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Der Urlaub der anderen

30.06.2012 | 18:06 |  von Felix Lee (Peking) (Die Presse)

Wie Menschen aus anderen Kulturen ihre Ferien verbringen. Die Chinesen etwa, die mit dem Wohlstand das Reisen entdeckt haben. Ihr Hauptproblem: Sie fahren alle gleichzeitig weg.

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Sand so weit das Auge reicht. Nur am Horizont ist eine Karawane von Trekkingurlaubern auf Kamelen zu sehen, die langsam über die hohen Dünen zieht. Und diese Stille. Der kräftige Wind scheint sämtliche Geräusche geschluckt zu haben.

Doch plötzlich ist es mit dieser Ruhe vorbei. Hinter einer besonders hohen Sanddüne steht auf einmal ein zweigeschoßiges Einkaufszentrum, behängt mit Wimpeln und Luftballons in grellen Farben. Kinder rennen zwischen den vielen Spielautomaten und Fressbuden im Eingangsbereich umher. Mongolische Popmusik dröhnt aus den Lautsprechern. Auf einer Piste karren Amphibienfahrzeuge die Besucher vom nahe gelegenen Großparkplatz herbei. Neben dem Konsumpalast rodeln sie zu Hunderten kreischend eine besonders hohe Sanddüne hinunter. Ein Lift zieht sie wieder hinauf. Chinesisches Disneyland mitten in der Wüste Gobi.

Urlaub in der freien Natur scheint sich auch in der Volksrepublik immer größerer Beliebtheit zu erfreuen. Vor allem die Bewohner der verpesteten Großstädte sehnen sich nach guter Luft. Deswegen schießen in Städten wie Peking und Shanghai Camping- und Outdoor-Läden derzeit wie Pilze aus dem Boden. Und deswegen ist das Internet in China voll von Pauschalreise-Angeboten ins Grasland, ans Meer, zur Wüste oder in die Berge.

Vor allem in zwei Dingen scheint sich der chinesische Urlauber von seinem westlichen Pendant zu unterscheiden: Er mag es heiß, und er mag es laut – rènào, das ist ein gängiger Begriff in China, der positiv besetzt ist, gerne in Verbindung mit Urlaub verwendet wird und in etwa besagt: Hier ist die Hölle los.

Seitdem der wirtschaftliche Aufstieg der Volksrepublik immer stärker auch den gemeinen Chinesen erreicht, ist im Reich der Mitte ein wahres Reisefieber ausgebrochen. Dabei ist in China Urlaub noch ein relativ junges Phänomen. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit galt: Wenn gereist wird, dann nur einmal im Jahr, und das zum Frühlingsfest nach Hause in die Provinz.

Völkerwanderung im Frühling. Mehr als 70 Prozent der Chinesen stammen vom Land. Und da galt es, bei den Eltern oder Großeltern vorbeizuschauen und sich den Magen mit Spezialitäten aus der Heimat vollzuschlagen. Zum Frühlingsfest setzte seit jeher in China eine wahre Völkerwanderung ein.

Der nun entstandene Wohlstand bei vielen Chinesen hat jedoch dazu geführt, dass sie das Reisefieber auch an allen anderen Feiertagen im Jahr gepackt hat. Der Beginn dieser zusätzlichen Reisewellen lässt sich ziemlich genau datieren. Als im Sommer 1997 die Asienkrise ausbrach, war die Regierung auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die Konjunktur zu beleben. Sie kam auf die Idee, den Nationalfeiertag am 1. Oktober sowie den Tag der Arbeit am 1. Mai von einem freien Tag auf eine ganze Urlaubswoche auszuweiten – dies allerdings nur im Tausch gegen Sonntagsarbeit. Das heißt: Jeder freie Tag muss an ebenfalls staatlich festgelegten Sonntagen abgearbeitet werden. Dieser Vorstoß hatte Erfolg. Millionen Chinesen fanden erstmals Zeit zum Verreisen und kurbelten so Handel und Tourismus an. Die „Golden Weeks“ waren geboren.

Seitdem setzt neben dem Frühlingsfest zwei weitere Male im Jahr eine gigantische Reisewelle ein, die weltweit ihresgleichen sucht. Egal ob an den Stränden im Süden des Landes, in den historischen Städten Suzhou, Xi'an, Hangzhou, in der innermongolischen Steppe, den Klosterstädten im tibetischen Hochland oder in der subtropischen Südwestprovinz Yunan – wer in der ersten Mai- oder Oktoberhälfte in China unterwegs ist, wird es mit Horden von Menschen zu tun haben.

Dass sich die „Golden Weeks“ im Mai und Oktober so großer Beliebtheit erfreuen, hat auch klimatische Gründe. Denn im Grunde kennt Kernchina nur zwei Großwetterlagen: im Winter die sibirische Kälte aus dem Norden, im Sommer den nicht minder unangenehmen schwülheißen und regenreichen Monsun aus dem Süden. Reisefreundliche gemäßigte Temperaturen mit blauem Himmel und Sonnenschein gibt es nur für kurze Zeit im Mai und Oktober.

Dennoch hat die chinesische Regierung das Konzept der „Golden Weeks“ ausgeweitet. Auch die Tage um das Grabpflegefest Anfang April, das Drachenbootfest im Juni und das Mondfest im September werden zu Fenstertagen deklariert, sodass sich die freien Tage auf vier oder fünf an einem Stück ausweiten. Seitdem ist es auch an diesen Tagen an sämtlichen Urlaubsorten des Landes überlaufen.

