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Island: Wollsocken, Neoprenschuhe und Trockenfisch

13.07.2012 | 18:33 |  von Marten Hahn (Die Presse)

Eisige Wellen reiten statt Karriere machen: Auch am nördlichen Polarkreis hat sich die globale Subkultur der Surfer etabliert. Die kälteerprobten Isländer laden zu wilden Ritten auf dem stürmischen Nordmeer ein.

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Reykjavik. Wie Maschinengewehrfeuer prasseln unaufhörlich Steine gegen den Unterboden des kleinen Mietwagens. Schlaglöcher, wohin man schaut, unbefestigte Bankette. Es ist fast unmöglich, dem schwarzen Jeep zu folgen, in dem Ingo Olsen und Hrein Halldorsson davonrasen. An einigen Stellen jenseits der Schotterpiste liegt noch Schnee, auf den Bergen im Inselinneren sowieso, und noch sind die Weiden für die Schafe, Kühe und Pferde der Insel winterlich braun. Doch es ist Frühling in Island, und die beiden jungen Männer suchen – Wellen. Je höher, desto besser. Sie gehören zum kleinen Kreis derer, die die Insel knapp am nördlichen Polarkreis als Surfparadies für sich entdeckt haben.

Mit den US-Soldaten, die bis 2006 auf einer Basis südlich von Reykjavik stationiert waren, kam der Surfsport auf die Insel. „Ich träumte noch von Hawaii, da erzählten mir Freunde, die mit den US-Jungs unterwegs waren, von sagenhaften Wellen hier bei uns“, sagt Olsen. Seitdem surft der 30-Jährige, wann immer er die Zeit findet, und zu jeder Jahreszeit. „Wir Isländer haben eine Menge Tricks gegen die Kälte entwickelt.“

Als Olsen seinem Vater, einem ehemaligen Fischer, erzählte, dass er auf Island mit dem Surfen anfangen wolle, hielt der das für keine gute, sondern eine Schnapsidee. Vor allem aus Respekt vor dem Ozean. Olsen fing trotzdem damit an und entschied sich damit nicht nur für eine Sportart, sondern gleich auch für einen Lebensstil.

 

Surfen als Lebensphilosophie

Für Menschen wie Olsen ist Surfen nichts, was man einmal im Urlaub macht. Ein oder zwei Wochen im Jahr. Surfen – das ist für ihn, dem Leben einen Sinn zu geben und sich gleichzeitig der Sinnsuche zu entziehen. Es ist ein Gegenentwurf zu einem Leben, das sich an Koordinaten wie Karriere und Wohlstand orientiert. Seit er achtzehn ist, organisiert Olsen seinen Alltag um das Wellenreiten herum. Nicht umgekehrt.

Immer wieder fahren die beiden Freunde mit ihrem Geländewagen rechts ran. Schauen aufs Meer, auf die Wellen. Den Orten mit den besten Wellen haben sie Namen gegeben. Einer heißt Rolling Stones. Wenn der Wind peitscht und das Meer tobt, kann man hier in der Brandung die Lavabrocken hören, die auf dem Meeresboden hin und her rollen und aneinanderstoßen.

Schließlich biegt der Jeep ab, nach Thorlákshöfn im Südosten der Halbinsel Reykjanes. Láki nennen die Polarkreis-Surfer den Ort. Es stinkt nach Fisch, der hier landestypisch in Öfen getrocknet wird. Am Strand, der schwarze Steine statt Sand zu bieten hat, packen die Männer ihre Bretter aus. Der Wind pfeift über die Bucht. Wer keine Handschuhe dabeihat, vergräbt die Hände in den Jackentaschen. Ein alter Kombi kommt herangebraust. Nirvana dröhnt aus den halb geöffneten Fenstern. Vier junge Männer steigen aus. Lange Haare, bunte Kapuzenpullover, große Sonnenbrillen. Olsen begrüßt die Freunde. Er zeigt auf zwei der Neuankömmlinge: „Die beiden sind Fischer. Sie gehören zu den besten Surfern der Insel.“

 

Eigene Werte und Regeln

Keiner der Jungs ist nach üblichen Maßstäben erfolgreich oder hat vor, Karriere zu machen. Wie auch. Während andere Überstunden machen, jagen sie Wellen und leben in einer Blase, in der Wetterbericht, Gezeiten und Meeresströmungen den Rhythmus vorgeben. Einige Surfer betrachten sich deswegen, nicht ganz ungerechtfertigt, als Angehörige eines weltweiten Stammes, der eigene Werte und Regeln entwickelt hat.

