An der Schnittstelle zwischen zwei ganz unterschiedlichen Gebirgen – eine Lage wie Leogang besitzen nur wenige Orte in Österreich: Am nördlichen Horizont bilden die Leoganger Steinberge vor ihrem Betrachter eine Mauer, Zacke an Zacke, und am Fuß einen Sockel lichten Waldes voller Geröll. Hier befindet sich dezidiertes Bergsteigergebiet, legendäre Routen leiten den Kletterer über diese kalkigen Zweitausender-plus-Gipfel.
Im Süden hingegen wachsen die Berge sanfter an, weit hinauf sind sie mit Nadelwald bedeckt, ihre Spitzen und Kuppen liegen unter Gras. Diese Erhebungen gehören schon zu den Kitzbüheler Alpen, in die Grauwackenzone. Solches Gelände schätzt der Almwanderer, weil er über die Grate locker schreiten kann, von uriger Almhütte zur sommerfrequenten Ski-Einkehr, an echten Hochmooren und offensichtlichen Speicherteichen vorbei. Manchmal wird er dabei den Weg einer Bergbahn kreuzen, die ihm – je nach körperlicher Verfassung – den Aufstieg oder den Abstieg nach Leogang oder auf die Rückseite nach Saalbach und Hinterglemm abnehmen kann. Der ganz Motivierte schafft es hinüber nach Tirol, nach Fieberbrunn.
Auf dem Weg zum Asitzkopf liegt die Forsthofalm, auf einer Lichtung im Wald, gleich neben dem Wanderweg und der Skipiste. Von einer Alm hat deren Architektur nichts (sie war ja früher schon ein größeres Wirtshaus) – und dennoch passt sie ins Landschaftsbild. Das liegt daran, dass die Bauherren, die Familie Widauer, hier vor wenigen Jahren Österreichs erstes Vollholzhotel errichten ließen: Kein Nagel, kein Leim durchdringt Trame und Riegel, kein Lack versiegelt das Mobiliar. Optisch verpflichtete man sich zu klaren Linien und ebensolchem Design, zu regionalen Baustoffen und Materialien. Die nachhaltige Idee wurde unter anderem mit dem Staatspreis für Tourismus (Sonderpreis Neubauten) honoriert, gleichwohl die Widauers schon viel früher davon überzeugt waren, dass es sinnvoll sei, Regionales auf den Tisch zu bringen und örtliches Wissen zu vermitteln. Der Gast schätzt das zunehmend.
Mittlerweile haben sich sieben Betriebe aus Leogang – durchaus zum Zweck der Saisonverlängerung – zusammengetan, um den Gast zu einem Zeitpunkt in die Region zu locken, zu dem sie vielleicht am schönsten ist. Im Frühherbst, sobald das Laub bunt wird, das Licht klar, kristallin wirkt, die Konturen der Berge scharf hervortreten. Dieser Idee gaben sie den Namen „Schnuraln“. Für den Nicht-Pinzgauer ist das Verb etwas schwer auszusprechen, gemeint ist eine Art „neugierig sein“. Was bedeutet, dass man seine Nase zum Beispiel in die Pinzgauer Küche stecken und die Kulturgüter vor Ort erforschen sollte – ein Schaubergwerk, eine Kunstsammlung, Kulturinitiativen.
Marscherleichternd kommt hinzu, dass man diese Lokalrecherchen nicht allein betreibt, sondern sich gemeinsam mit einem Fahrplan auf Alm- und auf Menüwanderungen zu sechs Stationen begibt. Da warten dann in der jeweils nächsten Gaststube gebratene Kalbsleber, Erdäpfelnidei (Kartoffelnudeln) mit Heuschinken und wildem Majoran und Biotopfenknödel. Die Zubereitung von Kaspressknödeln mit Brennnesseln für zu Hause lernt der Neugierige bei den Workshops in den sieben Hotelküchen.
Mitunter kann der Gast bei der Ortserkundung auch in ein Konzert – eine Jam-Session von Volksmusikanten mit Jazzern – platzen. Freie Improvisation auf über 1000 Metern, das ist zum Sommerfinale oder im Frühherbst möglich wie ein erster Schneeschauer. Generell ist die Gegend der Musik verpflichtet, seit vielen Jahren findet Ende August in Saalfelden – international viel beachtet – das Jazzfestival statt. Und vielleicht geht sich vor den Konzerten auch noch eine kleine Bergtour aus, wer weiß, wie eilig sie nämlich ist: Mit dem Birnbachloch-Gletscher in den Steinbergen liegt auf 1350 Metern der niedrigste Mitteleuropas.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)
Alle Reiseberichte im Überblick
Prinz Charles bis Prinz PilsWie gut kennen Sie den Adel?
ImagekriseDas große Bieber-Bashing
Schöner MannBärte, Beaus und James Franco in Cannes
Modesünden Billboard Music Awards