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Verreisen Sie noch oder fairreisen Sie schon?

29.06.2012 | 18:46 |  CLAUDIA JÖRG-BROSCHE (Die Presse)

Sozial- und umweltverträglicher Tourismus kann zum Erhalt von Natur und Kultur beitragen und wird auch immer mehr nachgefragt. Wir zeigen Vorreiter und Urlaubsangebote für das reine Gewissen.

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Stolz führt Mr. Pong durch den Gemüsegarten und präsentiert seine Okras, Chilis, Curryblätter, Kang Gung und andere exotische Gewächse. Fehlt nur, dass der Küchenchef die Pflanzen zu streicheln beginnt. „Farming with the Chef“ nennt sich das Ökoprogramm des Coco Palm Resort Dhuni Kolhu auf den Malediven, bei dem Interessierte weniger Unkraut rupfen als vielmehr über die Wirk- und Zubereitungsweise der einzelnen Gemüsearten unterrichtet werden.

Anschließend dürfen sie auch mal im Kochtopf Mr. Pongs rühren, in dem das „sustainable dish of the day“ blubbert, ein Gericht aus lokalen Produkten der winzigen Insel. Anschließend wird der rohe Holztisch im Gemüsegarten fünfsternegerecht gedeckt und unter raschelnden Palmen gemeinsam das köstliche Biogrünzeug genossen.

Auf den Malediven ist das Resort Coco Palm Dhuni Kolhu (www.cocopalm.com) „ecofriendly“ um nachhaltigen Tourismus bemüht. Das merkt der Gast vordergründig daran, dass es weder einen Süßwasserpool (die Entsalzung von Meerwasser ist extrem energieaufwendig) noch Fernseher im Zimmer gibt, dafür bestehen die Luxus-Bungalows aus regionalen Naturmaterialien.

Weniger sichtbar ist das umfangreiche Recyclingprogramm (in der hoteleigenen Tischlerei wird alles repariert), der aktive Schutz der seltenen Mantarochen am Hani-Faru-Riff sowie faire Mikro-Ökonomie mit den Nachbarinseln – sprich: Handel zu fairen Preisen sowie Unterstützung bei sozialen Projekten und Einrichtungen wie Schul- und Spitalbauten.

 

Ökoresorts weltweit

Geografischer Sprung: Der Name der südindischen cgh-earth-Hotelgruppe ist Philosophie, „cgh“ steht für „clean, green & healthy“ (www.cghearth.com). Die zwölf Hotels besetzen die Themen Yoga, Ayurveda und lokale Kulturen, eine kompromisslos umgesetzte regional-saisonale Bioküche (im Yoga-Resort SwaSwara beispielsweise kommt nur in die Kochtöpfe, was aus dem eigenen Hotelgemüsegarten oder einem Umkreis von maximal sieben Kilometern stammt, www.swaswara.com), größtmöglichen Naturschutz, partnerschaftliche Aktivitäten mit den Mitarbeitern (z. B. gemeinsame Abendessen oder gemeinsame Besuche in nahen Dörfern), Regenwassersammlung, Strom aus Solarenergie und der Verzicht auf Chemikalien. Erstaunlich ist die Biogasanlage: Sie verwandelt Küchenabfälle und Gartenkompost in Methangas, das bis zu zwanzig Prozent des Energiebedarfs des Resorts deckt.

Sogar im krisengebeutelten Griechenland wird öko- und umweltgerecht sowie sozial sensibel gebaut. „Was wäre hier besser: eine gigantische Schiffsverschrottungsanlage direkt am Meer, massive Abwanderung, weil's keine Arbeit und Lebensgrundlage gibt oder ein an Nachhaltigkeit orientiertes Hotelprojekt?“, fragt Farsin Walizadeh von der neuen Destination Costa Navarino im Südwesten des Peloponnes (www.costanavarino.com). Bis vor Kurzem gab's hier nichts außer Natur, jetzt schmiegen sich vier große Hotelkomplexe und zwei Golfplätze rücksichtsvoll an die Küste. So wurde aus der absterbenden Region die Urlaubsdestination Costa Navarino – allerdings strikt nach nachhaltigen Richtlinien: Die Betreibergesellschaft Temes beschäftigt hauptsächlich Einheimische, bindet die regionale Kultur ein (Messinian-Authenticity-Gästeprogramm), fährt gemeinsam mit NGOs strenge Umweltschutzprogramme und bezieht die Grundprodukte für die Küche aus der Region.

 

Tourismus als Chance

Tourismus muss der Natur keine Wunden schlagen oder die Luft mit Flugzeugabgasen verpesten, verantwortungsvoller Tourismus bietet auch große Chancen zur Entwicklung benachteiligter Regionen. Er schafft Arbeitsplätze, bewahrt lokales Handwerk, rettet Traditionen und gewährleistet Einkommen für die Menschen vor Ort. Viele Umweltschutz- und soziale Projekte, Nationalparks, Kultur- und Tierschutzinitiativen könnten ohne sensiblen Tourismus nicht umgesetzt werden. CSR – Corporate Social Responsibility – wird erfreulicherweise in der Reiseindustrie immer mehr das Gebot der Stunde.

