Ob er tatsächlich Tränen vergossen hat? Man weiß es nicht mit Sicherheit. „Beweine nicht wie ein Weib, was du als Mann nicht verteidigen konntest“, soll ihn seine Mutter angeherrscht haben. Es ist der 2. Januar 1492, als Boabdil, der letzte Herrscher eines maurischen Reiches auf spanischem Boden, mit seiner Eskorte Granada für immer den Rücken kehrt und die „Rote Festung“ kampflos den katholischen Königen von Kastilien und Aragon überlässt. Boabdil wollte sie nicht der sinnlosen Zerstörung preisgeben. Der Ort des Abschieds, ein Pass nahe der heutigen A 44, heißt seither Puerto del Suspiro del Moro, so viel wie „Seufzer des Mauren“.
Die Alhambra ist die einzige komplett erhaltene islamische Palastanlage der Welt. Kein anderes Bauwerk aus der Maurenzeit zieht die Menschen noch heute so in den Bann wie diese fantastische Architektur, die die Araber nach fast 800 Jahren Herrschaft in al-Andalus hinterlassen haben. Noch immer steht man staunend zwischen filigranen Marmorsäulen im berühmten Löwenhof, vor den kunstvollen Kapitellen und Arabesken oder unter den Kuppeln, die als Spiegelbilder des Kosmos und des Paradieses inszeniert wurden. Wenn man denn Platz zum Staunen hat. Bis zu 7000 Touristen – meist in kompakten Gruppen – werden täglich durch das Weltkulturerbe geschleust.
Markttreiben in der Medina
„Vielen bleibt danach für die Medina kaum Zeit“, klagt Ismail, der Besitzer eines handtuchbreiten Ladens, in dem sich Pölster, Decken und Kelims in leuchtend bunten Farben bis zur Decke stapeln. Er nennt den ältesten Ortsteil der Stadt so, wie ihn schon seine marokkanischen Vorfahren genannt haben.
Dieses als Unesco-Weltkulturerbe deklarierte Viertel Albaicín wirkt auf den Besucher wie ein Labyrinth aus verwinkelten, engen Gassen, weiß gekalkten Mauern, mit Bougainvilleen bewachsenen Innenhöfen und schattigen Plätzen, wo in den Kaffeehäusern früh am Morgen der erste Café solo, ein Espresso, getrunken wird. Kurz vor Sonnenuntergang treffen sich die alten Herren und die Verliebten am Mirador de San Nicolás, um den Ausblick auf die Alhambra zu genießen. Der Blick schweift über die Dächer bis hin zu den schneebedeckten Dreitausendern der Sierra Nevada. Eine bühnenbildartige Kulisse, es ist das Postkartenmotiv der Stadt schlechthin.
Neues Trendviertel
Auf dem maurischen Hügel zu wohnen gilt inzwischen wieder als angesagt. In den letzten Jahren wurden viele verfallene Häuser aufwendig restauriert und an eine zahlungskräftige Kundschaft vermietet beziehungsweise verkauft. Trotzdem ist damit das Überleben dieses uralten Stadtteils nicht wirklich gesichert. Zählte der Bezirk zur Zeit der Reconquista, der christlichen Rückeroberung Granadas, noch an die 58.000 Seelen, so sind es heute nur noch 12.000. Das liegt auch daran, dass vergleichbare Wohnungen in den neueren Vierteln preislich weitaus attraktiver sind und man dort mit dem Auto problemlos bis vor die Haustür fahren kann.
Das von den Dichtern viel besungene Granada gehört zweifellos zu den interessantesten Städten auf der Iberischen Halbinsel. Nicht von ungefähr hat die 240.000 Einwohner zählende Kommune mehrere Millionen Besucher im Jahr zu verkraften. Doch Garnata, der Granatapfel, wie sie die Kalifen nannten, ist kein Freilichtmuseum, das sich auf seiner vergangenen Größe ausruht. Die Stadt mit der drittgrößten Universität Spaniens wird heute ihrem Ruf als kulturelles Zentrum gerecht, hier finden internationale Musikfestivals statt, der Ort ist als Kongressdestination stark nachgefragt.
Von Happen zu Happen
Die bedeutendsten Anwälte Andalusiens haben an der bereits von Karl V. im 16. Jahrhundert gegründeten Alten Universität, heute Sitz der rechtswissenschaftlichen Fakultät, studiert. Hinzu kommen die über 60.000 Studenten, die hier alljährlich ein Auslandssemester absolvieren. Sie beleben die Straßen und Plätze – und vor allem die zahllosen Tapas-Bars.
Ausgehen hat in Granada ja immer etwas mit Tapas zu tun – den Appetithäppchen, die in jeder Bar und Bodega so einladend auf dem Tresen stehen. Gebackene Tintenfischringe, Oliven im Speckmantel, gefüllte Schinkenröllchen, Kreationen mit Thunfisch und Avocado oder mit scharfer Wurst, die Fantasie der Wirte kennt bei der Kombination keine Grenzen. Wobei man nicht etwa den ganzen Abend gemütlich an der Theke hockt. Ein Tapa hier, zwei Tapas dort und irgendwo einen Fino, ein Gläschen trockenen Sherry aus Jerez, sind eine vergnügliche Alternative zum traditionellen gesetzten Abendessen.
