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Magical History Tour ins Beatles-Badezimmer

27.07.2012 | 18:26 |  STEPHAN BRÜNJES (Die Presse)

Im Juni wurde Paul McCartney 70 Jahre alt. In seine Heimatstadt Liverpool kommt er regelmäßig. Besucher können ihm hier immer nahe sein – bei einer Tour durch sein Haus, seine Kirche oder durch die Penny Lane.

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Two up, two down“, so nennen Briten schmale Häuser wie die Nummer 20 in Liverpools Forthlin Road. Zwei Zimmer oben, zwei unten, rote Ziegel, weiße Fenster. Hier wohnte Paul McCartney in Jugendjahren, klampfte Skiffle und Rock'n'Roll zwischen Funzelstehlampe und braunen Couchsesseln. Oft zusammen mit John Lennon, der vor dem strengen Regiment seiner Tante Mimi, bei der er aufwuchs, hierherflüchtete. „Die Gitarre ist ein schönes Hobby, John, aber damit wirst du nie deinen Lebensunterhalt verdienen“, schärfte Mimi ihm immer wieder ein.

„Besonders gern komponierten John und Paul in McCartneys Bad, da klang ihr Gitarrensound satter“, sagt Phil Hughes. Hier sei auch der Sound von „Love Me Do“ entstanden, vermutet er – der ersten Beatles-Single, veröffentlicht am 5.Oktober1962. Hughes ist einer der besten Kenner von Liverpool und der Beatles-Geschichte. „Komm, wir mussen quick in the Liverpool Cathedral“, sagt er in fast fehlerfreiem Deutsch. Weil sie die größte evangelische der Welt ist? Oder weil drinnen Beatles-T-Shirts verkauft werden? Nein, das sei Notwehr, grinst Phil: „Wir haben ja keine Kirchensteuer.“ Er führt in den riesigen weinroten Prunkbau, weil Paul McCartney hier in den 1950er-Jahren beim Vorsingen für den Kirchenchor gescheitert ist. 1991 dann Pauls Revanche: die Uraufführung des „Liverpool Oratorio“, seines ersten klassischen und halbautobiografischen Werks in eben dieser Kathedrale. Der Kantor, der den Noch-nicht-Beatle einst als Chorknaben abgelehnt hat, soll sich während des Oratoriums im Kirchturm verkrochen haben.

 

Die kleine Bank in der Penny Lane

Weiter geht's durch grüne, akkurat eingezäunte Vorstadtsiedlungen zur Penny Lane, der wohl bekanntesten Straße der Popgeschichte. Die bei Fans sehr begehrten Penny-Lane-Straßenschilder sind längst zur „Immobilie“ geworden, diebstahlsicher arretiert in Metallrahmen. Benannt ist die unspektakuläre, von Backsteinhäusern gesäumte Lane nach James Penny, einem Kapitän, der wie so viele in Liverpool mit Sklavenhandel reich wurde. Vor Jahren wollte man die Straße umbenennen, doch der liebliche Beatles-Song war stärker. Der Straßenname blieb, die im Songtext erwähnten Orte und die Beatles-Geschichten drum herum auch: Die kleine Bank ist noch an der Penny Lane, der Friseur und das (heruntergekommene) Wartehäuschen in der Mitte des Kreisverkehrs.

Von da fuhren John und Paul als Schüler mit dem Bus Nummer fünf in die City, oft mit Gitarren und „Love Me Do“ im Gepäck. George Harrison soll auf dem Oberdeck eines 5ers vorgespielt und seine Beatles-Aufnahmeprüfung bestanden haben.

Die Beaconsfield Road ist eine enge, zugewachsene Straße, dunkel und geheimnisvoll. Einziger Farbtupfer: ein knallrotes, schmiedeeisernes Tor mit verwildertem Garten dahinter. „Strawberry Fields“ steht hier zwischen Graffiti und Filzstifterinnerungen, die Beatles-Fans hingekritzelt haben. John Lennon kam als Bub oft hierher, aber meist nicht durch das Tor, sondern über die Mauer. Der Garten des Hauses seiner Tante Mimi grenzte an „Strawberry Fields“ – das Waisenhausgelände war der strengen Tante suspekt, John sollte dort nicht herumstrawanzen. Doch auch hier setzte er sich durch, mit dem Satz: „Da passiert doch nichts, wofür man gehängt wird“ – später eine Zeile im Song: „there's nothing to get hung about“.

