19.06.2013 11:45 Merkliste 0

Globaler Fettnapf: Wo der Knigge nicht mehr hilft

10.08.2012 | 18:26 |  KLAUDIA BLASL (Die Presse)

Auf den Spuren fragwürdiger Verbote rund um die Welt. Im Minenfeld der Missgeschicke.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mancherorts werfen seltsame Gesetze Schatten auf die Ferienidylle. Im Land, wo die Zitronen blühen etwa, können einem die örtlichen Erlässe sauer aufstoßen. So empfiehlt sich im Interesse des Urlaubsbudgets ein Besuch in Vigevano nahe Mailand nur dann, wenn die Wolken tief hängen. Denn eine Rast im kühlenden Schatten eines Denkmals kommt einen dort mit bis zu 150 Euro teuer zu stehen. Dagegen nehmen sich die 50 Euro für lärmbelästigendes Schuhwerk auf Capri beinahe günstig aus. Aber auch die Griechen stellen modebewussten Damen manches behördliche Bein: Das Betreten von Amphitheatern mit High Heels bringt einen zwar nicht gleich ins Gefängnis, aber doch in Schwierigkeiten. Ein Erlass zum Schutze antiker Bausubstanz, der nicht nur den alten Pflastersteinen, sondern vermutlich auch der modernen Unfallchirurgie zugutekommt.

Draußen in der weiten Welt können kleine Gesten rasch zu großem Ärger führen. In Großbritannien etwa riskiert man bereits mit einer verkehrt aufgeklebten Briefmarke auf der Ansichtskarte für Tante Gusti den Unwillen einer ganzen Nation. Denn die Queen, deren Konterfei die meisten Postwertzeichen ziert, auf den Kopf zu stellen gilt nahezu als Hochverrat. Wenig besser ergeht es gedankenlosen Touristen, die Strichmännchen auf türkische Geldscheine kritzeln. Das gilt als schwere Beleidigung des Staatsgründers Atatürk, der jede Banknote ziert. Und zeigen Sie niemals mit dem nackten Finger auf bekleidete Menschen, das könnte Sie in Teufels Küche bringen.

 

Der Fauxpas mit den Stäbchen

Apropos Küche: In vielen Ländern birgt der Umgang bei Tisch und mit Nahrungsmitteln ungeahntes Krisenpotenzial. In Brasilien etwa gilt das Verschütten von Salz als böses Omen. Da helfen dann nur noch seltsame Rituale, bei denen man drei Prisen der weißen Kristalle über die linke Schulter wirft, sonst wird es ungemütlich. In asiatischen Staaten hingegen dürfen die Stäbchen niemals ins Essen gesteckt werden, denn das wäre keine Hommage an den braven Koch – nein, ein Gruß an die Verstorbenen. Anders die Lage in Indien und vielen muslimischen Staaten. Dort gilt Nahrungsaufnahme als Beschäftigung, die man keinesfalls mit „links“ erledigen darf. Es geht also während des gesamten Gelages nur mit „rechten“ Dingen zu, die andere Hand wird unauffällig auf dem Oberschenkel abgelegt. Wenn einem der Duft frischer Gewürze in die Nase steigt, sollte man in Russland oder China schleunigst das Weite – die Toiletten – aufsuchen. Denn Schnäuzen bei Tisch wäre ein schlimmes Vergehen gegen den guten Geschmack. Noch schlimmer ergeht es alleine denen, die nicht wissen, dass ein chinesisches oder auch polnisches Glas stets voll zu sein hat. Also besser Tee bestellen als eine Alkoholvergiftung riskieren, denn die Kellner schenken unbarmherzig nach.

Dass in Griechenland, Bulgarien, Teilen der Türkei oder auf Sri Lanka Kopfschütteln „Ja“ und Nicken „Nein“ bedeutet, ist vielleicht bekannt. Dass einem selbst ein freundliches Winken falsch ausgelegt werden kann, beweist die Tücke im Detail. In Griechenland, aber auch in manchen Gegenden Frankreichs sollten Sie besser nicht allzu demonstrativ winken, denn das Zeigen offener Handflächen gilt als Affront. Dafür darf man einander in den USA gern einmal den Vogel zeigen, das kommt immer gut an – da es „well done“ oder „very clever“ bedeutet.

 

Kamele haben Vorrang

Augen auf im Reiseverkehr: Auf der Halbinsel Sinai etwa genießen die Kamele der Beduinen Vorrang auf den Straßen, in Kanada die Elche und auf Helgoland alleine die Autofahrer, denn dort ist es verboten, in die Pedale zu treten. Besonders komplex präsentiert sich allerdings der indische Straßenverkehr. Da gilt: Kühe vor Elefanten, Lkw vor Pkw, Kamele vor Ochsenfuhrwerken. Zweibeiner haben das Nachsehen. In französischen Taxis übrigens auch, denn der Fahrgast wird dort nur auf der Rückbank gerne gesehen. Dazu kommt im öffentlichen Verkehr noch vieles, das anderswo im wahrsten Sinn des Wortes nicht gern gehört wird. So etwa Hupen in skandinavischen Ländern, lautes Lachen auf Bali und in Japan oder der unausrottbare Applaus, wenn das Flugzeug heil gelandet ist. Falls man gerade in Russland weilt, sollte man das Pfeifen ausnahmslos den Spatzen auf den Dächern überlassen. Wer selbst die Lippen schürzt, bringt Unglück über sich und die Welt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com