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Azoren: Walverwandtschaften in der Wetterküche

06.07.2012 | 18:19 |  von Andreas Arenk (Die Presse)

Die neun Inseln im Atlantik liefern Europa gern ein Hochdruckgebiet, nicht aber ihre anderen feinen Erzeugnisse: Tee, Käse, Wein und Seafood. Nur „ihre“ Wale zeigen sie für eine Handvoll Euro gern her.

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São Roque do Pico. Wie ein mächtiger Pottwal schaut die Azoren-Insel Pico auf der Karte aus. Und tatsächlich gibt es so etwas wie eine Walverwandtschaft zwischen dem Eiland und den Meeressäugern. Von hier aus stachen lange Zeit die Walfänger in See, um mit einfachsten Mitteln, Holzbooten, Harpunen und Lanzen, die gewaltigen Tiere zu töten. In der Hochzeit der 1950er- und 1960er-Jahre erlegten die wetterfesten Männer jährlich allein vor Pico 200 Wale.

Walfang war für die Insel damals das, was heute die Automobilindustrie für Deutschland ist. Dann kam das Petroleum, das den Tran beim Lampenöl ersetzte. Später machte das Washingtoner Artenschutzabkommen dem Walfang den Garaus. 1987 wurde zum letzten Mal ein Exemplar vor der Küste harpuniert. Mittlerweile finanzieren die Meeressäuger die Insulaner auf andere Art. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, sagt Fernando Perreio abends beim Wein im „O Baleeiro“, einer alten Fischerkneipe in Lajes do Pico. Soll heißen: Whale-Watching-Touren mit einer fast 100-Prozent-Garantie zwischen April und Oktober locken zahlreiche Touristen an. 24 Walarten bevölkern die Gewässer der Azoren. Die kleinen Boote gleichen den alten, bewaffnet sind die Insassen aber nur mit ihren Kameras, die unablässig klicken, wenn die Flossen aus dem Wasser ragen, eine Fontäne nach oben schießt oder gar der mächtige Körper eines springenden Buckelwals auf die Meeresoberfläche klatscht.

 

Lampenöl, Fischfutter, Dünger

In São Roque do Pico an der Nordküste steht das Museo da Industria Baleeira, einst eine Walfabrik, in der die erlegten Tiere industriell verarbeitet wurden, zu Lampenöl, Fischfutter und Dünger. Heute erinnert das Museum an die Geschichte der Walfänger mit zahlreichen Artefakten, Fotos und Dokumenten.

Und auch die Bewohner von Pico lassen die alten Traditionen Revue passieren. Jedes Jahr Ende August zieht die Gegend um Lajes Besucher in Scharen an, wenn die Woche der Walfänger im Schatten des 2351 Meter hohen Vulkans Pico gefeiert wird. Der mächtige Kegel, der selbst von der Nachbarinsel Faial noch wunderbare Fotomotive abgibt, ist die höchste Erhebung Portugals und, da nicht allzu schwierig zu besteigen, ein Hotspot für Bergwanderer. Beliebt ist die Zweitagestour mit dem Aufstieg, dem anschließenden Einstieg in die Caldera, den Krater, die Übernachtung im Zelt und dem außergewöhnlichen Sonnenaufgang über den Weiten des Atlantischen Ozeans am frühen Morgen. Die Azoren, von den portugiesischen Touristikern als die „neun Blumentöpfe im Atlantik mit vier Jahreszeiten an einem Tag“ oder „Wiege des Schönwetters in Europa“ verkauft, sind äußerst facettenreich und bedienen eine ganze Reihe touristischer Nischen. Ökotouristen fühlen sich hier genauso gut aufgehoben wie Wanderer und Bergsteiger, Mountainbiker und Esoteriker, die dem versunkenen Atlantis auf der Spur sind, sowie Gourmets, die die authentische und unverdorbene Regionalküche kennenlernen wollen. Sie alle werden auf mindestens einer der Inseln fündig.

