Kurz vor Sonnenuntergang gibt es im Sommer auf der Klippe Punta Meliso oft ein Gedrängel um den besten Platz. Fasziniert schauen die Besucher aufs smaragdgrüne Meer hinaus, als ginge es darum, eine Welturaufführung zu erleben. „Che bello, bellissimo!“, tönt es begeistert von allen Seiten. Dabei ist da nicht wirklich viel zu sehen – wüsste man nicht, dass der 50 Meter hohe Kalkfelsen die Wasserscheide zwischen der Adria und dem Ionischen Meer bildet.
In der Antike galt die extreme Landspitze am Stiefelabsatz Italiens als „Finibus Terrae“, als Ende der Welt. Die Legende will, dass ausgerechnet hier der heilige Petrus an Land gegangen und seine Evangelisierung begonnen haben soll. Nach wie vor pilgern nicht nur die Apulier mindestens ein Mal im Leben an diesen mystischen Ort. Die weiße Wallfahrtskirche Santa Maria di Leuca, von Papst Joannes Paul II. zur Basilica Ponteficia Minore erhoben, ist für Hochzeiten über Monate hinweg ausgebucht. Prachtvolle rosa und weiße Villen entlang der Strandpromenade erinnern daran, dass hier einst Apuliens Elite Urlaub gemacht hat. Heute gehört Leuca mit Unterkünften in jeder Kategorie zu den meistbesuchten Badeorten Süditaliens.
Schwefel, Grotten, Dünen
Schon der Stauferkaiser FriedrichII. war von der landschaftlichen Schönheit Apuliens fasziniert. Er machte seine „heiß geliebte Provinz“ zum Brückenkopf zwischen Okzident und Orient und führte sie zu einer ungeahnten Blüte. Die Apulier dankten es und benannten Plätzen und Straßen nach ihm. Der orientalisierende Baustil war bis ins 20. Jahrhundert hinein beliebt. Die 1885 in Santa Cesarea Terme direkt am Meer errichtete Villa Sticchi mit ihrer imposanten Kuppel und ihren islamischen Elementen gleicht eher einer Moschee, denn einem herrschaftlichen Wohnsitz. Der kleine Kurort hat sich mit seinem schwefel- und jodhaltigen Thermalwasser und seinen Grotten, in denen radioaktiver Fango gewonnen wird, einen Namen gemacht. Sobald die Tage wärmer werden, verwandelt sich das geruhsame Städtchen in einen regen Ferienort. So kommen oft Gäste auch nur für ein paar Stunden, um sich in einer der Kuranstalten verwöhnen zu lassen.
Die adriatische Küstenstraße von Leuca über Santa Cesarea Terme nach Otranto ist schon ein Erlebnis für sich. Kilometerweit erstrecken sich vor dem kobaltblauen Meer feinsandige Dünen, tauchen hinter Kurven kleine Fischerdörfer und enge Buchten auf, die die Wellen über Jahrtausende in das karge Karstgestein gegraben haben. Dann plötzlich schiebt sich am Horizont die Silhouette des wuchtigen Castello Aragonese von Otranto ins Bild.
Otranto ist in den Sommermonaten so geschäftig, dass man ihm seine nur 5000 Einwohner kaum glauben mag. Hunderte von Touristen strömen täglich durch das Centro Storico, um vor allem im Corso Garibaldi das Ambiente zu genießen und vielleicht in einer der Kunsthandwerkstätten und Ledersandalengeschäfte einzukaufen. Den Abschluss bildet meistens der obligatorische Besuch der normannischen Kathedrale. Nicht von ungefähr kommen Kunsthistoriker hierher, um sich den über 800 Jahre alten Mosaikfußboden anzusehen: Es ist das einzige fast vollständige Mosaik seiner Zeit.
Masserien – Landgut als Hotel
Nur einen Steinwurf vom heutigen Albanien und von Griechenland entfernt, war Otranto im Altertum ein bedeutender Umschlagplatz. Heute liegen in der von banalen Betonbauten eingerahmten Hafenbucht ein paar Fischkutter und viele Segelboote von Urlaubern aus ganz Italien.
