Dass allein der Beifahrer profundes Wissen über die Kunstfertigkeit der Fahrzeugbedienung und die hochkomplexen Zusammenhänge der automobilen Fortbewegung besitzt (und mit wertvollen Ratschlägen auch selten geizt), ist jedem Führerscheinbesitzer bekannt. Und auch denen, die noch keine Erlaubnis zum Fahren haben: den Fahrschülern.
Rechtlich sind Fahrlehrer mehr als bloße Beifahrer. Sie müssen laut Kraftfahrgesetz dafür sorgen, dass der Fahrschüler die Verkehrsvorschriften genau beachtet. Sie dürfen den Fahrschüler nicht in Verkehrsverhältnisse bringen, denen dieser nicht gewachsen ist, und müssen, wenn nötig, durch rechtzeitige Einflussnahme auf die Fahrweise des Fahrschülers Unfällen vorbeugen. Somit sind Fahrlehrer quasi auch Lenker, was in den seltenen Fällen von Verkehrsübertretung dazu führt, dass der Rechtssitzende das Börsel zückt. Auch versicherungstechnisch sind zwei Lenker in einem Fahrzeug nicht ohne. Damit das aber nur theoretische Übung in Seminaren für Versicherungsrecht bleibt, werden Fahrlehrer für die Klasse B mit über 300 Stunden Theorie und 60 Stunden Praxis auf die staatliche Prüfung vorbereitet. Wer auch im Lehrsaal vortragen oder zusätzliche Führerscheinklassen schulen will, muss weitere Seminare (und Prüfungen) absolvieren.
Wird das nach einigen Jahren zu langweilig, lässt sich das Berufsbild um Perfektionsfahrten, die Tätigkeit als Instruktor bei Fahrsicherheitstrainings oder Fahrproben auffällig gewordener Fahrzeuglenker erweitern. Ausbildungskurse für Spritspartrainer sind gerade im Entstehen, und wer mag, kann den Fahrlehrer ganz an den Nagel hängen und als Prüfer die Arbeit der Exkollegen beurteilen.
Mit aktuell 370 Fahrschulen in Österreich hat die Branche in den letzten zehn Jahren rund 100 neue Betriebe dazubekommen. Die Anzahl der Fahrschüler ist seit Jahren jedoch rückläufig, was eine Folge des Geburtenrückgangs ist, zusätzlich sinkt auch die Anzahl der Ausbildungsklassen (A oder CE werden deutlich seltener als früher nachgefragt). Der Konkurrenzkampf unter den Fahrschulen kann damit nicht ausbleiben. Werben die einen mit niedrigen Preisen, setzen andere auf attraktive Fahrschulautos. Vor allem Cabrios sind beim Chef (der auf herbeiströmende Neukunden hofft) und dem Fahrschüler (der nach zwei Fahrstunden zur Erfrischung ins Bad geht) beliebt. Der Fahrlehrer hingegen sitzt den ganzen Tag bei 30 Grad in der Sonne und freut sich weniger.
In Wien ist sogar ein Ferrari mit Doppelpedalen unterwegs das Auto muss sich fühlen wie ein Araberhengst beim Ponykarussell im Prater.
Künstler führen vor
Doch selbst im klimaanlagengekühlten Schulwagen geht es selten ohne Schweiß ab: Nicht immer gilt die Grundregel Die anderen fürchten sich mehr vor uns als wir uns vor ihnen. Wer meint, dass sich beim gestandenen Automobilisten dereinst gemachte Erfahrungen der Fahrausbildung zu einem verständnis- und rücksichtsvollen Umgang mit den heute übenden Anfängern führen, der irrt. Man(n) setzt lieber auf Motivation der mittels Dachschild (L wie langsam) als Verkehrshindernis Ausgewiesenen und zeigt Fahrmanöver, die hohe Lenkpräzision, überlegenes räumliches Vorstellungsvermögen und Gelassenheit am Steuer demonstrieren sollen: Schau nur, so knapper Seitenabstand reicht zum Überholen! Beobachte bitte, wie elegant ich mich vor dir in diese Lücke einordnen kann! Und will das Fahrschulauto einen Spurwechsel vornehmen, glaubt nur der unroutinierte Lenkradnovize, dass ihn die anderen nicht hineinlassen wollen. Richtig ist vielmehr: Der freundliche Lenker auf der Nebenspur gibt nur deswegen Gas, damit die Lücke hinter ihm größer wird und dem Neuling der Umspurvorgang leichter fällt. Man dankt.
