Die heutigen Product-Placement-Orgien haben unschuldig begonnen: Man konnte den Agenten in seiner ersten Mission ja schlecht zu Fuß gehen lassen. Im dringlichen Interesse Ihrer Majestät beschließt Sean Connery, auf der „Jagd nach Dr. No“ (1962) einer enorm heißen Spur zu folgen – seinen Ausflug ins Berghaus der attraktiven Miss Taro unternimmt er in einem hellblauen Sunbeam Alpine Serie 5.
Die Produktionsfirma mietete das kleine Cabrio von einer älteren Dame um 15 Shilling pro Tag. Der zarte Sunbeam sollte als erster von 007 selbst gesteuerter Wagen in die Bond-Geschichte eingehen. Auf einer kurvigen Schotterstraße nehmen drei Killer in einem schwarzen LaSalle-Leichenwagen die Verfolgung auf. Überrascht muss der gebannte Zuschauer feststellen, wie schnell so ein Trumm von Auto auf einen Sportwagen aufschließen kann – Grundmuster für alle späteren Katz-und-Maus-Spiele Hollywoods, die es mit der Physik nicht so genau nehmen.
Lieber auf Bond wetten
Es reift zudem die Erkenntnis, die für alle kommenden Abenteuer Gültigkeit hat: Im Fall des Falles eher auf Bond als auf die Bösen wetten. Sean Connery nach vollbrachtem Werk: „Ich glaube, die wollten zu einem Begräbnis.“
Das mit einer Million Dollar dotierte Filmbudget wurde mit 59,6 Millionen Dollar fast sechzigfach wieder eingespielt. Der Grundstein für weitere Blechschlachten war gelegt.
1975 präsentierte Lotus das spektakuläre Modell „Esprit“ bei der Earls Court Motorshow in London. Es kommt zum ersten Liebäugeln zwischen dem britischen Sportwagenhersteller und dem Bond-Produzenten Albert R. Broccoli: Das keilförmige Kraftpaket wurde schnell zur Idealbesetzung in „Der Spion, der mich liebte“ (1977). Neben einer denkwürdigen Jagd über die Costa Smeralda auf Sardinien und etlichen neuen Gadgets (Auto verschießt Raketen und taucht Verfolger in Öl) stand auch eine Unterwasserszene im Raum.
Die Idee stammte, wenig überraschend, von einem Comicbuchautor. Nachdem 007 schon eine explosive Beiwagenmaschine und einen schießwütigen Helikopter abgeschüttelt hatte, sollte der Lotus von einem Steg aus auf Tauchstation gehen. Das Projekt nahm ein knappes Jahr Dreharbeiten in Anspruch.
Lotus unterstützte: Neben zwei Serienmodellen wurden sechs weitere Karosserien mitgeliefert. Doch die Verwandlung vom straßentauglichen Fahrzeug in das tauchfähige Gefährt erwies sich als zu problematisch, um es in Originalgröße durchzuführen. Ein Modellauto musste herhalten; der batteriebetriebene Modellsportwagen schaffte samt Raketen und anderem Spielzeug beachtliche zehn Knoten. Ein Taucher steuerte und feuerte die Geschoße ab. Der Gleitflug des echten Autos vom Pier ins offene Meer wurde mit Hilfe einer Kompressorluftrakete ermöglicht. Da sich der Sturz ins Wasser mit 70 Stundenkilometern als unangenehm erwies, wurden Dummys anstelle von Stuntleuten eingesetzt.
Der Erfolg beim Publikum rechnete sich für Lotus, da die Beteiligung am Film bei lächerlichen 14.000 Pfund lag. Das kam einem durchschnittlichen Zeitungsinserat nahe. Eine Glanzleistung des Marketings, von der die bayerischen Kollegen zwanzig Jahre später nur träumen konnten: US-Medien spekulierten, dass BMW für den Auftritt des Sportwagens Z3 in „Golden Eye“ rund 20 Millionen Dollar hinblätterte – von BMW freilich dementiert, man habe sich lediglich „gegenseitig unterstützt“. Pierce Brosnan zeigte sich übrigens wenig angetan von seinem neuen Dienstfahrzeug. In einem Interview meinte er, der Z3 sei „ein Auto für Frauen oder Töchter, aber nicht für Männer, die ernsthaft fahren wollen“.