Und niemand stellt sich dabei die touristische Frage, ob das Wort Tapa, Deckel, darauf zurückgeht, dass man in früheren Zeiten eine Scheibe Wurst oder eine Tortilla als Fliegenschutz auf das Weinglas zu legen pflegte. Schon gar nicht in der Bar „A la moda Los Diamantes“, in der auch sonst mit Weinstuben und kleinen Straßenrestaurants gut bestückten Calle Navas. Sobald dort um 20 Uhr die Rollladen hinaufgeschoben werden, strömen die Gäste zielstrebig an die Theke. Aus gutem Grund: Sobald die noch pfannenheißen Fisch-Tapas weggefuttert sind, wird die Bar auch gleich wieder zugemacht. Und der Streifzug geht weiter.
Siesta zwischen Babuschen
Granada ist eine moderne, aber keine hektische, laute Stadt. In der Calle de los Reyes Católicus, der Hauptgeschäftsstraße, steht man zur Mittagszeit in vielen Läden vor verschlossenen Türen. Eine Stadt macht Siesta. Auch die Händler im Basar legen ein Nickerchen ein, während zwischen Babuschen und bunten Berbertüchern aus den Boxen pausenlos Flamenco plärrt. Unabhängig, ob Kundschaft kommt – Touristen, die zum Lunch in ihre klimatisierten Hotels zurückschlendern.
Wer sich auf der Plaza Bib- Rambla unweit der Renaissance-Kathedrale vom Charme der Blumenstände und Freiluftcafés ablenken lässt, kann den Eingang zu den schmalen, schummrigen Gassen des Souk leicht übersehen. Einst war der Basar im Stadtteil Alcaiceria das Zentrum des internationalen Seidenhandels. Nach einem Großbrand in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Komplex wieder aufgebaut. Die mit Spitzbögen und geschnitzten Türen verzierten Läden bieten heute reichlich Platz für marokkanische Importware – es handelt sich halt hauptsächlich um Souvenirs. Doch liegt noch ein gewisser Hauch vom alten Orient in der Luft. Wenn man sich die Zeit nimmt, genauer die Ware zu durchsuchen, kann man dort und da schon interessante Stücke finden. Vereinzelte Geschäfte bieten auch spanische Originalprodukte an, vor allem Einlegearbeiten, Keramik und Lederwaren.
Hamam in der Unterstadt
Die Alcaiceria ist das nostalgische Herzstück der Unterstadt. Fast fließend geht dort Neues und Altes ineinander über. Gleich hinter der Plaza Nueva mit ihren modernen Geschäften fühlt sich der Besucher in den Orient versetzt. Teestuben und fernöstliche Modeläden liegen Tür an Tür mit libanesischen und marokkanischen Restaurants. Miguel zeigt stolz sein kleines, neu eröffnetes Lampengeschäft: traditionelle Glasarbeiten, made in Istanbul. Ein Potpourri aus satten, leuchtenden Farben. „Trotz des Tourismus“, erklärt er, „nimmt die Arbeitslosenquote in Andalusien rasant zu. Viele junge Menschen machen sich deshalb selbstständig.“
Miguel, ein gebürtiger Sevillaner, fühlt sich in Granada wohler als in der größten Stadt Andalusiens. Im Winter, erzählt er, entspannt er sich ab und zu im „Hamam al Andalus“, der bekanntesten Badeanlage der Stadt. Die Sommerabende verbringt er mit Freunden – bei einem gemeinsamen Rundgang durch die zahllosen Lokale. Und die Wochenenden möglichst an der Costa Tropical, dem Küstenstreifen der Provinz Granada. Und wie sieht es mit den Stierkämpfen aus?, wollen wir wissen. „Das Interesse an der Corrida ist inzwischen längst vom Fußball und von Facebook überholt worden“, winkt er lachend ab. „Unsere Generation hat andere Vergnügungen oder Probleme, als für teures Geld dabei zuzusehen, wie einem Stier fachgerecht die „estocada“, der Todesstoß, gegeben wird.“
Schlafen: „Hospes Palacio de Los Patos“, exklusiv, mit Grünanlagen, hospes.palacio- patos@hospes.es;
„Villa Oniria“: elegant; Spa, Gartenrestaurant, hotel@villaoniria.com
Essen: „Cunini“: beliebtes Fischrestaurant; „Chikito“: mehrfach ausgezeichnet, typisch andalusische Küche; „Bodegas Castaneda“: rustikales, stark frequentiertes Tapas-Restaurant
Anschauen: die Alhambra, www.alhambradegranada.org
Info:www.spain.info
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)
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