Wenn Olsen nicht surft, arbeitet er als Outdoor-Guide, führt Touristen über Gletscher, durch reißende Flüsse und Steinwüsten und über Fjorde. Außerdem hat er mit einem Freund das Projekt Arctic Surfers ins Leben gerufen. Er bietet die ersten Surfcamps auf Island an und will so „reisende Surfer“ weltweit für die Wellen am Polarkreis begeistern. Auch Olsen verreist regelmäßig, obwohl er die Wellen vor seiner Insel liebt – meist in wärmere Gefilde.

 

Globale Subkultur

„Ich versuche jedes Jahr rauszukommen – war auf den Philippinen, Dänemark, den Kanaren, Neuseeland.“ Mittlerweile habe er Freunde in der ganzen Welt, sagt er. Man besucht einander, teilt die Geheimnisse der lokalen Surfspots. Oft kümmern sich die Gastgeber um eine günstige Unterkunft. Surfen ist schon lange eine globale Subkultur – im Guten wie im Schlechten. Seit Jahrzehnten vermarkten Konzerne das Image des Sports. In Form von T-Shirts, Schuhen und Hosen verkaufen sie das Gefühl von Freiheit und Lässigkeit an Großstädter weltweit, die sich nach einem einfachen Leben im Einklang mit der Natur sehnen.

Olsens Freund Halldorsson holt schwarze Neoprenanzüge mit Kapuze aus dem Kofferraum des Jeeps. Wie eine fünf Millimeter dicke Gummihaut legen sie sich über den Körper. Nur das Gesicht bleibt frei. „Das Wasser hat ungefähr sechs bis acht Grad in diesen Tagen“, sagt Halldorsson. Bevor sie sich auch die Neoprenschuhe anziehen, streifen sie sich noch Wollsocken über die Füße. Dann spült Olsen die Schuhe mit heißem Wasser aus und zieht sie über die Strümpfe. „Mit kalten Füßen hält man es keine fünf Minuten aus. Aber richtig präpariert – eine Stunde oder mehr.“ Deswegen kaufe man sich auf Island auch zuerst einen vernünftigen Neoprenanzug und erst danach ein ordentliches Brett.

 

Felsen, Schnecken, Tang

Olsen steckt sich noch ein Stück getrockneten Fisch in den Mund. „Das bringt Energie.“ Dann steigt er über riesige Gesteinsbrocken hinunter auf den felsigen Strand, der zum Nordmeer hinabführt. Auf den Steinen kleben glitschiger Seetang, kleine Schnecken und Muscheln, die beim Darüberlaufen leise knacken. Olsen und Halldorsson paddeln hinaus ins Line-up, dort wo die Wellen beginnen zu brechen und sich die Surfer aufreihen. Oder besser: aufreihen würden. In wärmeren Gewässern müssten sie Wellen wie diese mit einer ganzen Meute teilen. Wer dort nicht zu den Einheimischen, den „Locals“, gehört, muss aufpassen: Verletzt man die Spielregeln, nimmt einem der Lokalmatador die Vorfahrt. Stellt man sich als Anfänger blöd an, bekommt man den „Localism“ zu spüren. Der kann sich in wüsten Beschimpfungen äußern, in Schlägereien und zerstochenen Autoreifen.

„In Island kommt so etwas nicht vor“, sagt Olsen später. Die Küsten sind lang, die Wellen wegen der häufigen Stürme zwischen Grönland und Island zahlreich – und die isländische Szene klein. Etwa 50 Surfer zählt man auf Island, fast nur Männer. Der harte Kern, also die, die das ganze Jahr über surfen, besteht aus nicht mehr als 20. Gut drei Meter hoch sind die Wasserwände, die hinter den zwei schwarzen Punkten da draußen heranrollen. Während Olsen die erste Welle nimmt, geht weiter draußen ein riesiger roter Trawler auf Reede. Und am Horizont strahlen die schneebedeckten Hänge des Eyjafjallajökull in der Nachmittagssonne des Frühjahrs am Polar.

Surfen vor dem Eisland

Anreise: siehe Flüge der Woche Seite R4. Z. B. ab Wien mit Air Berlin/Flyniki via Düsseldorf hin und nonstop retour, ca. 715 €.
www.airberlin.com; www.flyniki.com

Unterkunft: Doppelzimmer im Centerhotel Plaza, Adalstraeti 4, Reykjavik, ab 125 €.
www.centerhotels.com

Surfen: Siebentägiger Surftrip für zwei Personen ab 732 €. www.arcticsurfers.is

Island pauschal: u. a. mit Blaguss, Dertour, Ikarus-Dodotours, Kneissl Touristik, Rhomberg Reisen, Ruefa, TUI.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)

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1 Kommentare
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So kalt ist es in Island gar nicht!

Man ist überrascht, wie mild die Temperaturen in Island sind, obwohl die Insel am Polarkreis liegt. Aufgregend und wunderschön ist Island in jedem Fall! Hier einige Impressionen: http://www.fm1721.com/experience/europe/iceland/

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