Kostenlose Öffis im estnischen Tallinn

Was die Piraten für Berlin fordern, wird in Tallinn bald Realität: Busfahren ohne Fahrschein.

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(c) AP (JOHN MCCONNICO)

Tallinn. Eine Busfahrt vom Stadtzentrum nach Pirita, dem Villenviertel Tallins, führt am Meer entlang. Neben eine junge Mutter, die ihr Baby auf den Bauch gebunden hat, setzt sich eine Frau in den Fünfzigern. „Kostenlos Bus fahren? Das ist eine Dummheit“, sagt sie. „Auf Qualität kommt es an, nicht auf den Preis.“

In der Hauptstadt Estlands wird bald das wahr, was die Piratenpartei in Berlin bis dato vergeblich fordert: Ab 2013 sollen Busse, Straßenbahnen und Trolleybusse kostenlos werden. Ein entsprechender Beschluss des Stadtrates gilt nur noch als Formsache, nachdem über 75 Prozent der Teilnehmer an einer Bürgerbefragung zum kostenlosen Nahverkehr Ja gesagt haben.

Doch in Tallinn stößt das Vorhaben auf weit größere Skepsis, als diese Zahlen vermuten lassen. Nur 20 Prozent der Wahlberechtigten nahmen an der Abstimmung teil. Die niedrigste Beteiligung gab es im Tallinner Stadtteil Pirita – die höchste im Plattenbaubezirk Lasnamäe. Ihren Unmut drücken viele Tallinner im Internet aus, nicht an der Wahlurne. Sie befürchten eine sinkende Qualität des Nahverkehrs, wenn die Einnahmen aus dem Fahrscheinverkauf wegfallen. Kritisiert wird auch, dass die Abstimmung ausgerechnet in dem Land, das die elektronischen Wahlen erfunden hat, nicht im Internet stattgefunden hat. Auf diese Art, so der Vorwurf, konnten sowjetnostalgische Rentner einfacher teilnehmen als junge, berufstätige Menschen.

Seine Wähler hat Bürgermeister Savisaar in Lasnamäe. Die Busfahrt von Pirita führt weg vom glitzernden Wasser. Mitten auf einer Wiese sind in den 1970er- und 1980er-Jahren Wohnblocks für über 100.000 Menschen entstanden. Mehr als jeder vierte Tallinner lebt in Lasnamäe. Kritische Stimmen gibt es auch hier. „Tallinn hat nicht mal genug Geld für die Straßenbeleuchtung“, sagt ein junger Mann und springt in den Bus.

Doch mit dieser Meinung steht er in Lasnamäe, wo mehr Russisch als Estnisch zu hören ist und manch einer noch der Sowjetunion nachtrauert, ziemlich allein da. Von 1,3 Millionen Einwohnern Estlands gehört ein Viertel der russischsprachigen Minderheit an, in der Hauptstadt Tallinn jeder Zweite. Sie gehören zu den großen Verlierern in Estland, dessen Wirtschaft sich seit seiner Unabhängigkeit 1991 dynamisch entwickelt hat – auf Kosten sozialer Absicherung. „Ich verdiene nur 200 Euro, davon muss ich 18 Euro für Fahrkarten ausgeben“, erzählt eine Passantin in Lasnamäe. „Die Stadt hat genug Geld“, findet ein älterer Herr, „besser es für kostenlose Busse auszugeben als für irgendwelche anderen Projekte.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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