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Stillleben mit Heuschreckenkrebs

17.08.2012 | 18:26 |  KLAUDIA BLASL (Die Presse)

Nichts einfacher, als zwischen Marano Lagunare und dem Karst gegen den touristischen Strom zu schwimmen. Selbst zur Sommerzeit herrscht dort selige Ruhe.

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Luftige Höhen und feiner Sandstrand, hordenweise Wildschweine und fangfrisches Meeresgetier – Friaul-Julisch Venetien, das einst habsburgisch-venezianische Land zwischen Alpen und Adria, erfüllt viele touristische Ansprüche. Manchmal sogar etwas zu gut. Wenn das feriale Sommerhoch – wie gerade eben zu Ferragosto – über der Adriaküste liegt, bleibt nur noch wenig Platz für Individualität. Doch sobald man die dicht befahrenen Urlauberrouten zwischen Grado und Lignano verlässt, setzt eine fremdenverkehrsmäßige Schubumkehr ein. Nach Marano Lagunare zum Beispiel verirrt sich fast niemand mehr.

Dieses idyllische Fischerdorf schläft heute noch den touristischen Dornröschenschlaf. Obwohl Marano der wichtigste Fischmarkt der oberen Adria ist, schwärmen auf der Lagune mit ihren unzähligen kleinen Inseln nur die Vögel aus. Das frisch renovierte mittelalterliche Städtchen wirkt selbst am Wochenende recht einsam und verlassen. Mitten auf der Piazza Vittorio Emanuele II erhebt sich der beinahe tausendjährige Uhrturm, das weithin sichtbare Wahrzeichen von Marano.

 

Reiher, Kormorane, Falken

Ein paar Einheimische sitzen im Café und nippen gemächlich an ihrem Aperitif, die bekannte Gastronomin Mara vom „Vedova Raddi“ wirft langsam die Herdflammen an. Krabben, Garnelen, Aale, Plattfische, Meeräschen und Doraden landen ohne jedes dekorative Brimborium im Topf. Wer Glück hat – und hartnäckig nachfragt – darf seine kulinarische Libido sogar an den „Canocchie“ beziehungsweise „Cicali di mare“ (Heuschreckenkrebsen) stillen.

Derweil schweift der Blick vom schattigen Gastgarten über die glitzernde Lagune. An die 300 Vogelarten leben hier, ein Großteil davon in den beiden Naturschutzgebieten Foci dello Stella und Valle Canal Nuovo. Doch Decio, der Herr der „Vedova Raddi“, verspürt keinerlei Futterneid gegenüber diesen Heerscharen an Weiß-, Grau- und Buntschnäbeln. „Bei uns kommt immer noch genug Fisch auf den Tisch“, meint er gelassen, „man muss der Natur ihren Lauf lassen.“

Zur besseren Verdauung oder auch zum besseren Verständnis organisiert Decio gleich eine Birdwatching-Tour. Vorbei an Kanälen, Süßwassersümpfen, Röhricht und Sandbänken schlängelt sich das verzweigte Wasser- und Wanderwegnetz. Purpurreiher, Sumpffalken, Teichrohrsänger, Kraniche und Kormorane nisten mehr oder weniger heimlich im Schilf.

Hin und wieder erhebt sich ein typisches „Casone“ aus dem Brackwasser. Diese rudimentären Fischerhütten aus Schilf und Holz sind heute nur noch selten bewohnt, doch bis vor gar nicht langer Zeit haben sich ganze Großfamilien auf engstem Raum zusammengedrängt. Sogar Pier Paolo Pasolini hat einmal – allerdings freiwillig – in so einem Stelzenbau Unterschlupf gefunden.

Guido, unser vogelkundiger Guide, findet allerdings wenig Gefallen an einem Quartier, das knapp über dem Wasserspiegel und weit unter der Armutsgrenze liegt. „Non fa per me“, nichts für mich, erklärt er lapidar und reicht uns ein Stück vom „el Bisato“, einem auf Holzstöcken gegrillten Aal. Schon liegt auch mir „nichts für mich“ auf der Zunge, aber letztlich siegen Neugier und Höflichkeit. Das glitschige Tier hat übrigens vor allem nach Lorbeer geschmeckt.

 

Karstige Sitten, kantige Weine

Das Leben im Karst im Triestiner Hinterland war niemals einfach. Jahrhundertelang musste diese karge Gegend aus Kalk, Wacholder, Wein und dunklen Grotten stürmische Zeiten über sich ergehen lassen. Doch während einem heute schlimmstenfalls die wütende Bora den Hut vom Haupt bläst, hat man während der Weltkriege Kopf und Kragen riskiert, wenn ein feindlicher Wind geweht hat. In den „Foibe“, den unergründlichen Spalten dieser zerklüfteten Landschaft, haben Opfer von Faschisten und Nazis, Partisanen und Soldaten gleichermaßen den Tod gefunden. Die Foiba von Basovizza gilt mittlerweile als nationales Mahnmal dieser grausamen Vergangenheit, deren historische Schatten noch vereinzelt über der wilden Landschaft liegen. Doch davon abgesehen präsentiert sich die Gegenwart zwischen dem Görzer und dem Triestiner Karst ausnehmend friedvoll, sonnig und still.

