GOODWOOD (c. j.). Zugegeben, der neue Phantom ist mit 320.000 Euro (ohne Steuern und ab Werk) und 460 PS weder so teuer noch so stark wie der große Maybach. Aber ein Rolls-Royce ist und bleibt ganz einfach Spitze. An diesem Auto (und nur an diesem) müssen sich die Mitbewerber messen. Tradition bleibt unschlagbar. Auch wenn Kritiker keck behaupten, dieser Phantom sei eigentlich nur ein ins riesige mutierter 7er-BMW.
Die Alu-Karosse wird aus dem deutschen Dingolfing angeliefert, der 12-Zylinder mit seinen 6,75 l Hubraum wird von BMW gefertigt, die Elektronik kennt man teilweise vom bayrischen Topmodell, und sogar den Abteilungsleitern im neuen Rolls-Royce-Heim im südenglischen Goodwood muß man deutschen Akzent im wohl-akzentuierten Oxford-Englisch nachsehen.
Aber: Wenn dieser Wagen plötzlich mit seinen klaren, mächtigen Dimensionen auffährt, verschwinden all diese vorschnellen Ressentiments. Und in einer globalisierten Welt sollten einem die Eigentumsverhältnisse (Rolls-Royce wurde mit Stichtag 1. Jänner 2003 eine reinrassige Tochter der BMW-Group) egal sein. Der Phantom ist genauso durch und durch britisch wie ein BigMac amerikanisch ist.
Tony Gott, Chef der neuen Rolls-Royce Motor Cars, sieht das noch ein bisserl differenzierter: "Wir können Rolls-Royce nicht besitzen. Aber wir sind verantwortungsvolle Kustoden, die einen tollen Nachlaß wieder zum Leben erwecken. Sir Henry Royce wäre stolz auf uns."
So hatte BMW, nachdem man die Marke 1998 dem damaligen VW-Chef Piëch trickreich abspenstig gemacht und gekauft hat, nie die Absicht gehegt, Rolls-Royce irgendwo anders zu bauen als in England. Die ersten (geheimen) Designstudios werkelten im Londoner Belgravia, den neuen Firmensitz kaufte man dem Earl of March ab, der in Goodwood alljährlich ein historisches Autorennen abhält, sich wie ein Verschworener zu dieser Gemeinschaft gesellte.
2,5 Tonnen; 16 l/100 km
Und der Name? "Phantom war in den zwanziger und dreißiger Jahren das beste Auto. Unangefochten," sagt Gott. "Wir wollten ein Zeichen setzen." Im Frühjahr 2002 stand der Name fest - so geheim unter Verschuß gehalten, daß ihn nicht einmal die Übersetzer der Presseunterlagen erfuhren.
"Damals war nur das Beste gut genug für einen Rolls-Royce. Und wir folgten auch dem zweiten grundlegenden Gedanken der Gründerväter: Wenn es etwas noch nicht gibt, dann erfinde es. Aber probiere, es so einfach wie möglich zu halten."
Das Resultat garantiert "waftability". Gott: "Diesen Ausdruck gibt's zwar in keinem Wörterbuch und man kann das auch nicht übersetzen. Es beschreibt jenes Gefühl, das sich bei einem so riesigen Automobil einstellt, wenn die Masse schon mit geringster Drehzahl nach vorne katapultiert wird. Das beweist, ein Rolls-Royce ist ein Fahrerauto. Unsere Kunden wollen diese Charakteristik."
Immerhin hatten interne Studien ergeben, daß weltweit neunzig Prozent aller Rolls-Besitzer ihren Wagen selbst fahren. Nur zu besonderen Anlässen läßt man sich auch gerne chauffieren. Dann bietet der Phantom beispielsweise folgende Bequemlichkeit: Das hinten angeschlagene zweite Türenpaar erleichtert den Zustieg in das völlig ebene Abteil. Eigentlich ist das ja gegen die Vorschriften, aber Rolls hat ein Patent, das dies erlaubt.
Ein paar übrige interessante Kleinigkeiten: Der Phantom hat die größten derzeit lieferbaren Pkw-Reifen (Dimension 265 x 790 R540), seine Karosserie ist die größte Pkw-Aluminiumstruktur. Trotz 2485 kg Leergewicht und 5844 mm Länge sprintet er in 5,9 Sekunden von 0 auf 100. Seine Spitze liegt bei 240 km/h und - bei solch einem Auto tatsächlich nebensächlich - sein Spritkonsum liegt bei durchschnittlich 15,9 l/100 km.
Pro Tag werden in Goodwood fünf bis sechs Autos gebaut, in einem vollen Jahr sollen 1000 Phantom verkauft werden. Der erste ist in Großbritannien sogar schon ausgeliefert. Für Österreicher gibt's einstweilen noch nicht einmal einen Händler. Wer einen will, möge anrufen, empfiehlt PR-Mann Fritz Fruth. Die Nummer: 0044/1243/7919-0. Lieferzeit: rund ein Jahr.

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