Der Schock lag am 24. 12. 2011 für Günter Thumser unter dem Weihnachtsbaum. Ein Schock, von dem sich der Präsident von Henkel Central Eastern Europe, der vom Headquarter in Wien aus Verantwortung für 31 Länder in Ost-, Südosteuropa und Teilen Asiens trägt, eine ganze Woche lang kaum erholt hat. Dabei enthielt das liebevoll in Seidenpapier gepackte Geschenk seiner Ehefrau Luzia den Gutschein für eine Woche Kreuzfahrt auf der „Mein Schiff 1“ von Malta aus durch die Ägäis und den Bosporus und zurück. Mit an Bord: die Wiener Philharmoniker. Für viele ein Lebenstraum, für den passionierten Segler ein Albtraum!
Lebenstraum oder Albtraum
Nicht der Gedanke an Ausflüge nach Malta, Ephesos, Athen, Kusadasi und Istanbul, auch nicht die Aussicht auf drei philharmonische Konzerte, einen Liederabend mit Angelika Kirchschlager und insgesamt weitere zwölf Kammermusikdarbietungen jagten dem 57-Jährigen Gruselschauer über den Rücken, sondern die erste Assoziation des Kreuzfahrtdebütanten. „Eine Woche lang eingepfercht zu sein in einem Massengefängnis.“
Eine unbegründete Angst, denn auf den insgesamt 12.000 Quadratmeter Sonnendecks, in den neun unterschiedlichen Restaurants und Bistros und bei den unterschiedlichen Sport- und Kulturprogrammen verlaufen sich auch 1900 Passagiere. Sie sind übrigens aus 36 Nationen, darunter aus Korea und Japan, Taiwan, Mexiko und Brasilien angereist, um Österreichs weltberühmtes Orchester live zu erleben: Im 900 Personen fassenden Theatersaal des Schiffs, inmitten der bunt beleuchteten Ausgrabungsstätte Ephesos, in Istanbuls Anadolu-Auditorium und in Athens Megaron-Konzerthalle, in der es Standing Ovations gab. Unter anderem für den beachtlich rüstigen Dirigenten Herbert Blomstedt, der an diesem Abend seinen 85. Geburtstag feierte.
Das Ambiente auf dem Schiff: mediterrane Leichtigkeit, großteils urbaner Chic, liebevoll gestaltete Entschleunigungsoasen und atriumartige Aussichtsplätze mit sich teils über mehrere Hecks erstreckenden Glaswänden, die den Blick auf das ewige Blau des östlichen Mittelmeers freigeben. Eine Ausnahme bildet das stets stark frequentierte Pooldeck mit dem Selbstbedienungsrestaurant Anckelmannsplatz auf Deck 11. Dort hätte sich auch so manches Original für eine Folge von Elisabeth T. Spiras „Am Schauplatz“ finden lassen, während sich die Vertreter der Spezies Schönheit, Reichtum und Macht eher in dezentralen Zonen aufhielten.
Meist in geschlossener Tischgesellschaft waren bekannte heimische Wirtschaftsgrößen zu sichten, wie der Exgeneral einer der größten Banken des Landes, dessen Faible für Wallfahrten bekannter ist als jenes für Kreuzfahrten, sein opernbegeisterter Nachfolger sowie ein ehemaliger Finanzminister und Vizekanzler.
Austern und Sport
Was als „Premium all inclusive“-Paket in Bars, Bistros und Restaurants mit unterschiedlichen Küchen und Servicekonzepten geliefert wird, deckt alle Gelüste ab. Aufgetischt werden alle Nahrungsmittel, zubereitet in allen erdenklichen Ethnovarianten, aber auch bodenständige Kost. Und das fast rund um die Uhr. Wenn es dennoch Kaviar sein musste, Austern und Hummer oder frisch zubereitete Sushi, gab es diese zu sehr christlichen Aufpreisen.
Dass die Hosen auch nach der Schiffsreise noch passten, ließ sich durch die regelmäßige Teilnahme an den „Ganz schön gesund“-Programmen, einer Art theoretischen und praktischen Coachings bei einer vernünftigen Speiseauswahl und Zusammenstellung, bewerkstelligen. Eskortiert von den entsprechenden Sporteinheiten.
Auf die Idee, einen der wohl erfolgreichsten Exportartikel Österreichs an Bord des großen Schiffs zu holen, kam der Kärntner Transportexperte Michael Springer, Geschäftsführer der MS 6, Travel & Music GmbH. Den Grundstein für die „Musik & Meer“-Reisen legte er im Übrigen mit Schlagersängern auf hoher See.
Die Preise für die Woche auf „Mein Schiff 1“ variierten von 1000 Euro, die Schnäppchenjäger für einen der wenigen Restplätze in einer Innenkabine ohne Musikpaket bezahlt haben und den jeweils 23.000 Euro, die ein deutsches Ehepaar für die beiden Balkonsuiten steuerbord und backbord mit Einzelbelegung berappte. Warum es nur eine Suite nicht getan hätte: Das Paar wollte beim Auslaufen aus den Häfen immer die beste Aussicht!
Virtuosen in der Badehose
Der Hauptgrund, diese Reise zu buchen ist die Liebe zur klassischen Musik und den Wiener Philharmonikern. Diesen einmal ohne trennenden Vorhang zu begegnen, sie einmal in der Badehose zu sehen, mit ihnen nach einer Veranstaltung den gleichen Ausgang zu nehmen, sind weitere Motive.
Thumser, der zwei Theater-Abos und ein Opern-Abo hat, läuft übrigens nach dieser Woche Gefahr, zum Wiederholungstäter zu werden. Ach ja, Weihnachten kommt bestimmt – hier eine Revanche-Idee für Gattin Luzia: Vom 3. bis 15. Juni 2013 nehmen die Wiener Philharmoniker gemeinsam mit den Berlinern Philharmonikern an Bord der MS Deutschland ab Hamburg Kurs auf England und Schottland.
„Mein Schiff 1“ in Zahlen:
Länge: 262 m, Breite: 32 m, Tiefgang: 8,5 m, maximale Geschwindigkeit: 21,5 km/h. , Crew: 780 Personen für maximal 1924 Passagiere.
13 Decks, 962 Kabinen, 8 Bistros, 8 Bars, 2 Pools, Spa, Kosmetik, Friseur, Fitnesszentrum, Casino, Spital. Weitere Infos:
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
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