Zwar kann die Inselgruppe nicht mit französischer Haute Cuisine aufwarten, doch viele Produkte fristen zu Unrecht ein Schattendasein, weil sie für den lokalen Eigenverbrauch bestimmt sind. Weine etwa – die Reben lieben die vulkanischen Böden der Inseln, auf Pico bereits seit dem 15. Jahrhundert, als ein Mönch Reben der Sorte Verdelho aus Madeira im Gepäck hatte. Viele Lavahänge wurden zu fruchtbaren Weinterrassen ausgebaut. Die önologische Architektur der Trockensteinmauern, die die Reben vor den starken Winden vom Meer her schützen und die Sonnenenergie speichern, adelte die Unesco zum Welterbe. Die Böden bringen vor allem schwere Rote mit 15, 16 Volumenprozent Alkoholgehalt hervor.

 

Glückliche Kühe, köstlicher Käse

Kenner schwärmen auch von den Käse- und Milchprodukten, für die glückliche Kühe auf saftigen Weiden verantwortlich sind. Im portugiesischen Mutterland wird Käse aus Ziegen- oder Schafmilch hergestellt. Rohmilchkäse von den Azoren gilt als Delikatesse. Kräuterwiesen und salzhaltige Luft sorgen für eine ganz besondere Geschmacksnote. Heiß begehrt sind die Sorten Queijo do Pico und Queijo São Jorge. Ersterer wird von kleinen Familienbetrieben hergestellt und reift mehrere Wochen in der Kältekammer. Der milde Weichkäse hat eine hellgelbe Farbe und einen leicht salzigen Geschmack. Der Käse der Insel São Jorge braucht länger: gut drei Monate Ruhe, zunächst in natürlichen Höhlen, danach in der Kältekammer, bis er zum Hartkäse reift. Viele Portugiesen essen ihn wie Parmesan.

Und dann der Tee. Ja, Gorreana auf der Hauptinsel São Miguel ist Europas einziges Teeanbaugebiet. Zunächst traut man seinen Augen nicht, wenn die grüne Plantage am Wegesrand auftaucht. Doch dann erzählt einem der Teepflücker etwas über das besondere Mikroklima mitten im Atlantik, die konstant hohe Luftfeuchtigkeit, die Absenz von Schädlingen, die Bevorzugung von Handarbeit gegenüber industriellen Ernte- und Verarbeitungsmethoden. Rund 40 Tonnen werden auf der Anbaufläche von 45 Hektar geerntet.

 

Leichter Weißwein und Fisch

Angesichts der geografischen Lage der Azoren verwundert es kaum, dass die Fischgründe zu den reichsten der Welt zählen. Seafood-Freunde wähnen sich im Paradies, wenn sie in einer kleinen, unscheinbaren Marisqueira, einem typischen Fischrestaurant, auf einem klapprigen Holzstuhl sitzen und eigentlich nicht viel erwarten. Zunächst kommt als Wein der weiße Terras de Lava von der Insel Pico oder ein Terra do Conde von der Insel Graciosa – man ist angenehm überrascht. Fruchtig-frisches Aroma und moderate Säure machen die Weine zu perfekten Meeresfrüchte-Begleitern. Und wenn dann die Fischplatten kommen, rast man vor Begeisterung. Vorweg eine Caldeirada de Congro, eine Seebarschsuppe, gefolgt von Arroz de Lapas, Entenmuscheln mit Reis, Oktopus in Weinsauce, einem Teller mit Garnelen, rotem Kaiserbarsch (Imperador) und Schwertfischscheiben. Und wer danach etwas Hochprozentiges braucht, kann auf den heimischen Aguardente, einen klaren Tresterschnaps, vertrauen oder auf den heimischen Feigenschnaps.

Ein Hoch auf die fruchtbaren neun, die Azoren

Anreise: Siehe Flüge der Woche Seite R 4. Die azorische Airline SATA, die auch den Flugverkehr zwischen den neun Azoren-Inseln abwickelt, fliegt ganzjährig von Frankfurt (Mi, So) und München (Di, Sa) nach Ponta Delgada auf der Hauptinsel São Miguel. www.sata.pt
Beste Reisezeit:
April bis Oktober. Im August sind die Inseln ausgebucht, da die zahlreichen Azorer, die in die USA und nach Kanada ausgewandert sind, Heimaturlaub machen.

Veranstalter: u. a. blaguss.at, dertour.at, fti.at, rhomberg.at, olimar.de, tui.at [Andreas Srenk]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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