Der Zirknitzer See (Cerkniško jezero) gibt den Bewohnern Rätsel auf. Einmal kommt er, einmal geht er. Das Gewässer liegt in einer Gegend, die gemeinhin als „Karst“ bezeichnet wird, aber in sich so unterschiedlich ist wie deren Phänomene: Hier versickert Wasser schnell in unendlichen Höhlen, um an ungeahnter Stelle wieder hervorzutreten. Hier beißt der Fels aus dem dünnen Erdboden und verleiht der Landschaft den Eindruck schön-bizarrer Kargheit. Dort und da gibt es Dolinen, in denen die Menschen Gemüse anbauen. Und manchmal kommt man auf Almen, die von Dolinen wie ein Trichterteppich überzogen sind. Zur Orientierung: Der Karst zieht sich vom Triestiner Hinterland bis südöstlich von Ljubljana. Tendenziell also die Gegend, auf der der Reisende es eilig und keinen Blick für deren wilde, einfache Natur hat.
Wer die Wanderreise-Bücher „Slowenien entgegen“ oder „Die letzten Täler“ verehrt und ihnen buchstäblich nachgeht, sieht im Karst geradezu ein klassisches Setting für das Autorenteam der Zu-Fuß-Reisenden Gerhard Pilgram, Wilhelm Berger und Werner Koroschitz: „Tiefer gehen“ ist das jüngste Werk, es durchquert den Karst und streift die Küste. So eine leere Zone, so unbekannte Dörfer, solche Relikte – das ist wie gemacht für die minutiösen Beschreibungen und die zivilisationskritischen Betrachtungen. Das entlockt Begeisterung, aber auch böse Sätze, wie man sie hier mit Freude und in der Reiseliteratur nur ganz selten liest. Mit „Tiefer gehen“ schließt man an die eigene Tradition an, Wege und Dörfer, Atmosphären und Kulturgüter zu beschreiben und zugleich in einen viel größeren Zusammenhang zu stellen. So versammelt das Werk stille, schöne, dramatische Geschichten. mad
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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