergebracht, kaum, dass lose Teile herumliegen. Als man bei den Bauarbeiten an der Brücke über einen der Gänge war, entdeckte Ron die offenen Kabelstränge an der Unterseite.
„Was ist das für ein Salat?“
„Keine Sorge, Mr. Dennis“, sagten die Techniker, „wird alles verschalt und verkleidet.“
„Aber ich will den Salat auch drunter nicht.“
So kam es zur kompletten Neukonzipierung der fast fertigen Hausverkabelung. Als man herausfand, dass die eine oder andere der sorgfältig ausgewählten Bodenfliesen zugeschnitten werden müsste, um zu passen, ließ Ron die Größe des gesamten Gebäudes maßstäblich verändern. Der Boden besteht nun ausschließlich aus ganzen, ungestückelten Fliesen.

(c) beigestellt Seit November 2011 führt ein unterirdischer Tunnel in einen neuen Gebäudeteil: die Fertigungshalle der jungen Automarke McLaren. Wenig überraschend finden wir auch hier keine Menschen in öligen Overalls oder Pin-up-Girls an den Wänden vor. Hier herrscht wohl mehr Sauberkeit als in den meisten Lebensmittelfabriken. Das Auto, das hier von Hand zusammengebaut wird, heißt MP4-12C. Den ersten Teil hatten wir schon, er steht für die siegreiche Formel-1-Ahnenreihe. Die zweite Zahl beruht auf einem internen Benchmarking für alle relevanten Kriterien eines Sportwagens, bei der 12 den Bestwert ergibt (kein aktueller Konkurrent hätte ihn errungen, sagen die Leute von McLaren). Und C steht für Carbon. Der Werkstoff ist der Schlüssel zu jener Überlegenheit, die McLaren anstrebt. Leicht und verwindungsfest – doch auch horrend teuer. Damit der Wagen preislich nicht völlig abhebt, ersann McLaren eine neue Fertigungstechnik, die günstiger ist. Das Chassis des 12C ist so steif, dass das Dach, üblicherweise Teil der Struktur,  nur als Regenschutz dient. Es war ein Leichtes, einen Roadster nachzuschießen, der keinerlei Mehraufwand am Chassis bedarf.

Das Auto ist der totale Antipode zu den Supercars von Ferrari. Das beginnt beim Namen, der gegen die Inbrunst italienischer Heiligkeiten – Enzo! Maranello! Italia! – den Charme eines Leitzordners hat (auch wenn MP4 unter F-1-Fans schon einen Klang hat). Die Form des 12C ist ganz der Aerodynamik geschuldet und verbreitet nicht unbedingt knisternde Erotik. Dafür kam ein Top-Speed von 333 km/h heraus, etwas mehr als die projektierten 205 mph. Auch ein aufgeladener Motor ist nichts, was Feinschmecker entzückt, aber der Biturbo-V8 ist zweifellos eine effiziente Maschine, mit 625 PS aus 3,8 Liter Hubraum. Klingen tut das nicht überwältigend. Weil Sound aber eine emotionale Komponente hat, die selbst Dr. No nicht ignorieren kann, kann man sich auf Knopfdruck per Bypass-Klappen einen Klangteppich direkt aus dem Ansaugtrakt ins Cockpit legen. Mag es dem 12C auch etwas an Seele fehlen, wie Jeremy Clarkson, Autogott der BBC, konstatierte: Ein aufregendes Supercar ist McLaren zweifellos gelungen. Das klug aufgeräumte, an Ablenkungen sparsame und überwältigend hochwertige Cockpit ist ein Paradebeispiel dafür, wie man mit neuem Denken an die Einrichtung von Autos herangehen kann. Mit einem Gewicht von nur 1336 kg bleibt der 12C auf dem Gebiet des Leichtbaus nichts schuldig. Auf der Rennstrecke eine Macht, dabei absolut umgänglich für den sorglosen Alltagsbetrieb – auch Ron kommt im 12C zur Arbeit. In Österreich 252.750 Euro teuer, gibt es Konkurrenten, die weniger bieten, weniger Hightech, weniger Besessenheit. Und das war nur der Einstieg. In einem Jahr, Ende 2013, zum 50-Jahres-Jubiläums des Rennstalls, wird die Formel 1 im ultimativen Supercar P1 auf die Straße finden. Soll keiner sagen, dass Ron nicht zu feiern versteht.  ende

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