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Operetten, Seerosen und Stromschnellen

17.08.2012 | 18:28 |  MARTIN AMANSHAUSER (Die Presse)

Die Gespanschaften Varaždin und Međimurje erweisen sich als Geheimtipps. Die nordkroatische 50.000-Einwohner-Stadt an der Drau zeigt sich als kompakte Monarchie-Destination.

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Komm mit nach Varasdin, solange noch die Rosen blühn“, lautet der berühmte Text aus der Operette, „Du bist die schönste Fee, von Debrecin bis Plattensee.“ So suggestiv und doch simpel funktionierten die Aufrisstechniken bei Emmerich Kálmán in der „Gräfin Mariza“. Nach Varaždin fahren aber heute nur wenige. Dabei würden sich österreichische Wirtschaftspatrioten zu Hause fühlen: Raiffeisen, Uniqa und Bipa prägen das Stadtbild.

Die nordkroatische 50.000-Einwohner-Stadt an der Drau zeigt sich als kompakte Monarchie-Destination. Nicht zufällig spricht man vom „kleinen Wien Kroatiens“, die Gartenarchitektur aus dem 19.Jahrhundert erinnert an jene des Stadtparks, dazu kommt einer der schönsten Friedhöfe Europas, Varaždinsko Groblje, ein Naturdenkmal mit Grabsteinen. Mehr der Wirklichkeit zugewandt ist das größte Fest der Region: das Špancirfest (24.8.–2.9.), für das sich die Stadt in ein Straßenkunst-, World-Music- und Theater-Zentrum verwandelt. Die Etymologie täuscht nicht: Das Špancirfest ist ein (Herum-)Spazierfest, daher der Name.

Wer außer Garten- und Festivalfreunden fährt noch nach Varaždin? Insektenliebhaber. Franjo Košćec gründete eine außergewöhnliche entomologische Sammlung, die heute im Palais Herczer zu sehen ist: 4500 Exponate – Hirschkäfer, getrocknete Präparate, Insektenmodelle wie aus Horrorfilmen, Modelle von Nistplätzen, Privatwerkzeuge und das Arbeitszimmer des Professors.

Varaždin liegt nahe dem wunderbaren Landstrich Međimurje, dem Zwischenmurland im Dreiländereck mit Slowenien und Österreich. Das Gebiet zwischen Mur und Drau wird auch Murinsel genannt. Hier sieht es aus wie in einer ursprünglicheren, wilderen Südsteiermark. In einer sanften Hügellandschaft mit Wiesen, Wäldern und Weinbergen liegen Dörfer, traubenförmig angeordnet um Kirchen – und wie Punkte in der Landschaft die Schlösser und Herrenhäuser. Auch beim Wein zieht Nordkroatien mit: So führt die Familie Jakopić auf Schloss Terbotz eine Gaststätte mit Weinarchiv und Rittersaal – und vertreibt auch den Eigenbau. Die Weinstraße in Međimurje mit über 30 Probierstuben und Kellern – viel Weiß, wenig Rot und dazu kalter Aufschnitt – wird noch zu entdecken sein, die traditionellen Gasthöfe mit Tiblica (geräuchertes Schweinefleisch mit Fett übergossen) und dem Turoš-Käse (geräucherter Topfen mit Paprika) ebenfalls. Den Spa-, Golf- und Wellnessgast lockt das Resort Sveti Martin, ein Tourismuswirtschaftsfaktor für die Region und Beweis, dass es auch fern der Adria kroatische Badedestinationen gibt.

 

Flusswasser und Gulaschsaft

Die Umgebung besticht durch ihre Unberührtheit. Fünf Minuten Fahrt und man trifft Silvio – das berühmteste Exemplar der Hirschfarm in einem Tal zwischen Weingärten. Der streichelbare Silvio ist äußerst gutmütig, hat kaum noch Zähne und wird jedes Jahr im Dezember zum beliebten Fotomotiv. Für die ganz große Karriere fehlt ihm nur noch die Kutsche.

Weiter östlich, im dörflichen Kraljevac, steht das Geburtshaus von Rudolf Steiner, widersprüchlich wie alles, was den ersten Anthroposophen, Gründer der Waldorfpädagogik, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und der organischen Architektur betrifft. Sein Vater arbeitete hier als Bahntelegrafist bei der Südbahngesellschaft. In den lokalen Broschüren wird die „ausgezeichnete Persönlichkeit“ allen „Anbetern seines Werks“ nahegebracht, das Haus ist ein Pilgerort für Fans.

Mlin na Muri, die hölzerne Wassermühle an der Mur (1902), ist die letzte von hunderten, die hier in Betrieb waren, sie knarrt und dreht sich noch immer. Den Fluss selbst überquert man mit einer motorlosen Rollfähre. Drüben beginnt Slowenien. Der reißende Fluss könnte auch wirklich die Grenze bilden. Er tut es aber nicht. Die Grenze verläuft einmal hier, einmal dort, drei Viertel der Mur gehören zu Kroatien, dazwischen sind wieder slowenische Stellen. Ein paar Kilometer weiter im Hinterland befindet sich ein Paradies aus Seerosen, Fröschen, Schwänen, Millionen von Fischen, eine allumfassende Stille in einem stillgelegten Nebenarm der Mur: die Backwaters. Ein lokaler Kapitän lässt sein Holzboot mit Gondoliere-Technik über das Wasser gleiten. Er schweigt, denn die Gondoliere von Međimurje singen nicht. Doch die Kálmán-Operette ist einem noch immer im Ohr: „Denn meine Leidenschaft brennt heißer noch als Gulaschsaft/Drum möcht mit dir ich hin nach Varasdin!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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