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Ein Alleingang: Der Hochschwab, hinten herum

24.08.2012 | 18:31 |  ELFIE SPITZER (Die Presse)

Der Weg ist weit, die Variante lohnt: den berühmten Ostalpengipfel von Wildalpen aus stürmen. Wir schwitzen, es ist anstrengend, es ist wunderschön.

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Im Wanderführer ist der Weg lapidar als bequemer Steig beschrieben – als wir aus dem dichten Wald treten, dämmert uns indes, dass wir uns da ein klein wenig werden anstrengen müssen: Linker Hand weisen uns schroffe Felswände ab, ziemlich weit vorn sehen wir einen nur marginal tiefer gelegenen Einschnitt im Massiv, der wohl der angepeilte Schafhalssattel ist. Unerbittlich führt der Pfad schräg die Wände entlang bergauf, die Wiesen unten werden immer kleiner, die Felsen immer gewaltiger. Schlussendlich erreichen wir den Sattel und damit die Hochfläche des Hochschwab, wo wir ziemlich erledigt auf die Erde plumpsen. Vor uns wellt sich saftiger Grasboden, hohe Gipfel begrenzen den Horizont. Die Murmeltiere sind ob der Ankömmlinge alles andere als begeistert. Triller.

Diese absolute Bergeinsamkeit muss man schon ganz gezielt suchen. Denn spektakuläre Bergtouren haben einen gravierenden Nachteil: Sie ziehen die Wanderer in Scharen an. Ein Massenauftrieb freilich widerspricht dem kontemplativen Naturerlebnis, dem Wesen des Wanderns. Trotzdem haben wir uns den Hochschwab eingebildet, einen der allerlohnendsten Gipfel im östlichen Österreich. Dank eines nostalgischen Wanderbüchleins aus dem Jahre 1960 sind wir allerdings auf die Idee gekommen, die Sache von hinten herum, von Wildalpen aus, anzugehen (eine Alternative wäre auch von Weichselboden aus, ebenfalls ein selten begangener Weg, weil sehr lange und ohne Hüttenübernachtung nicht zu bewerkstelligen). So sind wir an einem traumhaften Sommersamstag tatsächlich allein auf weiter Flur.

Durchatmen, die größte Anstrengung liegt nun hinter uns. Nachdem wir nämlich das Plateau erreicht haben, gibt es keine steilen Anstiege mehr, sondern nur mehr sanft kupiertes Gelände. Unterwegs werden die Flaschen mit frischem Quellwasser gefüllt. Ein unbesorgter Genuss, schließlich ist der Hochschwab das Quellgebiet des Wiener Wassers. Im karstigen „Schwaben“ gibt es aber auch eine Vielzahl von Seen, der höchstgelegene und gleichzeitig der wärmste davon ist der Sackwiesensee, das vorletzte Tagesziel. Wir schaffen es gerade zur rechten Zeit, um in der Abendsonne mit einem ungemein erfrischenden Bad die Lebensgeister wieder zu wecken. Am Ufer des idyllischen Bergsees treffen wir einmal mehr auf keine Menschenseele. Lediglich ein paar Kühe waten knietief im Wasser. Die Wanderer sitzen offensichtlich schon in ihren Hütten. Auch wir machen uns auf zu unserem Quartier auf der Häuslalm, wo ein Matratzenlager für 14 müde Wanderer sowie einem Extrazimmer mit zwei Betten warten.

 

Abstieg übers G'hackte

Nach einem herzhaften Bergfrühstück am nächsten Tag sind wir gerüstet für den Gipfelsturm. In einem viereinhalbstündigen Anstieg lassen wir die Bäume bald hinter uns, bald auch die niedrigen Latschen. Für den Rest des Weges stapfen wir über die weichen Böden des Hochschwab-Plateaus, begleitet von den Pfiffen der Murmeltiere. Ein böses Fauchen reißt uns aus dem Takt unserer Schritte, vielleicht hundert Meter entfernt wirft uns eine Gämse wütende Blicke zu. Knapp vor dem Gipfel läuft uns in aller Stille eine Herde Steinböcke buchstäblich über den Weg. Wir schwitzen, es ist anstrengend, es ist wunderschön. Auf dem Gipfel auf 2277 Metern dann ein tiefer Blick ins Tal, über eine bizarre Gebirgslandschaft, die man hier am Alpenrand kaum vermuten würde.

Mit der Bergeinsamkeit ist es natürlich längst vorbei. Über das sogenannte G'hackte, einen anspruchsvollen Klettersteig, wälzt sich ameisenartig eine bunt getupfte Wandererkolonne. Es sind nicht gerade wenige, die den schönen Sonntag nutzen, aber egal, wir haben unser Erlebnis gehabt und sind ohnehin schon beim Abstieg. Wir nehmen den Weg durchs Tal der Oberen Dullwitz bis Seewiesen, wo wir noch den Postbus zu erreichen haben. Es ist ein langer, steiniger Abschied, der in die Knie geht. Ab und zu drehen wir uns um, dankbar, dass das Zeitalter der Seilbahnerschließung spurlos am Hochschwab vorübergegangen ist. Das ist noch so eine goldene Wanderregel: Man meide allzu gut erschlossene Berge – damit bleibt einem der ganz große Trubel erspart. Und schöner ist eine kabellose Gebirgslandschaft allemal.

WEITERE INFORMATIONEN UNTER

www.hochsteiermark.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.08.2012)

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