Die Raststation gilt manchen – sagen wir: den Feinsinnigeren unter uns – als Tor zur Finsternis. Eine Art kulinarische Vorhölle, in der die Brötchen aussehen, als würden sie an der Autobahn wachsen, und in der Kaffee ausgeschenkt wird, den sich nur der Teufel selbst herausgeschwitzt haben kann. Die Menschen scheinen mit tätowierten Waden und in Dreiviertelhosen auf die Welt gekommen zu sein, auf den Spielplätzen, die entfernt an Bilder aus dem verlassenen Tschernobyl erinnern, drohen Vierjährige nach zweimal Rutschen und dreimal Schaukeln zu vergreisen.
Das noble Gemüt wird ferner gekränkt durch Herrentoiletten (von den anderen wissen wir es nicht), in denen unbekümmerter gefurzt und klangvoller gestoffwechselt wird als in einem Kuhstall, eine unbestrittene Tankstellenhäuslspezialität. Ich bin ein Mensch, holt mich hier raus!
Es beginnt der Urlaub. Und doch wirkt das Schild, das auf der Autobahn die nächste Raststation ankündigt, in aller Regel erlösend. Wir brauchen entweder Sprit, Wasser, Toiletten, Kaffee oder etwas zu essen, oft all das zusammen: menschliche und maschinelle Grundbedürfnisse, unverhandelbar.
Genau dafür wurden Raststationen im 20. Jahrhundert errichtet, als direkte Nachfolger der Postschänken, in denen sich einst Pferd und Kutscher laben und erfrischen konnten für die nächste Etappe, und die, so wird es überliefert, gewiss keine Treffpunkte des Hochadels waren. Das zumindest hat sich schon einmal geändert: An die Raststation müssen früher oder später alle, die unterwegs sind, ohne Ansehen der Person.
Ohne Raststationen kommen wir nicht in den Urlaub. Nicht selten beginnt er sogar genau dort. Frühkindliche Prägung: Offizieller Ferienbeginn war stets die erste Raststation nach der Grenze, nicht früher – das war Italien, auch wenn es nur nach Benzin gerochen hat. Man blieb dabei: Niemand, der einen Funken Kultur im Leib hat, fährt in den Süden, ohne beim Autogrill Ledra Est abzufahren, ob getankt wird oder nicht, und sich um einen Espresso und ein Positano anzustellen (zweimal, wie in Italien üblich, zuerst an der Kassa und dann an der Bar). Dass sie unlängst das Positano, diesen hinreißenden Knusperschmelz aus getoastetem Brötchen, Prosciutto Crudo, Mozzarella und riesenhaften Basilikumblättern, aus dem Sortiment genommen haben – unser schärfster Protest an dieser Stelle.
Cola oder Bier. Die Raststation ist der erste Eindruck, den man von einem Land erhält. Nicht selten der einzige, wenn man auf dem großen Durchmarsch ist. Dabei gehört eine Raststation keinem Land, sie gehört den Durchreisenden, die sie bevölkern. Ein soziales Biotop, das uns zeigt, wer wir im Großen und Ganzen sind und was wir so brauchen, um zu funktionieren: Cola oder Bier, Wasser mit oder ohne Sprudel, verschweißtes Etwas oder „Frisches“ für die Furchtlosen, Pommes oder Müsliriegel, Cornetto oder Twinni.
Kinder, das kann so behauptet werden, mögen Raststationen. Man fragt sich ohnehin, wie man diese armen Kreaturen auf Urlaubsfahrt so lange in Kindersitzen fesseln kann, wir hatten als Kinder ja noch keine, standen zwischen den Vordersitzen, wenn es nicht mehr zum Sitzen war.
Jedenfalls ist der Zwischenstopp eine kurzzeitige Befreiung aus der Ödnis des ewigen Dahinfahrens, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass man im Kassenbereich zum Abstauben der einen oder anderen käuflichen Extravaganz kommt. Eltern können nur staunen, wie viel Schoko- und rosa Glitzerzeug heutzutage auf Kinderaugenhöhe in Tankstellenshops ausgebreitet ist – Nein sagen können sie nicht.
Besser als ihr Ruf. Raststationen haben sich überhaupt gewandelt, um nicht zu sagen: gemausert. In Österreich, wo es derzeit um die 90 davon gibt, hatte ein gewisser Herr Rosenberger maßgeblichen Anteil daran (siehe Artikel unten): Ein Pionier der Branche, der sich vor allen anderen mühte, den schmucklosen Massenbetrieb einer Autobahnhaltestelle mit gepflegten Sanitärräumen und einem Hauch von Kulinarik und Gastlichkeit zu beseelen. Sein Name verschmolz mit dem Objekt, wurde eins, sodass man in die Unruhe im Fond und auf dem Beifahrersitz verkünden konnte, man werde beim nächsten Rosenberger stehen bleiben, weil dort die Häuseln sauber sind.
