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Geißen in bester Gesellschaft

24.08.2012 | 18:30 |  von Klaudia Blasl (Die Presse)

Rotkäppchen suchen, Richtung Thymianheiden verduften, dem graukäsigen Teint huldigen und sommerfrischende Stille tanken – auch mancherorts im Zillertal herrscht über allen Wipfeln noch Ruh.

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„Jetzt muss ich einmal schauen, ob ihr eh noch lebt.“ Besorgt steht die Gredlermutter spät abends auf der Schwelle zur Gästeküche. Dass ihre Besucher unbedingt diese selbst gesammelten Pilze essen wollten, das hat ihr ein wenig den Schlaf geraubt. Aber wer hätte schon widerstehen können, wenn er auf einmal mitten im Schlitterberg'schen Rotkäppchenwald steht. Und diese seltenen Rauhfußröhrlinge mit den schmucken roten Kappen haben sich eindeutig als geschmacklicher Glücksgriff entpuppt. Genau wie die Entscheidung, gerade auf dem Peternhof ferialen Einzug zu halten.

Bereits auf der Anfahrt kommt man dem Himmel spürbar näher. Was aber nicht nur an der aussichtsreichen Höhenlage liegt, sondern vor allem an den Kurven, die schneidig nach oben führen. Erst dort, wo die Straße aufhört und die Almweiden anfangen, liegt dieser uralte Bilderbuchbauernhof. Das Himmelfahrtskommando hat sich gelohnt. Ein Dutzend Kühe, ein paar Katzen, der Hofhund und Astrid, die tierärztliche Tochter des Hauses, stellen das entspannte Empfangskomitee. Von Bausünden und schürzenjägerischer Betriebsamkeit keine Spur. Das liegt alles weit unter dem Schlitterberg'schen Niveau.

Gerade angesichts des dicht verbauten Zillertaler Talbodens lohnt der Mut zum Unbekannten: Denn während die touristisch ausgetretenen Pfade zwischen Mayrhofen und Hintertux im Stil der Piefke-Saga gehalten sind, betritt man in Ginzling, Gagering oder Fügen ein eher fremdenverkehrstechnisches Brachland – wenig besiedelt, ein paar Höfe, Ziegen, abenteuerliche Kulinarik. Hier gleicht die Speisekarte vielerorts einem kalorischen Minenfeld, auf dem man zwar nicht gleich Kopf und Kragen, aber zumindest Fassung und Façon riskiert.

 

Zillertaler Küchendynamik

Die Graukassuppe etwa stellt so ein typisch bodenständiges Dreistadiengericht dar. Zuerst erstarrt man bei ihrem Anblick, denn die Suppe ist tatsächlich grau, auch wenn dieser seltsame Käse in rohem Zustand eher weißgrün aussieht, danach stellt sich aufgrund der würzigen Nuancen eine geschmackliche Euphorie ein, bevor man letztlich wegen der gefühlten 10.000 Kalorien in einen scheintoten Zustand verfällt. Leider habe auch ich den überlebenswichtigen Hauptsatz der Zillertaler Küchendynamik zu spät erkannt: Wo Graukaus draufsteht, ist ein dreifaches Hauptgericht drin, egal, ob als Suppe, Salat oder Beilage deklariert. Und dass die Speisen hier allesamt auf die Butterseite gefallen sind, macht die Sache nicht leichter. Im Gegenteil. Das Getriebe der Bergbewohner scheint vorwiegend mit Butterschmalz geschmiert. Und wenn das partnerschaftliche Abendprogramm infolge verdauungskomatöser Zustände zum Erliegen kommen sollte, greifen die Einheimischen einfach zur Meisterwurz, dem sogenannten Viagra der Alpen. Die bitteren Tropfen verliehen zumindest so viel Standfestigkeit, dass man einigermaßen schwungvoll wieder von der Wirtshausbank hochkommt.

 

Bachhexen und Knabenkraut

Ginzling, der Winzling am Schluss vom Zillertal, präsentiert sich als stilvoller Gegenentwurf zu seinem Hintertuxer Pendant. Dort fließen die Touristenströme, hier nur der schweigsame Zemmbach, dort floriert die Freizeitindustrie, hier blüht allein die Flora. Und wenngleich die Felsformationen Kletterfreaks rasch zur „Bachhexe“ oder gar in die „ewigen Jagdgründe“ führen – wobei Nomen hoffentlich nicht Omen ist – , scheint die Zeit ringsum stillzustehen. Man muss schon selbst Bewegung in sein Urlaubsleben bringen, etwa durch eine Wanderung auf die sonnigen Oberböden.

Nach der steinernen Brücke geht's linker Hand gemächlich bergauf. Kuhfladen, Knabenkraut und kuriose Beschilderungen säumen den verlassenen Forstweg, der sich an duftenden Thymianheiden, mörderischen Fingerhutansammlungen und dem urigen Gasthof Innerböden vorüberschlängelt. Und hoch droben vor dem Himmelstor ragt eine alte Almhütte hervor. Bewirtschaftet wird sie heute zwar nicht mehr, aber für Selbstversorger nimmt sich die betagte frühere Hüttenwirtin gern Zeit für einen Plausch.

Beinahe 40 Jahre leben sie und ihr Mann bereits auf der Oberbödner Alm, aber allein habe sie sich niemals gefühlt. „Schauen S'“, meint sie und deutet mit dem weißen Wuschelkopf Richtung Berge, „dort drüben ist die Gungglplatte mit der Maxhüttn. Und da hinten, da sind die Melkerscharte, der Gaulkopf und die Zsigmondyspitzen, auf der immer ein bissl Schnee liegt. Das ist immer noch mei liabste G'sellschaft!“ Und wenn es der Wettergott gut mir ihr meine, dann würde sie sogar bis auf den Zemmgrund und den großen Stausee sehen. Ein Leben drunten im Tal, das könne sie sich heut nur noch als „Leich“ vorstellen. Denn die himmlische Ruh, die hat sie bereits über den Ginzlinger Wipfeln gefunden.

Bergstation

Essen: Gasthaus Karlsteg, Ginzling,www.karlsteg.at
Erlebnissennerei, Mayrhofen, www.sennerei-zillertal.at
Schlafen:
Peternhof, Familie Gredler, Schlitters, T 05288/639 82
Wandern, bergsteigen & klettern:
www.naturpark-zillertal.at
Lesen:
„Mords-Zillertal“ mit 14 Kriminalgeschichten, u. a. von
Autorin Klaudia Blasl, www.gmeiner-verlag.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

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