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Holland: Die Stimmung ist heiter, die Zeit verrinnt langsam

31.08.2012 | 18:31 |  von Nicole Quint (Die Presse)

Zandvoort hat die See, Amsterdam die Clubs. Und Haarlem die Lässigkeit, um sich von Strand- und Nachtleben zu erholen.

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Am Bahnhof von Haarlem herrscht Hochbetrieb. Passagiere hetzen durch die Ankunftshalle, der Fahrkartenautomat verweigert die Kleingeldannahme, Züge fahren quietschend ein. Der Blick auf die Anzeigetafeln erübrigt sich, denn die Fahrziele sind leicht zu erraten: Auf dem einen Bahnsteig warten Menschen mit neonbunten Badetaschen. Ein kleines Kind stülpt sich seine Schnorchelmaske über, und ältere Damen richten den Sitz ihrer Sommerhüte. Es riecht nach Sonnencreme und nach Frikandeln, typisch holländischem Fast Food.

Auf dem anderen Bahnsteig dröhnt Electronic-Sound so laut aus den Kopfhörern der MP3-Player, als hätten die Träger sie verkehrt, nach außen herum, aufgesetzt. Burschen mit virtuos gegelten Frisuren schauen jungen Frauen nach, die scheinbar frisch aus dem Trainingslager für High-Heels-Läuferinnen kommen, und eine Gruppe Brit-Touristen präsentiert ihre neuen T-Shirts, mit Aufdrucken von bekifften Fröschen, Hanfblättern oder Jesus als bekennendem Raucher.

Die einen wollen den Strandspaß in Zandvoort, die anderen das Amsterdamer Stadtleben. Haarlem ist für beide Gruppen eine Art Weiche, die von der einen auf die andere Art des Freizeitvergnügens umschaltet. In 15 Minuten bringt der Zug sie von Haarlem nach Amsterdam und in zehn Minuten nach Zandvoort. „Haarlem ist aber keine Durchgangsstation.“, stellt Tess klar, um erst gar keinen falschen Eindruck aufkommen zu lassen.

„Du kannst in Amsterdam feiern und dir in Zandvoort Sand auf das Matjesbrötchen wehen lassen, aber leben kannst du nur in Haarlem!“ Tess muss es wissen, nur ein Jahr hat sie es in Amsterdam ausgehalten und ist dann wieder in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Dort arbeitet sie in einem kleinen Hotel im Zentrum und schwärmt jedem Gast von ihrer Stadt vor: „Das Leben ist hier viel entspannter, lockerer, viel alles Mögliche.“

Lange Liebeserklärungen braucht Haarlem gar nicht. Die Stadt versteht sich auf die Kunst der wortlosen Verführung – anschauen und fühlen reicht, der Rest ist stilles Genießen. Das beginnt bereits frühmorgens, wenn die ersten Fahrradklingeln über das Kopfsteinpflaster bimmeln, von der Küste eine salzige Brise heranweht und die Sonne das Backsteinrot der Giebelhäuser leuchten lässt. Dann schlüpft mit dem Duft von einem „koffie verkeerd“ fast mediterrane Leichtigkeit durchs Zimmer.

Die Stimmung in Haarlems Straßen ist so heiter wie auf einem Gemälde von Frans Hals, Haarlems berühmtestem Sohn. Er würde heute ähnliche Porträt-Motive wie damals finden: die resolute Fröhlichkeit der Obst- und Gemüseverkäuferinnen, den kniestrümpfigen Charme eines kleinen Buben oder zufrieden dreinblickende Seniorenpaare auf den Holzbänken vor ihren Häusern. Die einen mit dem „Haarlems Dagblad“, der ältesten Zeitung der Niederlande, in der Hand, die anderen mit einer Katze oder einem Enkelkind auf dem Schoß.

 

Vintage und Müßiggang

Am Stadtfluss Spaarne hoffen die Magnetfischer darauf, einen Schatz an Land zu ziehen, und auf dem Grote Markt sonnen sich die Gäste auf der Terrasse des Grand Café Brinkmann. Hier kehrte schon der niederländische Schriftsteller Godfried Bomans gern ein, um das Treiben auf dem Platz zu beobachten und festzustellen, dass die Stadt von Menschen bewohnt sei, „die sich mit Ernst und Hingabe dem absoluten Müßiggang widmen.“

Der langsame Gang der Dinge scheint in Haarlem durchaus produktiv. In der 150.000-Einwohner-Stadt entsteht viel Kunst und Kultur, hier werden Waren in originellen kleinen Läden, Öko-Shops und Antiquariaten so erfolgreich angeboten, dass Haarlem in den letzten Jahren mehrfach zur besten Einkaufsstadt der Niederlande gekürt wurde. Dass Gemächlichkeit und Erfolg zusammenpassen kann, davon überzeugt die Drogerie A. J. van der Pigge den Besucher. Über dem Eingang grüßt der „Gähner“, der Holzkopf eines Mauren mit weit geöffnetem Mund – bereit, seine Medizin zu schlucken und Passanten auf die Apotheke im Ladeninnern aufmerksam zu machen. Schon vor der Tür kann man Curry und Kardamom schnuppern. Drinnen füllen Flaschen, Tiegel, Gläschen und Fässer dunkle Holzregale und Vitrinen. Von der Decke hängt eine Holzschlange, und über den Schwarz-Weiß-Fotografien des Gründers wachen ausgestopfte Krokodile. Rund 160 Jahre existiert dieser Laden bereits. Man sieht ihm sein Alter an.

Mitunter sieht es aus, als hätten die Haarlemer auf die Stopptaste gedrückt. Wie ein Bild eines holländischen Meisters wirkt die Szenerie mit der Windmühle De Adriaan, die über das Ufer der Spaarne hinausragt. Behutsam, aber nicht allzu ehrfürchtig gehen die Menschen mit Geschichte, Tradition und Architektur ihrer Stadt um. Über die üppig verzierte Fleischhalle am Grote Markt durfte ein Kritiker einst ungestraft unken, sie sei die „Ausschweifung eines meisterhaften Architekten, der offensichtlich zu viel Genever getrunken hatte“. Doch Haarlem verdankt die Kunst des leichten Lebens keineswegs dem Alkohol. Naturbetrunken ist es vielleicht, das Gute-Laune-Kind unter Hollands Städten, schön noch dazu und steht deshalb völlig zu Recht im Mittelpunkt zwischen Amsterdam und Zandvoort.

Zwischenlandung

Erreichen: Haarlem liegt eine halbe Zugstunde von Amsterdam und 20 Minuten von der Nordseeküste entfernt. Die Stadt ist für seine Blumen bekannt – das Zentrum der Tulpenzwiebelregion. Haarlem stand für die Neugründung in Übersee Pate – Petrus Stuyvesant gründete Nieuw Haarlem, den späteren Bezirk Harlem in New York.

Anschauen: Windmühle De Adriaan an der Spaarne; den Grote Markt
und das Frans Hals Museum,
www.franshalsmuseum.com

Informieren: www.holland.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)

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