Anfang 20 schummelte ich manchmal und erzählte, sie hätten ihn mir abgenommen. Ende 20 schob ich ökologische Gründe vor und posaunte, dass ich der Einzige sei, der von Umweltschutz nicht nur rede, sondern ihn täglich praktiziere. Anfang 30 antwortete ich auf entsprechende Fragen, dass ich beim Autofahren lieber die Frau am Volant ansehe. Ende 30 machte ich dann den Führerschein.
In Wahrheit war ich zu bequem gewesen. Bis heute schau ich beim Fahren lieber in die Landschaft oder lese im Zug ein Buch, statt mich auf den Verkehr zu konzentrieren. Aber meine Frau, die gern und schnell Alfa fährt, meinte, sie würde sich auch gern einmal die Landschaft ansehen. Mit zwei Kindern könnten (Not-)Fälle eintreten, die den Schein notwendig machen würden. Ich glaube zwar, dass es für solche Fälle Taxis oder Hubschrauber gibt, aber im Prinzip stimmte das natürlich. Auch wenn beide Töchter mit dem beruhigenden Gefühl aufwachsen, dass Mütter konzentriert Auto fahren und Väter für die Unterhaltung zuständig sind. Damit ist auch mein Beitrag zum Gender-Mainstreaming erledigt.
Das Problem, den Führerschein mit 37 anzugehen, ist nicht zuletzt die Pein. Wer sitzt schon gern mit halben Kindern Abend für Abend in einem Kurs und hört sich die auf diese Zielgruppe maßgeschneiderten Witze an? Wer würde nicht ein leicht mulmiges Gefühl bekommen, einen neuen Pkw in einem Alter erstmals in der Hauptverkehrszeit durch Wien zu lenken, in dem sich manche schon auf die Frühpension vorbereiten?
In einer solchen Situation sucht man Leidensgenossen. Klingt vielleicht überraschend, ist aber logisch: Als Führerscheinloser kennt man im Gegensatz zum durchschnittlichen Führerscheinhalter viele Führerscheinlose. Denn als solcher wird man als Exot herumgereicht. Das funktioniert etwa so: „Ich hatte einmal einen Schulfreund, der war damals schon komisch.
Beim Maturatreffen hieß es, er hat nicht einmal den Führerschein gemacht.“ Ich kenne übrigens fast nur Männer, die keinen Führerschein haben oder hatten. Zum Glück war ein guter Freund, zehn Jahre älter und heute professioneller Mini-Fahrer, zum Kurs bereit. Wir suchten Spezialisten für schwere Fälle und fanden einen: In der Fahrschule Mariahilf hatte man Erfahrung mit schweren, also alten Fällen. Die Theorie wurde quasi im Privatissimum gelehrt, die Fahrstunden dafür anfangs in Zeitlupe. Der nachsichtige Fahrlehrer musste auch ein bisschen Psycho-Coach spielen, ermuntern und sagen: Wird schon nichts passieren. Weitere Besonderheit der Fahrschule: Die dazugehörige Garage ist die des Museumsquartiers. Was bedeutet, dass man als durchschnittlicher Wiener Schreiber bei jeder Fahrstunde beim komplizierten, Adrenalinausstoß verursachenden Verlassen der Garage von einem Bekannten erkannt und fassungslos begrüßt wird. Der positive Effekt: Man lernt schnell anzufahren, um sich das Gelächter nur im Rückspiegel anzusehen.
Laut Fahrlehrer gab es eine Schauspielerin und eine betagte Dame, die angeblich beide noch mehr Fahrstunden brauchten, eine fast 100, irgendwann machte es wirklich Spaß, und ich wollte auf das Vergnügen, kontrolliert zu fahren, nicht mehr verzichten. Der Fahrlehrer drängte aber zur Prüfung, die dann zufällig ein prominenter hoher Wiener Polizeijurist abnahm. (Die theoretische hatte ich vergleichsweise schnell geschafft.) Es könnte sein, dass der Mann mich, damals Chronik-Ressortleiter und als solcher kritisch kommentierender Begleiter der Wiener Polizei, erkannt hat. Aber so genau weiß ich das nicht, denn die Prüfung war mehr als korrekt, und ob im Mundwinkel des schweigsamen Mannes ein Lächeln angedeutet war, konnte ich nicht erkennen, so angespannt wie ich war. Irgendwer sagte später, es seien die meisten angeordneten Spurwechsel gewesen, die die Wienzeile je erlebt hat, aber das ist sicher übertrieben. Ein paar Wochen später kam der nächste Prüfer. Der Fahrlehrer wollte schon umkehren, so hart sei der, hätte auf einen wie mich nur gewartet. Tatsächlich lief es wie im schlechten Film: Irgendwer hatte einen Obdachlosen mit Doppler in der Hand zwischen zwei parkende Autos positioniert, der, als ich heranschlich, auf die Straße stürzte. Die Bremsen funktionierten. Ich bekam den Schein.
Aber nicht lang. Dummerweise gibt es eine Nachschulung mit verpflichtendem Fahrsicherheitskurs auf Schleuderparcours. Man hat ein paar Monate Zeit, den Kurs zu absolvieren. Meine Terminschwierigkeiten im privaten Bereich sind Legende. Jedes Mal, wenn ich mich angemeldet hatte, passierte etwas. Einmal war es der Rücktritt Josef Prölls. Am vorletzten Tag der Frist, nach deren Ablauf ich den ganzen Fahrkurs plus Prüfung noch einmal hätte machen müssen, ging ich hin. Schleudern, cruisen und betroffen schauen, wenn der Verkehrspsychologe spricht. Das war vor zwei Monaten.
Jetzt habe ich den Schein. Das heißt, ich müsste ihn nur vom Verkehrsamt holen.
Mein Frau meint, das sei alles vielleicht keine so gute Idee gewesen. Sie schaut übrigens ziemlich gut aus, wenn sie so fährt.
Rainer Nowak: Mein Schein
11.11.2011 | 16:01 | von Rainer Nowak (Die Presse)
Warum ich ohne Führerschein lebte, und wie ich ihn dann doch zu bekommen versuchte.
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