 

Abstieg in die Unterwelt

Selbst das bizarre Höhlensystem dieser Gegend hat längst seinen Schrecken eingebüßt. Man muss keinesfalls Speläologe sein, um einen Abstieg in die geheimnisumwitterte Unterwelt zu genießen. Nahe Sgonico eröffnet die Grotta Gigante mit (nomen est omen) ihren enormen Ausmaßen wahrhaft un(ter)ergründliche Horizonte. Rund 127 Meter Höhe misst das pittoreske Gewölbe, die „Sala dell' altare“ mitsamt den riesigen, blattartigen Stalagmiten, weshalb es sogar im Guinnessbuch der Rekorde aufscheint.

Aber auch das oberirdische Dasein dieser Region hat mehr zu bieten als historische Reminiszenzen, Höhenluft und harte Arbeit. Allein zwischen Prepotto und Sgonico stillen an die zwanzig „Osmize“ beziehungsweise „Frasche“ den Durst von weingeistigen Wanderern und sonnenhungrigen Grottengehern. Kleine Efeubüschel weisen den meist recht steilen und steinigen Weg zu diesen urtümlichen Buschenschenken. Über den spartanischen Tischen mit Panoramablick liegt der Duft nach wildem Fenchel, Prosciutto und grottengutem Käse, dialektale Mischformen aus Italienisch, Slowenisch und Deutsch geben sprachlich wie kulinarisch den Ton an. Dazu fließen in diesem kleinsten italienischen DOC-Gebiet große Ströme an karstigen Weinen. Vitovska und Glera, zwei autochthone Weißweine, oder Terrano, eine bodenständige, recht säurehältige Spielart der Refosko-Traube, werden nicht nur von Weinpäpsten hoch gelobt, bereits Plinius der Ältere hat den Weinquellen in seiner „Naturalis Historia“ ein geschmackvolles Gesundheitszeugnis ausgestellt.

In den Genuss geschichtsträchtiger Tropfen kommt man im Übrigen heute noch. Einige Winzer, wie etwa die Gebrüder Vodopicev aus Sgonico, bauen ihren Wein nach jahrtausendealter Methode in Amphoren aus. Andere, wie Boris Skerk aus Prepotto, lagern ihre Bestände in uralten, felsigen Abgründen, deren genaue Tiefe vermutlich nicht einmal der Grottenolm kennt.

Von Modernität um der Mode willen halten die Bewohner des Karsts wenig bis nichts. Hier gilt: alt und immer noch gut, was selbst auf die süffige Renaissance der Glera Spumante (die Mutter des Prosecco rund um Valdobbiabene) zutrifft. Seit Vitjan Sancin aus dem Val Rosandra diesem prickelnden Getränk wieder zu vollen Flaschen und vinophiler Ehre verholfen hat, erfreuen sich immer mehr Schluckspechte an ihr.

 

Karstseen mit Faulweiden

Allzu tief ins Glas schauen sollte man angesichts der von Dolinen durchlöcherten Landschaft aber nicht. Und auch Sport kann in einem solchen Gelände mitunter zur Falle werden. Zudem stellen die zahlreichen Moutainbikestrecken durch den Karst Sonntagsradler mit ihrer „Gefälligkeit“ vor schwindelerregende Aussichten, die steil ansteigenden Wanderwege können durchaus mit Höhenrausch enden.

Im Naturreservat Gradina nahe Gorizia kann man sogar Gefahr laufen, auf den Spuren von Goldschakalen im Moor zu versinken – sofern einen bei der Umrundung des Doberdò-Sees, einem einsamen wie einzigartigen Karstsee, nicht ohnedies der Wind verweht. Es muss aber nicht auf eigene Faust sein: Vom Besucherzentrum aus starten Exkursionen in das Naturreservat, bei denen man auch zum Pietrarossa-See kommt, an dem Faulweiden wachsen. Die wilde Schönheit der karstigen Natur lohnt hier jedes Abenteuer an der herben Frischluft.

Im Karst und an der Küste

Karst: Hinter Triest, nahe Görz/Goricia; besonders schön im Herbst, wenn sich das Laub verfärbt.

Küste: Marano Lagunare liegt nahe beim geschäftigen Lignano, an der Mündung der Stella, bei der Lagune

Info: Friuli Venezia Giulia, www.turismofvg.it

Natur: Grotta Gigante in Sgonico, www.grottagigante.it
Naturreservat Gradina nahe Goricia mit dem Doberdò-See und dem Pietrarossa-See, Exkursionen www.riservanaturalegradina.com

Marano Lagunare, Naturreservat Besucherzentrum, www.riserven-aturali.maranolagunare.com

Winzer & Osmize: Boris Škerk, Prepotto 20, Duino-Aurisina, www.skerk.com
Paolo & Valter Vodopivec, Sgonico, T +39/040/22 91 81

Fischlokale in Marano Lagunare: Trattoria alla Laguna „Vedova Raddi“ T +39/0431/670 19; Osteria Ristorante „Porta del Mar“ sowie Taverna al Pescatore, www.tavernaalpescatore.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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