Hauptsache Shoppen. Der Urlaubszeitpunkt ist das eine, worin sich Chinesen von Europäern unterscheiden. Aber auch die Reisegewohnheiten sind sehr unterschiedlich. An oberster Stelle beim Urlaub rangiert für die meisten zu Wohlstand gekommenen Chinesen der Einkaufsurlaub nach Hongkong oder Macau. Insgesamt niedrigere Preise bei Importwaren und der Wegfall einer Mehrwertsteuer locken an den Feiertagen jeweils Millionen Chinesen vom Festland in die Sonderwirtschaftszonen. An den Schlangen vor den Luxusboutiquen gibt es für Passanten dann häufig kein Durchkommen mehr. Die ehemalige portugiesische Kolonie Macau ködert zusätzlich mit Spielcasinos, die inzwischen zu den größten der Welt zählen und hinsichtlich Umsatz sogar Las Vegas überflügelt haben. Angesichts des Ansturms hat die Zentralregierung Macau-Reisen mittlerweile drastisch reglementiert. Jeder Chinese darf nur noch einmal im Jahr ins Spielerparadies.

Aber auch der Strandurlaub nach westlichem Vorbild erfreut sich zunehmender Beliebtheit. An Chinas Südküste und vor allem auf der chinesischen Südseeinsel Hainan reihen sich inzwischen Bettenburgen aneinander. Der Gang zum Meer erfolgt für chinesische Frauen aber nur mit Regenschirm. Sie fürchten, braun zu werden.

Der Bergaufstieg vor allem frühmorgens noch vor Sonnenaufgang hat in China seit jeher Tradition. Besonders beliebt ist die Gipfelerstürmung eines der insgesamt neun heiligen Berge im Land. Viele der Alpinisten sind inzwischen bestens ausgestattet mit den neuesten Gore-Tex-Membran-Schuhen, Leichtalu-Trekkingstöcken und Allwetter-Overalls. Doch ein Komplettaufstieg von ganz unten bis zur Spitze findet bei den wenigsten statt – wird diese Form der Erholung doch nach wie vor mit der harten Arbeit von traditionellen Lastenträgern assoziiert. Chinesische Bergtouristen bevorzugen dann doch den Lift bis auf die letzten 25 Höhenmeter. An manchen Orten ist selbst ein bequemer Abstieg gewährleistet. In Mutianyu etwa, einer Stelle der Großen Mauer vor den Toren Pekings, kann der Gipfelstürmer von der Turmspitze ins Tal rutschen.

Lust aufs Land. Aber auch der Europa-Urlaub ist bei vielen Chinesen angesagt: Zehn Länder in 14 Tagen stehen in der Regel auf dem Programm. Für Schnappschüsse genügt diese Form des Reisens. Erst beim zweiten Europabesuch gönnen sie sich auch mehrere Tage an einem Ort. Besonders beliebt ist seit einiger Zeit der Kurzausflug aufs Land. So wie sich viele Stadtfamilien in Europa nach dem Landleben sehnen, zieht es auch viele junge chinesische Großstadteltern mit ihrem Einzelkind an die Orte, aus denen sie oder ihre Eltern einst herkamen: dem ländlichen China. Ganz oben auf der Beliebtheitsskala: ein Mittagessen auf einem Biobauernhof. Das Einzelkind aus der Großstadt darf nicht nur zusehen, wie die Bäuerin das Huhn schlachtet, mit dem es kurz zuvor noch gespielt hat. Zum Mittagstisch gibt es auch vom Gast selbst geerntetes Gemüse wie Mangold, Rettich, Gurke und Weißkraut – alles ohne Pestizide. Der Mittagsschlaf auf selbst gebauten Bambusliegen ist im Pauschalpreis inbegriffen, bevor es wieder zurück ins Hotel der nächsten Großstadt geht.

Der Boom geht weiter. Doch so sehr der Tourismus in China boomt und viele Urlaubsorte an diesen verlängerten Feiertagen an ihre Grenzen stoßen – ein Höhepunkt ist noch lange nicht erreicht. Gerade mal ein Drittel der Gesamtbevölkerung leistet sich derzeit alle ein oder zwei Jahre einen Urlaub. Das zweite Drittel ist als Wanderarbeiter ohnehin das ganze Jahr über auf Achse. Wiederum ein weiteres Drittel konnte es sich bislang nicht leisten und hat es noch nie über einen 100-Kilometer-Radius hinausgeschafft. Doch je stärker sich der Wohlstand des zweiten und dritten Drittels mehrt, desto stärker wächst auch ihr Reisedrang.

Und dann wird es an den Urlaubsorten nicht nur zu Massenanstürmen an den bisher festgelegten Feiertagen kommen. Dann herrscht das ganze Jahr über „Golden Week“.

Fakten

Von Chinas 1,3 Milliarden Einwohnern kann sich nur etwa ein Drittel alle ein oder zwei Jahre einen Urlaub leisten.

Ein weiteres Drittel ist bisher nicht weiter als rund 100 Kilometer vom eigenen Wohnort weggekommen.

Die Haupturlaubszeit fällt in China in die Monate Mai und Oktober mit ihren „Golden Weeks“. Die Regierung weitete den freien Tag rund um Feiertage so aus, dass eine ganze Urlaubswoche entstand.

Auch in Österreich boomt das Geschäft mit chinesischen Urlaubern: Shopping-Touristen aus China sind zur zweitwichtigsten Gruppe geworden – nach den Russen. 2011 haben Urlauber aus dem Reich der Mitte rund 44 Millionen Euro im Land gelassen, ein Zuwachs um 66 Prozent.

Durchschnittlich gibt ein chinesischer Gast 379 Euro pro Einkauf, vor allem für Luxusgüter, aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2012)

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