„In tödlicher Mission“ war Bond 1981 nahe Madrid unterwegs, tatsächlich gedreht wurde auf Korfu. Enge und kurvige Straßenstücke boten sich für die Aufnahmen an, doch empfand man das grobe Terrain als unzumutbar für den Lotus. So wurde umgedacht und der Turbo-„Esprit“ schon zu Beginn per „Einbruchsicherung“ pulverisiert. Bond stieg auf den gelben 2CV seiner Mitstreiterin Carole Bouquet alias Melina um.
Citroën lieferte vier idente Modelle. Die optisch mit dem Serienfahrzeug übereinstimmende Ente bekam ein Offroad-Fahrwerk, der Motor erfreute sich höherer Leistung, die Kabine wurde mit Überrollbügel gesichert. Die Crew maß 164 km/h Spitze bei der Flucht über Stock und Stein. Das Stuntteam bewegte einen Pulk von schwarzen Peugeot 504, die dem Fahrer im sonnigen Fetzendach-Citroën nachstellen.
Das spektakuläre Gerangel gipfelt in kurzen Abfolgen von Sprüngen, querfeldein durch Olivenplantagen. Der 2CV kommt schließlich in Fragmenten an, von den Peugeot naturgemäß keiner. Bond: „Ich liebe diese Fahrten durch das Land.“
Zwei der vier Wagen wurden reanimiert und anonym verkauft. Einer blieb auf der Insel, einer steht im Citroën-Museum in Frankreich. Für alle übrigen Bond-Enthusiasten brachte Citroën eine limitierte Edition des 2CV auf den Markt – samt 007-Aufkleber und Einschussimitaten.
Das geteilte Auto
Nachdem sich Roger Moores beunruhigend muskulöse Gegenspielerin Grace Jones „Im Angesicht des Todes“ (1985) vom Eiffelturm katapultiert, nimmt der Agent die Verfolgung in einem Taxi auf. Begleitet vom bedauernswerten Besitzer, driftet Bond mit dem Renault 11 durch die Pariser Innenstadt. Nach dem Sprung über einen Reisebus und einer heftigen Kollision bricht das blaue Taxi in zwei Teile. Bond fährt mit dem halben Auto weiter.
Die Szenen sorgten für so viel Aufsehen, dass der französische Autohersteller später damit kräftig die Werbetrommel rührte. Den Stunt wiederholte Jahre später BMW: In „Die Welt ist nicht genug“ wird der Supersportwagen Z8 der Länge nach in zwei Teile zersägt – klar, während der Fahrt.
Nach der kurzen Liaison mit BMW brachte ein 100-Millionen-Dollar-Deal mit Ford für drei Streifen in „Stirb an einem anderen Tag“ das Comeback von Aston Martin. Weil die englische Sportwagenmarke mittlerweile nicht mehr zum klammen US-Konzern gehört, taucht allerlei Unglamouröses im Fuhrpark auf, so wird Bond auch zu Spazierfahrten in Ford-Kleinwagen genötigt. An dem Product-Placement-Spektakel nehmen, sehr frei nach Bond-Erfinder Ian Fleming, unter anderem auch Omega, Coca-Cola, Virgin, Heineken, Smirnoff, die British Lottery und Sony-Ericsson teil.
Nicht im Drehbuch
Auffällig die Lust an der nachhaltigen Verschrottung edler Dienstvehikel: In „Casino Royal“ (als Bond: Daniel Craig) überschlägt sich der Aston Martin DBS nach einem harmlosen Ausweichmanöver unzählige Male, was im Grunde gar keine gute Automobilwerbung sein kann. Ordentlich auch die Ausfallquote im kommenden 22. Teil der Saga mit Titel „Ein Quantum Trost“: Bis die Aufnahmen im Kasten waren, konnten von den zwölf angelieferten Luxusautos sieben Stück nur noch nach Kilopreis bewertet werden. Bei den Dreharbeiten in Italien verletzte sich Craig dreimal leicht und ein Stuntman schwer; ein Wagen köpfelte in den Gardasee, was definitiv nicht im Drehbuch stand.
Wie immer wirbt das Filmmarketing mit der „spektakulärsten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte“. Da passt es ja ganz gut, dass sich Bond zeitweise in einen sicheren Volvo zurückzieht. Und sei es nur, weil der schwedische Hersteller zum Ford-Konzern gehört.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2008)

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