Den Eingang zur Bank flankieren Strohballen. Das Portal der Ölgesellschaft ziert Heu. Businessmenschen schleppen Laptoptaschen wie an jedem anderen Tag in Calgary, aber ihre Beine stecken in Jeans mit fetten Gürtelschnallen und Boots aus schwerem Leder. Feste Bäuche hüllen sich in karierte Hemden und Gilets. Man trägt Cowboyhut, die Chefs die noble Version von Smithbilt Hats, die seit fast 100 Jahren produziert wird. Ansehnlich sind die Kombinationen von Cowboylook mit Minirock, auch der Stilbruch mit Logo-T-Shirt darf, zumindest ein Westernzitat muss sein.
Textilmäßig hat das weltweit höchstdotierte Rodeo, die „Calgary Stampede“, eine derartige Präsenz im Stadtbild der Präriemetropole, dass die Wiesn in München dagegen ein Schmarrn ist. Vielleicht kommt der Karneval in Köln und Düsseldorf stimmungstechnisch noch an das heran, was da in der größten Stadt von Alberta zehn Tage lang jeden Juli abgeht, die Arbeitsmoral der Calgarians erscheint allerdings höher als jene am Rhein. Nun ja, die neuen Ölfelder in Kanadas reichstem Bundesstaat müssen am Sprudeln gehalten und der schnelle Wachstum von Boomtown Calgary in Bahnen gelenkt werden.
Heuer allerdings gab es noch mehr zu feiern als sonst: Die Stampede wurde hundert, das bot zusätzlich Stoff für dieses Megaspektakel aus Show, Wettbewerben, Konzerten, Jahrmarktrummel, Partys, Landwirtschaftsausstellung und First-Nations-Dorf. Von einem „Bacchanal“ schreibt die „Nationalpost“ gar und erklärt die Stampede als eine „letzte Bastion des politisch Unkorrekten“. Vermutlich, wenn man die Sache vor dem Hintergrund von Tierschutz, Helmpflicht für Reiter und dem Partyverhalten der jüngeren Besucher betrachtet. Das kratzt die Leute aber wenig. Zu Zigtausenden sitzen sie in den Arenen, um bei Planwagenrennen anzufeuern und Rodeoreitern zuzujohlen.
Country, Cash und Cowboys
Ein Cowboy-Mythos wird zelebriert, den es nicht mehr gibt, die Reiter sind erfolgreiche Farmer, Züchter, Unternehmer, die viel Geld in die Bewerbe stecken, aber auch damit Millionen verdienen. Aus der Geschichtsperspektive betrachtet haben die Wettbewerbsdisziplinen (für einen Mitteleuropäer oft erklärungswürdig) natürlich Sinn: Lasso schwingen, Bullen bezwingen, Planwagen fahren, wilde Pferde bereiten – das waren Fertigkeiten, die den Siedler immer weiter westwärts brachten. 40.000 Zuschauer kamen anno 1912 (fast so viele wie Calgary damals Einwohner zählte), heute kolportiert man Zahlen von einer Million, manche Locals kommen täglich. Sie machen die Nacht zum Tag – und am nächsten Tag damit weiter. Schließlich spielen jeden Abend die Größen aus dem Musikgeschäft: Garth Brooks heuer, Katy Perry war im Vorjahr da. Dort und da sind Bühnen und Bars, die Schlange vor dem „Nashville North“ verspricht Wartezeiten in der Dimension von Stunden.
Das größte Aufsehen unter den Bewerben erregt das „Bull Riding“, denn die Stiere in der Arena sind unberechenbarer, noch wilder als die Pferde. Und deren Reiter sind auch mehr Gefahren ausgesetzt. Mit einer Hand darf sich der Cowboy am Griff anhalten, die andere streckt er in die Höhe. Kaum einer hält sich die geforderten acht Sekunden auf dem Bullen, der versucht, den Rücken frei zu bekommen. Die Kampfrichter benoten die Haltung, nicht nur des Rodeoreiters, sondern auch jene des Tieres. Ähnlich nervenzerfetzend für den Cowboy ist das „Bareback Bronc Riding“, bei dem er auf dem Vollblüter ohne Sattel sitzt. Beim „Saddle Bronc Riding“ balanciert er zumindest in den Steigbügeln.
Man möchte meinen, Planwagenrennen sind dagegen eine leichte Übung: Die Kurven, die die Gefährte nehmen, und das Tempo, mit dem die Pferde durch das Stadion rasen, sind wahnwitzig. Mitunter tragisch (nach einem Crash starben heuer drei Tiere). Welche Kräfte da im Spiel sind, bekommt man bei einer „Behind the Scenes“-Tour durchaus mit. In machen Stellen kommt man so nahe an die Absperrungen heran, dass man den Cowboys auf die Schulter klopfen könnte, bevor sie sich auf das Pferd oder den Bullen setzen. Diese Touren hinter die Kulissen führen durch Ställe, wo die prächtigen Tiere von größeren Teams, oft den Familien der Reiter betreut werden. Es geht aber auch in die Requisite und die Garderoben, wo sich die vielen jungen Darsteller für die Abendshows vorbereiten. Immer wieder kreuzen umherziehende Bands den Weg. Man passiert Traktoren, Erntemaschinen, Pferde und Schafe, bis man das Gelände findet, auf dem einige der First Nations ihre bunten Tipis aufgeschlagen haben und eindrucksvoll Pow Wows abhalten.
Überall stehen Buden mit schriller Optik, gastronomische Offenbarungen erhält auf der Stampede nur der Inhaber einer Karte für VIP- und Super-VIP-Bereiche – und natürlich in der City. Aber es gehört zum Spaß dazu, die Kreationen zu testen, die für den Rummel entwickelt wurden und Tagesgespräch sind. Doughnut Burger etwa: Faschiertes Laberl plus gebratenem Speck zwischen Doughnut-Scheiben mit Ahornsirupglasur. Dagegen nimmt sich das Stampede-Frühstück (gratis) geradezu normal aus: Pancake mit Bacon. Nur einen zertrampelten Cowboyhut soll man dazu tragen.
Calgary Stampede: weltgrößte Rodeoshow – Rummel, Rodeowettbewerbe (sechs Disziplinen), Landwirtschaftsausstellung, Konzerte, First-Nations-Dorf, Shows, Paraden. Immer im Juli. www.calgarystampede.com
Tipp: Calgary ist perfekter Ausgangs- oder Endpunkt zu Trips in die Rocky Mountains (auf dem fantastischen Icefields Parkway).
Übernachten: Hotel Arts: www.hotelarts.ca
Essen/Trinken: „Ranchman's“, Cowboy-Bar. www.ranchmans.com
Bottlescrew Bill's Pub/Buzzards Restaurant: rustikale Küche. http://bottlescrewbill.com
The Ranch: idyllisch, unweit von Calgary im Fish Creek Provincial Park. www.crmr.com
Info: Travel Alberta,
www.travelalberta.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)
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