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Ein Würstel kennt keine Sperrstunde

03.08.2012 | 18:47 |  von Antonia Barboric (Die Presse)

Regensburg und Nürnberg eignen sich für einen kombinierten Zugreisetrip: Gemächlich durch die Stadt flanieren und kleine Geschichten auflesen.

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Städtereisende möchten von einem Guide oft lieber Anekdoten hören als lange geschichtliche Abhandlungen. Die Stadtführerin in Nürnberg freut sich über diesen Wunsch und lässt kleine Häppchen fallen: etwa das vom Henker, der Rot tragen und außerhalb der Stadtmauer leben musste, da er keinen ehrenwerten Beruf ausübte. Und damit nicht nur er, der nach seiner Pensionierung als Arzt arbeitete, ein schlechtes Los gezogen haben soll, oblag es seinem ältesten Sohn, ebenso Henker zu werden. Die beeindruckende Stadtmauer ist im Übrigen noch zu 90 Prozent erhalten.

Das Tor zur Kaiserburg ziert ein Riesenschloss. Die Existenz dessen enormen Schlüssellochs ist aber nicht auf die Stattlichkeit der Burg zurückzuführen, sondern darauf, dass auch nach der Torsperre Würstchen durchgeschoben werden konnten. So schafften es die Würstelverkäufer, ihr Geschäft lohnend über die vorgeschriebene Sperrstunde hinaus auszuweiten. Im Portal der gotischen Lorenzkirche nahe dem Marktplatz wartet ebenfalls ein Kuriosum: Hier hat sich ein Steinmetz verewigt, indem er sich bei der Darstellung der Himmelfahrt gleich gar nicht erst mit unnützen Details wie der Gestaltung des Körpers Jesu aufhielt, sondern diesen direkt auffahren ließ – und nur noch seine Füße in der Höhe gestaltete.

Bei Nürnberg denkt der Besucher nicht nur an Rostbratwürste, sondern auch an Lebkuchen, Weihnachtsmarkt und Spielzeug. So steht er dann auch plötzlich in einem winzig kleinen Spielwarenladen, eher sogar noch: -kabinett, in dem die Besitzerin seit Jahrzehnten jede Puppe von Hand anfertigt, und zahlt für einen Bären doch nur 3,50 Euro.

Der Stadtbummel führt weiter zu einem original französischen Café au Lait im Café d'Azur gleich ums Eck. Es muss nicht immer ein Biergarten mit Bratwürsteln sein. In der Sonne sitzend, kann man die Stadt gut auf sich wirken lassen. Die gepflasterten Straßen, die von der Kaiserburg bergab führen, sind stark von Autos befahren. Der Versuch, die Innenstadt autofrei zu machen, sei leider missglückt, erzählt die Fremdenführerin. Viele der alten Häuser in Nürnberg sind außen schmucklos, dafür innen umso prächtiger. Man staunt über Details: Das Stiegengeländer im Hof eines mittelalterlichen Hauses ist aus einem Stamm geschnitzt, und ließe man einen Tennisball von oben in einer der Rillen hinabrollen, so würde er ohne Unterbrechung unten auf dem letzten verbliebenen Stammstück landen.

 

Fenster wie Facebook

Interessant scheint, dass, obwohl das Habsburger Erbe in Nürnberg omnipräsent ist, die Bewohner der Stadt uns Österreichern gar nicht schlecht gesinnt sind. Dagegen halten sich die bayerninternen Ressentiments eisern und sind teilweise sehr boshaft. „Man muss Gott für alles danken, auch für Ober-, Mittel- und Unterfranken“ – wird etwa in Regensburg geunkt, das nur gut 50 Minuten mit dem Zug von Nürnberg entfernt liegt.

Zu Fuß gelangt man vom Bahnhof schnell in die Regensburger Altstadt, die von Studenten bevölkert ist. Da könnte man es sich fast vorstellen, in einem Studentenheim zu wohnen, das in einem der mittelalterlichen Häuser untergebracht ist. Winzige Gässchen führen zwischen den Wohnhäusern hindurch – so eng, dass die Bewohner gar kein Internet für zwischenmenschliche Kommunikation benötigen: „Wie man sieht, können die Nachbarn hier einander ganz leicht in die Fenster schauen – das ist Facebook in Regensburg!“, erklärt der Guide.

Der Regensburger Dom (auch: Kathedrale St. Peter) steht auf dem obligatorischen Sightseeing-Programm, doch es ist fast interessanter, was die Stadtführerin zur katholischen Kirche „Unserer Lieben Frau zur alten Kapelle“ zu bemerken hat: „Wenn man beichten will, geht man dorthin: Der Beichtvater ist schwerhörig.“

Bei der „Wurstkuchl“ unten am Ufer der Donau bei der Steinernen Brücke werden „Bratwurstkipferl zum Mitnehmen“ um 2,20 Euro das Stück angeboten, in einer Art Semmel mit Süßsenf und Sauerkraut. Angeblich versorgt die Wurstkuchl bereits seit 500 Jahren die Bewohner der UNESCO-Welterbe-Stadt. Das Sauerkraut stammt dabei aus einem nur wenige Meter entfernten Haus aus Eigenproduktion. Gemütlich sind beide Ziele, Regensburg und Nürnberg, und für eine Zugreise sind sie leicht zu verbinden. Zugleich sind sie Radfahrstädte wie Graz, wo man überall in zehn Minuten als Pedalritter einreitet.

Auf Schiene

Info: Deutsche Zentrale für Tourismus, www.germany.travel
Veranstalter:
ÖBB Rail Tours.
Zugreise Wien–Nürnberg bzw. Wien–Regensburg mit ÜN,
www.railtours.at
Tipps:
größte Dürer-Ausstellung in Deutschland seit 40 Jahren: „Der frühe Dürer“, Germanisches Museum, www.gnm.de; Nürnberg: Essen im „Lorenz“, www.cafelorenz.net; Biergarten in Regensburg: „Weltenburger am Dom“, www.weltenburger-am-dom.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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