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Kroatien: Tintorettos im Wein- und Kräutergarten

06.07.2012 | 18:20 |  GEORG C. HEILINGSETZER (Die Presse)

Alte Meister in kühlen Klostermauern bewundern, zwischen duftendem Lavendel wandern, wuchtige Weine schlürfen, in türkisgrünen Buchten baden – für solches Glück ist Hvar wie geschaffen.

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Hvar. Würden Kleidermotten einen Reisekatalog studieren, entschieden sie schnell: Nach Hvar fliegen wir nicht! Denn in den Sommermonaten blüht auf dem kroatischen Eiland, das mit 67,5 Kilometern zu den längsten Inseln der Adria zählt, überall der Lavendel und hüllt es in ein duftendes, violettes Kleid, und wird schließlich in der Luft getrocknet oder zu ätherischen Ölen verarbeitet.

Die Lavendelblüte ist aber nur einer der zahlreichen Reize, mit denen Hvar, vom „Traveller Magazine“ 1997 unter die zehn weltweit schönsten Inseln gereiht, begeistert. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die an kulturellen Schätzen – darunter in schlichten Klöstern und Kirchen aufbewahrte Werke von Tintoretto, Veronese und Bassano – überaus reiche Insel, damals Bestandteil des österreichischen Kronlandes Dalmatien, zu einem beliebten Reise- und Urlaubsziel.

Nachdem der österreichische Arzt und Mitbegründer der Paläobotanik in Österreich, Franz Unger (1800–1870), den klimatischen Bedingungen Hvars eine heilsame Wirkung für Lungenkranke zugebilligt hatte, gründete man die „Hygienische Gesellschaft“, die der Stadt Hvar bald den Ruf eines Luftkurorts einbrachte. Heute lockt nicht allein das wohltuende Klima, sondern auch das vielfältige Angebot an entspannenden und sportlichen Betätigungsfeldern in einer bezaubernden Landschaft, in der die Geschichte in Dörfern und Städten zu Stein geworden und im Brauchtum und in der kulinarischen Kulturtradition lebendig geblieben ist.

 

Altstadt wie im Märchen

Der Stadt Hvar, die nahe dem westlichen Ende der Insel in einer kleinen Bucht an der Südküste liegt, sind im Frühjahr noch grün bewachsene, wellenförmige Naturschönheiten, die Hölleninseln (Pakleni otoci), vorgelagert. Gegen Norden wird die Hafenstadt von den hügeligen Karstausläufern jenes Bergkamms geschützt, der die Insel auf ihrer gesamten Länge durchzieht und in Richtung Osten sanft abfällt. Hvars märchenhafter Altstadt sieht man den Reichtum an, den der Hafen unter venezianischer Herrschaft erlangt hat, als jene Schiffe, die von oder nach Venedig verkehrten, hier anlegten. Der prachtvolle Stadtplatz wird von der dreischiffigen Kathedrale Sveti Stjepan und ihrem eleganten Glockenturm beherrscht.

Aus dem Ensemble stechen die an der Hafenmole gelegene Loggia mit Uhrturm und das monumentale Arsenal gegenüber hervor, das sogar Kriegsgaleeren in sich aufnehmen konnte. Unter seinem Dach wurde 1612 eines der ersten Kommunaltheater Europas erbaut. Hier wurde auch das erste weltliche kroatische Drama aufgeführt: „Sklavin“ („Robinja“) von Hanibal Lucić (um 1485–1553), der in Hvar geboren wurde und dessen Selbsthass große Teile seines Werks durch Verbrennen zum Opfer gefallen sind.

 

Spitzenklöpplerinnen

Vom Stadtzentrum aus spaziert man vorbei am Kloster der Benediktinerinnen, dem ein kleines Museum mit Spitzen, die von Nonnen aus Agavefäden geklöppelt werden, angeschlossen ist. Über einen schattigen, von blühenden Kakteen gesäumten Weg geht es hinauf zur Festung Španjola.

Ihren Namen verdankt sie dem Umstand, dass im 14. Jahrhundert spanische Konstrukteure an ihrer Errichtung beteiligt waren. An diesem Bauwerk lässt sich die Geschichte der Insel gut nachvollziehen: Auf älteren Verteidigungsanlagen aufbauend wurde die Festung während der Jahrhunderte dauernden Regentschaft der Venezianer errichtet. Nachdem sie auch türkischen Angriffen trotzen musste, wurde sie schließlich von den Österreichern durch Kasernenbauten erweitert, die auch heute noch vorhanden sind.

In zwei Höhlen fand man Keramiken, die mit Spiralenmotiven bemalt ist, was beweist, dass die Insel bereits in der jüngeren Steinzeit besiedelt war. Später von den Illyrern bevölkert, wurde Hvar im 4.Jahrhundert vor Christus von ionischen Griechen eingenommen und zur landwirtschaftlichen Kolonie Pharos, auf die die heutige slawische Bezeichnung zurückgeht.