Es ist mitunter ein buntes Treiben jenseits der Windschutzscheibe: Da gelten weder Bodenmarkierungen noch Halteverbote, Rotlichtfahrer hupen Fußgänger vom Zebrastreifen, und wer beim Spurwechsel blinkt, gilt sowieso als Warmduscher. Dafür haben nicht angeschnallte Handytelefonierer neuerdings Warnwesten um den Fahrersitz hängen wegen der Sicherheit.
In solchen Momenten hofft man auf mehr Verkehrsüberwachung, richtig teuren Sprit oder ein ausgeglichenes Privatleben sonst droht ein Magengeschwür.
Reiche Schwarzfahrer
Den Führerschein braucht heute fast jeder, zumindest den für die Klasse B. So kommen die Fahrschüler aus allen Familien des Landes, aus allen Berufen, aus allen Religionen; das macht die Arbeit abwechslungsreich. Da ist der junge Mann, der mit Papas Zweitauto (ein auch in besseren Wohnvierteln nicht alltäglicher Rolls-Royce) als Schwarzfahrer promenierte, bis Daddy einmal im Gegenverkehr auftauchte. Oder die junge Türkin, die nur mit zwei männlichen Begleitern (und nur bei einer Fahrlehrerin) Stunden nehmen durfte.
Gerne erinnern wir uns an den Chief Executive Workaholic einer Werbeagentur, der nie Zeit für den Führerschein hatte und sie sich dann doch nahm, als er die Lohnzettel seines Chauffeurs genauer prüfte: Der lange 750er-BMW fährt vor, der Fahrer öffnet mit zusammengeschlagenen Hacken den Wagenschlag, und Herr Naturseidenmaßanzug wechselt zur Prüfung in den Dieselgolf.
Der Fahrlehrer tut sich dagegen schwer mit dem Reichwerden. Ganze 1502 Euro Schmerzensgeld gibt es für Berufsneulinge laut Kollektivvertrag, nach 15 Berufsjahren sind es 1836 Euro Mindestlohn. Engagierte Verkehrspädagogen, die die richtige Mischung aus freundlich, nett und gemütlich und bei dem lernt man was finden, verdienen mehr: Die beste Werbung für eine Fahrschule sind zufriedene Kunden, die nach Möglichkeit mit den vorgeschriebenen Mindestfahrstunden auskommen und beim ersten Antritt die Prüfung schaffen.
Lernresistenz
Doch es gibt auch lernresistente Nachwuchspiloten, denen es an Geschick in der Koordination der eigenen Extremitäten fehlt oder an der notwendigen Unverkrampftheit, mit der das Gerät bedient werden will. Da gehört bei manchen Charakteren schon diplomatisches Geschick dazu, die nötigen Zusatzfahrstunden zu verkaufen, ohne dass sich der Schüler als Versager abgestempelt sieht. Es gibt freilich auch die gar Unverkrampften, die intuitiv erkennen, dass die Straße von Papas Steuern nur für sie und ihren sportlich-dynamischen Fahrstil gebaut wurde.
Täglich grüßt der Übungsplatz
Es gibt Tage, an denen man bei praller Sonne am Übungsplatz zwischen den Haberkornhütchen steht und kühle Schirmchendrinks als Fata Morgana vorbeiziehen sieht, und Tage, wo das Adriatief nur auf die Motorradfahrstunden gewartet zu haben scheint. Gut so: Sonst wüsste man es ja nicht zu schätzen, den ganzen Tag mit jungen Menschen verbringen zu dürfen, mithelfen zu können, dass aus ihnen verantwortungsbewusste Verkehrsteilnehmer werden und sich an den gemeinsam erarbeiteten Erfolgen erfreuen zu können. Das sind die Momente, die den Beruf des professionellen Beifahrers nicht nur erträglich, sondern auch einzigartig machen.