Generell sind heute Raststationen besser als ihr Ruf. Nachhaltig verdreckte Toiletten gibt es eigentlich nicht mehr, das Essen ist durchwegs passabel, die Sandwiches sind nachgerade appetitlich, und spätestens wer in Deutschland einen Kaffee gereicht bekommt, der es mit dem in Italien aufnehmen kann, muss sein Weltbild ein wenig korrigieren.
Ein Schloss am Wörthersee. Und wer hätte das gedacht: Österreich stellt heuer einmal mehr den europaweiten Testsieger des deutschen Autofahrerclubs ADAC, es ist die Raststätte Wörthersee. Für Connaisseure: Die übelste Raststation in ganz Europa wurde bei Ruma in Serbien ausgemacht – besuchen wir die doch einmal genussvoll in Gedanken und hoffen, dort nie wirklich zum Stehen zu kommen.
Unbenommen des subjektiv wie objektiv gestiegenen Niveaus (der ADAC entnimmt zum Beispiel Proben auf den Toiletten, um die Sauberkeit zu überprüfen) haftet diesen Stätten etwas Unheimliches an. Kennzeichen, die man keinem Land zuordnen kann, Fenster von verdächtigen Kleintransportern, in die man nicht hineinsehen kann, Menschen, denen hier vielleicht noch einen Hauch weniger daran gelegen ist, einen freundlichen Eindruck zu hinterlassen. Und immer das subtile Bedürfnis, das Auto möglichst so zu parken, dass man es vom Tisch aus im Auge behalten kann.
Wo das Verbrechen lauert. Das mag mit Erlebtem zu tun haben. Damals, in Italien, beim Versuch, an der Raststätte im Auto zu schlafen, als wir erstarrt zusahen, wie das Auto neben uns aufgebrochen wurde – ein Wohnmobil, in dem offensichtlich (und eigentlich wenig überraschend) die Besitzer schliefen, denn der Dieb, sichtlich selber schon müde, lugte nur ins Innere und ließ es dann bleiben, bevor er zu seinem Innocenti schlurfte, den Motor anwarf, indem er das Auto ein paar Takte weit anschob, dann hineinsprang, um schließlich auf maximal zwei funktionierenden Zylindern gemächlich davonzuknattern – der erbärmlichste Fluchtwagen, den die Welt je gesehen hat.
Andere handfeste Eindrücke von Verbrechen beschränken sich im Übrigen eher auf die Preise im Restaurant und im Shop, die eine heutige Form von raubritterhaftem Wegezoll darstellen (das beanstandet der ADAC übrigens bei allen Kandidaten, wobei er gleichzeitig auf die höheren Personalkosten eines Rund-um-die-Uhr-Betriebs hinweist).
Aufreibender ist für empfindsame Naturen die Gewissensprüfung an den Toiletten. Ein Mensch, der berufsmäßig vor einem Klo sitzt und dafür ein paar Groschen hingeworfen bekommt oder auch nicht, ist das in der Wertschöpfungskette unserer Gesellschaft nicht das unterste Glied? Wie will man da ungerührt vorbeigehen? Mit der herrischen Wiener Klofrau von früher hat das nichts zu tun. Sicher, wir haben in der Zeitung vom Urteil gelesen, das Stationsbetreibern untersagt, Maut für Sanitäranlagen einzuheben – ausdrücklich auch auf „freiwilliger“ Basis, also mit Münztellerchen und Kloperson vor der Tür.
Es geschieht unverändert, wie unser Lokalaugenschein gezeigt hat. Vielleicht hat man auch schon von Spezialisten gehört, die dem Betreiber die komplette Reinigung der Toiletten abnehmen, kostenfrei, da sie sich allein aus dem freiwilligen Obulus zu vergüten gedenken. Die Zustände, unter denen dazugehöriges Personal zuweilen untergebracht ist, schafften es unlängst in die Schlagzeilen.
Die Raststation ist ein Außenposten im Öd- und Niemandsland, zu dem die Landstriche um unsere Autobahnen geworden sind, und auch wenn alle einmal herkommen, so will doch niemand bleiben.
Vorbild Österreich.Der deutsche Autofahrerclub ADAC hat zum zwölften Mal europaweit Raststätten geprüft. Österreich erzielte stets gute Resultate, die Station Wörthersee ging schon mehrmals als Sieger hervor. Den letzten Rang in Europa belegt aktuell die Station Ruma in Serbien.
Über Gebühr. In Österreich vergibt die Asfinag die Lizenzen für Raststätten. Die Asfinag klagte auch gegen das weitverbreitete Einheben von Gebühren für die Toiletten – und gewann. Niemand muss für die Benutzung von WCs zahlen. Die mehr oder minder subtile Aufforderung, einen Obulus zu leisten, ist dennoch vielfach präsent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)
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