„Der Salent lebt zwar traditionell noch immer von der Landwirtschaft und vom Fischfang“, erklärt Raffaele De Santis, Gründer einer der ersten Feriendörfer unweit der Alimini-Seen. „Doch parallel dazu hat sich in den letzten Jahrzehnten vor allem der nationale Tourismus langsam, aber kontinuierlich zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig entwickelt. Auch der Club Méditerranée ist bei uns präsent.“ Zum touristischen Erfolg tragen zudem die Masserien bei: Diese großzügig angelegten Landgüter wurden in der Feudalzeit zum Schutz gegen Piraten und den Einfall immer neuer Völker mit hohen Mauern und massiven Wachttürmen befestigt. Vor wenigen Jahrzehnten hat man sie zu Hotels umfunktioniert, deren gediegener Komfort kaum Wünsche offen lässt.
Ob man die Adria oder das Ionische Meer bevorzugt, ist eine Frage des Geschmacks. Der Weg von Otranto nach Gallipoli – einmal westwärts durch den Stiefelabsatz – führt an mittelalterlichen Ruinen, Feigen- und Mandelbaumhainen, Tabakfeldern und endlosen Olivenhainen mit Trockenmauern vorbei. Reste mysteriöser Menhire und Dolmen beweisen, dass die Region schon in prähistorischen Zeiten besiedelt war. Die hübsche Altstadt von Gallipoli auf einer Insel wirkt aus der Ferne wie ein vor Anker liegendes Schiff aus Stein. Präsentiert sich der neue Teil der City mit betriebsamen, schachbrettartig angelegten Geschäftsstraßen, so vermittelt das enge Gassengewirr des einst von den Griechen erbauten antiken Städtchens mediterrane Gelassenheit. Ansehnliche kleine Restaurants, in denen apulische Pasta- und Fischgerichte zu einheimischen Weinen serviert werden, und Bars im Freien säumen die Küstenstraße über der Badebucht. In den frühen Abendstunden verwandelt sich die „Riviera“ in eine belebte Flaniermeile.
Barockdekor und Rituale
Die Visitenkarte der salentinischen Halbinsel aber ist Lecce, mit knapp 100.000Einwohnern die größte Stadt der Provinz. Ihrem überschwänglichen Dekor und Formenreichtum an Kirchen- und Palastfassaden verdankt sie ihren Ruhm als „apulisches Florenz“. Nur eben barock. Daneben nehmen sich die imposanten Reste des römischen Amphitheaters auf der Piazza Oronzo, wo die Lecceser in der ältesten Pasticceria, dem Caffè Alvino, gern im Freien sitzen, fast fehl am Platz aus.
Der allgegenwärtige Barock hat auf kuriose Weise auch das lokale Kunsthandwerk angeregt. In Lecce werden seit zwei Jahrhunderten Heilige, Madonnen, Kreuze und Krippen aus Pappmaché hergestellt – eine echte Besonderheit. Das leichte, resistente Material eignet sich besonders für Schutzpatronfiguren, die während der stundenlangen Prozessionen mühelos getragen werden können. Doch inzwischen werden auch ganz kitschige Versionen davon produziert. Das passiert eben, wenn der Tourismus beginnt, in die Kunst Einzug zu halten.
Apulien hat in den letzten Jahren den Ruf eines Trendziels bekommen (etwa bei Italiens Intellektuellen).
Info: italienische Zentrale für Tourismus (Wien): T 01/505 16 39, www.enit.it
Anreise: Flug Wien–Bari z. B. mit Airberlin, www.airberlin.com
Übernachten:Masserien wie die „Torre Maizza“ sind ähnlich der Pousadas in Portugal alte, feudale und mitunter stark befestigte Gutshöfe, die später zu noblen Herbergen umgebaut worden sind. Buchbar z. B. über: www.charmingpuglia.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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