 

Der echte erste Auftrittsclub

Die erste Bühne der Beatles in Liverpool? Der Cavern Club. „Das sagen alle“, sagt Phil, aber es stimmt nicht. „Ja, im Cavern, sind sie zwar 292-mal aufgetreten“, erzählt er die Geschichte dieses Ex-Lagergewölbes für Obst und Gemüse im Zeitraffer: „Es war so feucht, dass ihre Gitarren laufend Rückkoppelungen hatten. In den Siebzigern wurde der Cavern Club abgerissen – zugunsten eines Abluftschachts für eine U-Bahn-Linie. Dieser wurde dann doch nicht gebraucht, also entstand der Cavern Club wieder neu, mit den Originalziegeln, wenige Meter weiter.“ Gegenüber, ebenfalls in Ziegeln verewigt, die Wall of Fame mit den Namen aller im Cavern aufgetretenen Künstler, bewacht von einem lässig an der Hauswand lehnenden Gusseisen-Lennon. Heute ist das Cavern eher der „Coverclub“, weil hier täglich Coverbands das Werk der Beatles mehr oder weniger originalgetreu wiedergeben.

Echte Originale dagegen bietet der wirklich erste Auftrittsort der Beatles in Liverpool: Im Casbah Coffee Club leuchtet eine von Paul McCartney handbemalte Kellerdecke in Regenbogenfarben. Johns Namen ist im Holz eingeritzt. Beide waren von Mona Best, der resoluten Mutter des damaligen Beatles-Trommlers Pete Best, zur Renovierung verpflichtet worden. Sie hatte zuvor angeblich ihren Schmuck verkauft, den Erlös beim Pferderennen auf den krassesten Außenseiter gesetzt und vom Gewinn ein großes Haus im Stadtteil West Derby gekauft, wo sie im Keller einen Rock'n'Roll-Club einrichtete. So erzählt Rory Best, Petes Bruder, die abenteuerliche Geschichte heute den Besuchern. Mikrofone von damals, Kofferverstärker und herzige, handgemalte Beatles-Plakate sind noch da. Bei der Eröffnung am 29. August 1959 kamen 800 Leute. Die Beatles spielten – damals noch als „Quarrymen“ – und auch kurz vor ihrer ersten Plattenveröffentlichung immer wieder hier. Wer im „Casbah“ aufs Klo musste, wurde über die Menschenmenge hinweg unter der knapp zwei Meter hohen Decke zum Ausgang durchgereicht – eine frühe Variante des Crowd-Surfens.

 

Paul spielt Schuldirektor

Mit Phil geht es zurück in die Liverpooler City, die noch Straßenzüge mit verbretterten Fenstern und Türen hat, Reste des städtischen Niedergangs bis in die 1990er-Jahre. Vor allem aber viele monumentale Erinnerungsfassaden aus der Zeit als wichtigster Passagierhafen des 19.Jahrhunderts. Eine davon: das Rathaus, Prachtbau mit wuchtigen korinthischen Säulen, Kuppel und repräsentativem Balkon. Dieser war das Ziel der Beatles am 10. Juli 1964, einem besonderen Tag für die Band: Seit ein paar Stunden war ihre dritte LP „A Hard Days Night“ in den Läden, der dazugehörige Film feierte am Abend Premiere im Liverpooler Odeon-Kino, und nach Amerika hatten die Fab Four gerade Australien erobert. Ihre Heimkehr nach Liverpool – ein Triumphzug: 200.000Menschen jubelten ihnen auf dem Weg vom Flughafen zum Rathaus und dann bei ihrem Winkewinke-Auftritt auf dem Balkon zu. Nur einer winkte nicht: John streckte den Arm zum Hitler-Gruß, weil ihn der Massenandrang an Nürnberger Reichsparteitage erinnert habe, wie er später sagte.

Etwa zweimal im Jahr kommt Paul McCartney nach Liverpool, erzählt Phil, während er durch das vom Ex-Beatle in dessen Exschule gegründete Liverpool Institute of Performing Arts führt. Hier spielt Paul im Sommer Schuldirektor und verteilt Zeugnisse. Zu Silvester sei Paul oft inkognito in der Stadt und schaue gelegentlich bei seinem Elternhaus vorbei. Einmal soll er um die Ecke am Straßenrand in einem unauffälligen Auto gesessen haben, als ein Mädchen an die Scheibe klopfte: „Hey, Mister, für fünf Pfund zeige ich dir das Haus von Paul, diesem Beatle!“

Liverpool – auf den Spuren der Beatles

Erst Jahre nach dem Tod von John Lennon ist die Stadt Liverpool so richtig aufgewacht und bietet nun viele Beatles-Touren und eine Ausstellung.