Von den griechischen Siedlern wurden die fruchtbaren Ebenen alsbald den damaligen Maßeinheiten entsprechend in 75 Parzellen aufgeteilt. Die lang gezogenen Rechtecke von 180 x 900 Metern des Stari Grader Felds (Stari Gradsko polje), die seit alters her nahezu unverändert geblieben sind, wurden jüngst als am besten erhaltener antiker Kataster im Mittelmeerraum zum Weltkulturerbe erhoben.

Der alten Straße folgend, gelangt man von Hvar nach Stari Grad. Was früher einen beschwerlichen Eselritt von acht Stunden bedeutete, ist heute im fahrbaren Untersatz eine Genussfahrt. Die Straße schraubt sich hinauf, um bald eine Hochebene zu erreichen. Zwischen den kleinen Ortschaften Brusje und Selca warten duftende Lavendelfelder und ein reichhaltiger, natürlicher Kräutergarten darauf, bewundert und gekostet zu werden.

Stari Grad erstreckt sich am linken Ufer einer lang gezogenen, fjordartigen Bucht. Hier hat sich der Dichter und Denker Petar Hektorović (1487–1572) ein steinernes Denkmal gesetzt. Auf einer dreitägigen Reise auf einem Fischerboot belauschte Hektorović die Gespräche der einheimischen Fischer Paskoj und Nikola und brachte das Material für das erste realistische Epos der kroatischen Literatur, „Fischen und Fischerplauderei“ (Ribanje i ribarsko prigovaranje) zu Papier.

Der Universalgelehrte ließ am Meer nach seinen eigenen Entwürfen über einen Zeitraum von einem halben Jahrhundert das befestigte Schloss „Tvrdalj“ errichten, das man heute wieder besichtigen kann.

 

Wuchtige, kräftige Weine

Über die idyllischen Ortschaften Vrisnik und Pitve gelangt man zum abgeschiedensten Teil der Insel. Die Südküste ist wegen ihrer extremen, bis zu 60 Grad steilen Weinberge attraktiv. Von lichten Höhen fallen die schmalen Weingärten mit niedriger Stockkultur hinunter zu verschwiegenen Kiesbuchten vor dem türkisblau schimmernden Meer. Ihre Produkte, schwarzrote wuchtige Kreszenzen, vor allem den Plavac, mali, kennt man in ganz Kroatien und darüber hinaus.

So malerisch wie die Weinkulturen zeigen sich auch die kleinen Dörfer – erreichbar nur durch einen in den Karst geschlagenen einspurigen Tunnel, der für Wohnmobile, Lastwägen oder Busse zu schmal ist.

Dorthin zieht es viele Alpenländler zum Aktivurlaub, etwa, um an den Felswänden bei Sveta Nedjelja ihr Können im Klettern unter Beweis zu stellen. Gemütlicher sind die Radrouten und Wanderwege. Durch die Weingärten steigt man zum Weiler Jagodna hinauf, dessen Steinhäuser längst verlassen sind. Am Wegesrand duften Rosmarin und Salbei, Johanniskraut und Oregano, Liebstöckel, Anis und Fenchel, ehe man die Grotte Spilja Sveti Nedjele erreicht, die sich in der höchsten Erhebung der Insel, Sveta Nikola (628 Meter), verbirgt.

Auf 370 Meter Seehöhe öffnet sich eine gigantische Höhle, die schon in der Jungsteinzeit bewohnt war. In der Renaissance hat sich ein kleines Augustinerkloster darin versteckt. Erhalten sind nur ein Kircherl und einige Mauerreste – das Kloster wurde im 18. Jahrhundert verlassen.

Und wenn man von hier aufs Meer hinunterschaut, möchte man fast neidisch werden auf die Mönche, die in solcher Schönheit leben durften – und sogar als Kleidermotte bleiben.

Würzige Weininsel

Anreise bis Split oder Drevenik in Mitteldalmatien, von dort weiter mit der Fähre. Die Autofähre fährt mehrmals pro Tag von Split aus nach Stari Grad (zwei Stunden Fahrt), zudem verkehren Katamarane nach Jelsa und in die Stadt Hvar. Von Drevenik kommt man in häufiger Frequenz (30 Minuten Fahrzeit) nach Sućuraj auf der Insel Hvar. Infos: Kroatische Zentrale f. Tourismus, Am Hof 13, 1010 Wien, 01/585 38 84, www.kroatien.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.07.2012)

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1 Kommentare
Gast: Lesina
07.07.2012 17:19
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Festung "Spanjola"

Das Fort Spagnuolo wurde 1551 von den Spaniern erbaut, als diese als Verbündete Kaiser Karls V. (König Karl I. von Spanien) und der Republik Venedig (zu der Dalmatien gehörte) die Türken (Osmanen) bekämpften.

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