„Sowohl das Publikum als auch immer mehr Reiseanbieter im deutschsprachigen Raum interessieren sich für CSR im Tourismus und verantwortungsvolle Unternehmensführung“, sagt Karin Chladek von „Respect“, der Marke der Naturfreunde Internationale für nachhaltige Tourismusentwicklung. „Bei der heurigen ITB etwa zog ein Vortrag über Nachhaltigkeitszertifizierungen so viele Interessierte an, dass es in dem großen Raum nur noch Stehplätze gab. Noch vor wenigen Jahren wäre das ein Minderheitenthema gewesen!“

Noch gibt es zwar kein allgemein gültiges Nachhaltigkeitsgütesiegel für Tourismusbetriebe – einige Orientierungshilfen aber gibt es bereits. Vorreiter für nachhaltiges Reisen ist der deutsche Verein „forum anders reisen“, ein Zusammenschluss von aktuell 132 Reiseveranstaltern. Alle Mitglieder verpflichten sich zur Einhaltung eines umfassenden Kriterienkatalogs. Eine CSR-Zertifizierung ermöglicht erstmals, die Nachhaltigkeitsleistungen messbar und für den Kunden transparent zu machen – und zwar für die komplette Wertschöpfungskette eines Reiseveranstalters (www.forumandersreisen.de). Alljährlich bringt das „forum anders reisen“ den Katalog „Reiseperlen“ mit verantwortungsvollen Reiseangeboten für die ganze Welt heraus. CSR-Spezialisten im Online-Bereich sind www.traverdo.de oder www.viabono.de: Hier gibt's einen großen Pool mit vorselektierten nachhaltigen Reisen und Unterkünften.

Erstes österreichisches Mitglied im diesem Forum sowie erster Reiseveranstalter auf der Referenzliste von Fairtrade Austria ist der Grazer Wanderreisenspezialist WeltWeltWandern (www.weltweitwandern.at, www.fairreisen.at). Mittlerweile schlossen sich drei weitere Österreicher dem „forum anders reisen“ an: Odyssee Reisen (www.odyssee-reisen.at) als Reisebüro und Mitwohnzentrale in Wien, die Arge Archäologie e.V. (www.archaeology-for-me.com) lässt interessierte Amateure bei archäologischen Grabungen aktiv mitforschen, sowie radVentura (www.radventura.com) als Tiroler Spezialreiseveranstalter für Radwander- und Genussreisen in Europa.

Ein relativ neues internationales Label ist die „Green Globe Certification“ vorwiegend für Hotels im Mittleren Osten. Die Bemühungen zeigen Erfolg: Nach dem ersten Jahr konnten die teilnehmenden Hotels in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Libanon, Jordanien, Kuwait und anderen Ländern 11.765 Tonnen CO2 und 129.346 Kubikmeter Trinkwasser einsparen.

Bei den großen Pauschalreiseveranstaltern hat die TUI in Sachen sozial- und umweltverträglichen Tourismus die Nase vorn. Als einziges Touristikunternehmen der Welt notiert sie im Dow-Jones-Sustainability-World- Index (er umfasst die 317 Unternehmen aus dem 2500 Mitglieder starken Dow-Jones-Global-Index).

Bereits 2009 gründete die TUI den Verein „Futouris – Die Nachhaltigkeitsinitiative“ und setzt auf den weltweiten Dialog mit der gastgebenden Bevölkerung (www.futouris.org, www.tui-group.com). Das TUI-Engagement verfolgt ehrgeizige Ziele: Mit 2000 als „nachhaltig“ zertifizierten Hotels möchte der sie bis zum Jahr 2014 zehn Millionen „grünere“ Urlaubsangebote auf den Markt bringen.

Die Veranstaltermarken der Rewe-Gruppe – Dertour, Meier's Weltreisen, ADAC-Reisen – zeichnen geeignete Hotels so wie TUI mit Nachhaltigkeitssiegeln aus. Sie dienen als Planungshilfe für den Gast sowie als Anreiz für andere Hotels, ihr nachhaltiges Engagement auszubauen.

 

Öko-Urlaub made in Austria

Vorreitergemeinde für sanfte Mobilität in Österreich ist Werfenweng im Salzburger Land (www.werfenweng.eu) als eine der insgesamt 27 sogenannten „Alpine Pearls in Österreich, Deutschland, Südtirol, Frankreich und der Schweiz (www.alpine-pearls.com). Sie alle bieten Bergferien mit unkmplizierter Bahnanreise und Urlaubsmobilität mit umweltfreundlichen Verkehrsmitteln und Spaßmobilen vor Ort.

In Österreich gibt es jede Menge Ökohotels, doch wie findet man diese? Prinzipiell sind alle Häuser, die das „Österreichische Umweltzeichen“ des Lebensministeriums (z. B. alle Mitgliedsbetriebe der Gruppe Naturidyll-Hotels – www.umweltzeichen.at, www.naturidyll.com) oder das europäische Umweltzeichen (EU-Ecolabel – www.eco-label.com/german) tragen, nachhaltig unterwegs. Hier bleibt das Gewissen des Urlaubsgastes rein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)

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