Nida. Schon frühmorgens spazieren die ersten Besucher die Hafenpromenade von Nida entlang. Das beeindruckende Panorama der Wanderdüne am Rand des litauischen Dorfes ist von hier besonders gut zu sehen. Die Düne zählt zu den beliebtesten Ausflugszielen – von hier hat man nicht nur auf das ruhige Haff einen guten Blick, sondern auch auf die offene Ostsee. Im Hafen liegen zwischen Jollen und Segeljachten traditionelle Holzkähne und bieten den Touristen Rundfahrten auf dem Kurischen Haff an. Bei der kleinsten Brise ist auch Matas Mizgiris mit seinem Strandsegler unterwegs. Viele Jahre lebte der blonde Hüne in den USA, reiste durch ganz Europa und suchte Abenteuer in der Taiga und im Ural. Doch endlich fand er daheim seine Nische und verdient damit gutes Geld. Er bietet den Touristen Expeditionen über die Kurische Nehrung an: im Kanu durch das Haff bis an die russische Grenze oder auf den Strandseglern über Land. Vorbei an Fischerdörfern mit ihren bunten Holzhäusern führt die Tour zu einem Kiefernwald. „Nachdem ich die Welt gesehen hatte, wusste ich, dass Nida und die Kurische Nehrung einzigartig sind. Auch meine Vorfahren waren Fischer. Ich will hier wie sie leben und meine Kinder großziehen.“
Überall entlang der Uferpromenade stehen die charakteristischen Fischerhäuser: dunkelrot oder blau gestrichen, blau-weiße Fensterläden, ein Strohdach. Die einen bieten den Urlaubern Quartier, die anderen laden zu geräuchertem Fisch und litauischen Spezialitäten ein. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg kamen viele deutsche Künstler nach Nida (deutsch: Nidden). Das Haus, das sich Thomas Mann in Nida bauen ließ, mit Reetdach und gekreuzten Pferdeköpfen im Giebel, ist inspiriert von den Fischerhäusern.
Bernstein sammeln am Strand
Inmitten der bunten Holzhäuser steht das Rathaus, ein moderner roter Ziegelbau. Vom zweiten Stock aus überblickt und lenkt die Oberbürgermeisterin Ausra Feser ihre kleine Gemeinde. Schon seit 400 Jahren hätten die Leute in Nida immer dasselbe getan, sagt sie mit einem Schmunzeln: „Nach jedem großen Sturm Bernstein gesammelt, Fische gefangen und Gäste bewirtet.“ Mit einer Ausnahme, fügt Ausra Feser hinzu: Als Litauen Sowjetrepublik war, wurde die Kurische Nehrung militärisches Sperrgebiet. Nida wurde eine Fischereikolchose, die Kommunisten teilten die kleinen Fischerhäuser noch einmal auf. Oft mussten auf engstem Raum bis zu vier Familien leben. In den 1970ern wurde Nida von den Kommunisten wieder für den Tourismus entdeckt, Kurheime und Sanatorien entstanden. Gleich hinter dem Dorf verläuft seit der Unabhängigkeit die Grenze zu Russland. Nach dem Austritt Litauens aus der Sowjetunion wollten viele Einwohner weg und verkauften ihre Wohnungen. „Wir sind nur noch 2500 Leute auf der Nehrung, in Nida nur 1500“, sagt Feser. Doch mittlerweile kommen Jahr für Jahr mehr als zwei Millionen Gäste nach Litauen. Da der Tourismus Arbeitsplätze schafft, glaubt die Oberbürgermeisterin fest daran, dass in Zukunft wieder mehr Einheimische ihr Glück daheim auf der Halbinsel suchen. „Es kommen immer mehr junge Leute zurück. Sie verdienen hier zwar weniger, aber an der Nehrung spüren sie einfach eine besondere Energie: am Haff, am offenen Meer, im Wald oder auf der großen Wanderdüne.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
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