An seine Vergangenheit als Hersteller hochkarätiger Sportwagen will Jaguar also wieder anknüpfen, der XF gilt als erstes Ergebnis dieses Sinneswandels. Und schon beim Design bricht er mit der Tradition. Wir finden es nur ein wenig schade, dass das markante Jaguar-Gesicht einem etwas verwechselbareren gewichen ist. Was zählt, sind aber ohnehin die inneren Werte. Und damit ist nicht das etwas plumpe Lenkrad aus dem Ford-Regal gemeint, hoffentlich nur eine Altlast aus der Vergangenheit im Ford-Konzern, wo das Entwicklungsbudget knapp war.
Der kurze Unterhaltungswert
Davon einmal abgesehen wirkt der Innenraum deutlich aufgefrischt und gewürzt mit einigen innovativen Ideen. Ein praktisches Wählrad für die Gangwahl der Automatik etwa anstatt eines platzraubenden Schalthebels. Wie nützlich hingegen elektrische Abdeckungen für die Lüftungsschlitze sind, lassen wir einmal dahingestellt, der Unterhaltungswert ist jedenfalls nach ein paar Tagen erschöpft, und zurück bleibt die Frage, ob es nicht lohnendere Investitionen für die aufgewendeten Entwicklungskosten gegeben hätte. Ein ordentliches Lenkrad zum Beispiel. Die bequemen Sitze prädestinieren den XF geradezu als Reiselimousine, zumal sich der ohnehin schon ordentliche Kofferraum durch Umlegen der Rücksitze auf satte 963 Liter vergrößern lässt.
Auch als Fahrerauto hat der XF richtig Charakter bekommen. Die konzentrierteste Form von „Jaguar-Reloaded“ ist somit auch der „Supercharged“ mit seinem kompressorbestückten V8-Motor, der sich mit der deutschen Leistungsgesellschaft vom Schlage eines Audi S6 durchaus messen kann. Das Fahrwerk ist sportlich straff ausgelegt, wohl auch eine Folge des besonders flachen Querschnitts der optionalen 20-Zoll-Reifen. Und schon die ersten Kurven zeigen, wohin der Weg geht, der Wagen krallt sich förmlich in den Asphalt, reagiert präzise, wirkt aber auf der Autobahn trotzdem nicht nervös. Das ESP unterstützt forsche Gangart durch einen eigenen „Trac-Modus“, in dem Untersteuern bereits im Ansatz unterbunden, das Sicherheitsnetz dennoch nicht ganz eingerollt wird.
Die Sechsgangautomatik bietet neben dem ausgesprochen geschmeidigen Automatikmodus noch die Möglichkeit, über Wippen am Lenkrad zu schalten, was hier insofern Sinn macht, als der manuelle Modus im Jaguar XF tatsächlich jeden Eingriff der Elektronik in die Schaltvorgänge unterbindet: also kein Kickdown oder automatisches Hochschalten. Leistungsmangel herrscht mit 416 PS naturgemäß nicht, der Kompressor sorgt schon bei niedriger Drehzahl für mächtigen Schub, lediglich die Spontanität in der Gasannahme von hochdrehenden Saugern erreicht er, bedingt durch die Aufladung, nicht ganz.
Der mutige Schwenk weg vom Auto für Traditionalisten hin zu dynamischer Sportlichkeit ist durchaus gelungen, neben den sportlichen Qualitäten verspricht der XF auch höhere Exklusivität als deutsche Mitbewerber.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.07.2008)

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