Magical Mystery Tour – der Klassiker. Rundfahrt im kultigen 60er-Jahre-Reisebus zur Penny Lane, den Wohnhäusern der Beatles, ersten Auftrittsorten sowie dem Cavern Club als Endstation. Witzige Moderation, jede Menge Beatles-Songs zum Mitsingen, detaillierte Broschüre. Täglich, 14.30 Uhr, ab Albert Dock, samstags zusätzliche Touren um 12.30 und 15 Uhr. Umgerechnet ca. 18 €. Tel.: +44/ (0)151/236 90 91, www.beatlestour.org.

Phil Hughes Tour – speziell auf die Bedürfnisse der Gäste zugeschnitten, garniert mit reichlich Musik, Anekdoten und Infos. Auf Wunsch in deutscher Sprache und mit individuellem Treffpunkt. Nach Vereinbarung, bis fünf Personen ca. 70 €, jede weitere Person 15 €. Tel.: +44/(0)151/228 45 65 oder +44/7961 /511 223 (mobil), www.tourliverpool.co.uk

Besichtigung der Häuser von Paul McCartney und John Lennon: Nur möglich über den National Trust, der beide verwaltet. Die zweistündige „Woolton Tour“ startet mittwochs bis sonntags um 10 und 10.50 Uhr vor dem Jurys Inn Hotel, nachmittags um 14.30 und 15.20 ab Speke Hall. Pro Person 15 Euro, Kinder bis 16 Jahre 3 Euro. Tel.: +44/(0)151/427 72 31 oder unter www.nationaltrust.org.uk/beatles

Casbah Coffee Club Tour mit einem der Brüder von Pete Best. Mo und Do bis Sa 11–17 Uhr. Ca. 15 Euro pro Person, Kinder kostenlos. Buchung unter +44/(0)151/280 35 19 oder tours@casbahcoffeeclub.com. www.casbahcoffeeclub.com

Fab Cab Touren – im Taxi zu den Beatles-Schauplätzen, eine neuere Besichtigungsalternative. Bis fünf Teilnehmer und drei Stunden ca. 55 Euro. +44/(0)151/909 19 64, FabCabsOfLivepool@hotmail.co.uk, www.fabcabsofliverpool.com.

Beatles-Story – detailgenau zusammengestellte Ausstellung, in der man durch die Karriere der Beatles wandelt – u. a. durch eine Nachbildung des Cavern Clubs sowie den Plattenladen des Beatles-Managers Brian Epstein. Montags bis sonntags 9–19 Uhr. 12,50 Euro, Kinder (5–16 Jahre) 6,40 Euro. Albert Docks, +44/(0)151/709 196 32 20

Anreise: Von Wien nach London, weiter u. a. mit Flybe via Isle of Man zum John Lennon Airport Liverpool (Slogan: „Above us only sky“ aus dem Lennon-Titel „Imagine“). www.flybe.co.uk

Übernachten. Ein Muss für Beatles-Fans: Das Hard Days Night Hotel direkt an der Mathew Street, in der auch der Cavern Club liegt. Das Beatles-Themenhotel hat nicht nur eine Paul- und eine John-Suite, sondern auch Beatles-Bars im Keller, jede Menge Erinnerungsstücke, Fotos und die Notenblätter vieler Beatles-Titel, die über der Rezeption baumeln. Preise ab ca. 110 Euro aufwärts. North John Street, Tel.: +44/(0)151/236 19 64
www.harddaysnighthotel.com

Mittelklasse und sehr individuell: Indigo-Hotel im ehemaligen Baumwollhandels-Viertel. DZ ab 78 Euro. 10 Chapel Street, +44/(0)151/559 01 11
www.hotelindigoliverpool.com

Preiswert und mitten in Liverpools Partyzone: Das Base2Stay im Ziegel-Lagerhaus, top renoviert, aber ohne Frühstücksraum. Müsli, Milch und Brot kommen in Papiersackerln aufs Zimmer. DZ ab 67 Euro. 29 Seel Street, +44/(0)151/705 26 26, www.base2stayliverpool.com
An Wochenenden haben alle Hotels Höchstpreise, wenn der FC Liverpool Heimspiel hat.

Essen. Jede Menge Beatles-Erinnerungen bieten die Pubs „The Grapes“ und „White Star Pub“ in der Mathew Street bzw. Rainford Gardens. Hier kehrten die Beatles regelmäßig auf ein paar Bier ein, weil es das im Cavern Club nicht gab.
[Foto: S. Brünjes]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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