Tomorrow will be horrendous“, prophezeit die Hausfrau im Bed&Breakfast in Losgaintir/Luskentyre auf der Hebrideninsel Harris – sie ist zweisprachig, Gälisch und Englisch –, und beim Wetter neigen Schotten nicht zum Dramatisieren. In der Nacht zittert das Haus, am Morgen ist der Sturm da, der Regen auch, er fällt nicht, er wird quer über das Land gepeitscht, in Sekunden ist man nass von Kopf bis Fuß, sofern man sich auf diesem halten kann.
Dann flaut es ab, der Spuk ist vorbei. Im Sommer kommt er selten – es ist Ende Juli –, im Winter ist er Alltag, dann nährt der Sturm die Insel, und selbst die Toten bettet sein Toben: Die Küstengewässer sind dicht bewaldet, mit Seetang (Kelp), er ist voll Muscheln. Die werden an die Küste geschleudert, wenn Winterstürme die Kelpwälder zerreißen, dann werden die Schalen zerrieben, zu feinstem Sand, der der windigen Westküste kilometerweit Strände beschert, wie es sie sonst nur in der Südsee gibt.
Zum Friedhof: „Coffin Road“
Dahinter ragen Dünen, dort grasen die Schafe, von denen die Menschen leben. Und wenn sie nicht mehr leben, finden sie dort ihre Ruhe: Die windgeschützte Ostküste von Harris ist nackter Fels, man kann keine Toten bestatten, sie müssen nach Westen, auf der „Coffin Road“, geradewegs durch Losgaintir. Früher wurden die Särge getragen, bisweilen stellte man sie ab, und einmal ertönte ein Pochen, die Frau im Sarg war gar nicht tot. Man stützte sie auf dem Rückweg, aber kaum zu Hause, starb sie wirklich. So zog die Trauergesellschaft wieder los. Als die Träger am gleichen Ort rasten wollten, winkte der Witwer ab: „Sonst wird sie ein zweites Mal wieder lebendig!“
„Man möge mich mit dem Gesicht nach unten begraben, damit das Lügenmaul endlich schweigt“, hatte Jahrhunderte früher eine Bardin verfügt, die im Süden ruht, neben einem gotischen Kleinod, der St. Clemens Church in Roghadal/Rodel. Dorthin ist es nicht weit, ein paar Meilen. Aber die Straßen sind eng, oft einspurig, mit Ausweichstellen. Daran kann man sich im flachen Westen der Insel gewöhnen, dort kann auch der Fahrer den Blick schweifen lassen, etwa auf Clach MhicLeoid/MacLeod's Stone, einen Monolithen aus der Bronzezeit. Er ist nicht leicht zu finden – am besten hält man auf dem Weg nach Süden hinter dem ersten Hügel nach dem Campingplatz in Horgabost und wandert die Dünen hinauf –, und seine Geschichte ist nicht leicht zu glauben: Bei der Sommersonnenwende soll er den Untergang der Sonne in St. Kilda anzeigen. Das ist eine Insel weit draußen im Atlantik, 60 Kilometer offene See. Die soll man in der Bronzezeit gekannt haben, vor 5000, 6000 Jahren? Vielleicht ist auch das nur Harris-Humor!
Der hat auch die Straße im Osten getauft, es gibt nur eine, 28 Meilen extrem eng durch schroff fallende Küste. Das ist die „Golden Road“, sie war teuer. Für den mit der Rechtslenkung Unvertrauten ist sie ein Albtraum, aber man gewöhnt sich. Und wird belohnt: Harris ist Schottland zum Quadrat, die Kulisse noch kolossaler, das Wetter noch wendischer, und das Licht, das Licht! Vor allem am Abend, der erst um elf in der Nacht verschwindet: Dann hängt das Gebirge im Gewölk, vom zartesten, leichtesten Grau bis zum düstersten, bleiernsten Schwarz, die Sonne kämpft sich durch, mit Punktstrahlen oder in aller Breite, William Turner hat es auf die Leinwand gebannt, Caspar David Friedrich hat Ähnliches an der Ostsee festgehalten, zu ihm passen auf Harris die Strommasten, die wie überdimensionierte Kreuze in den Himmel ragen.
Farbmirakel Tweed
Am Ende des Abends triumphiert oft Postkartenmalerei. Aber rosarot ist nur der Himmel, reich ist die Insel nicht, reich war sie nie, der Kelp half, er düngte die Wiesen für das Gut, das Harris berühmt machte, den Tweed. Der ist kein Schnöseltuch, sondern höchste Handwerkskunst, deren Feinheiten sich erst unter der Lupe zeigen, etwa bei Donald J. Mackay, der seine winzige Weberei in Losgaintir betreibt (das gelbe Haus mit dem grünen Schuppen): Was mit freiem Auge schlicht grau oder blau aussieht, entpuppt sich als Farbmirakel mit flammendem Rot und Grün. Aber von der Wolle allein kann Harris kaum leben. Und selten gab es anderes, etwa als Napoleon die Briten mit der Seeblockade überzog und keine Rohstoffe ins Land kamen. Da half der Kelp: In ihm steckt Wertvolles – Phosphor, Eisen, Kalzium –, man erntete ihn, verbrannte ihn und holte die Rohstoffe aus der Asche. Das hatte seinen Preis, die Wiesen wurden nicht gedüngt und nährten nicht mehr, als er Krieg vorbei war, die Importe wiederkehrten und die „kelp industry“ zusammenbrach.
1924 blühte neue Hoffnung: Lord Leverhulme – Mitgründer von Unilever – kaufte die Insel, die ganze, er wollte Profit aus dem Meer ziehen, aus den zahllosen Heringen („Silver Darlings“). Deshalb ließ Leverhulme am südwestlichen Inselende einen Hafen aus dem Boden stampfen und Fischfabriken und einen ganzen Ort, Leverburgh. Eine Saison ging es gut, dann starb Leverhulme, und die Heringe blieben auch aus. Heute ist von all dem ein Fährhafen übrig, und ein Wirtshaus, „The Anchorage“: Dort gibt es etwas, was es auf der ganzen Welt sonst nirgends gibt, Jakobsmuscheln, von Tauchern aus dem – trotz Golfstrom – eisigen Meer geholt. Jakobsmuscheln, was soll das Besonderes sein? So große und perfekt gegrillte hat man noch nicht gekostet, Sarah Wiener ist zu einer TV-Dokumentation eigens nach Leverburgh gereist.
Dort legen auch Schnellboote ab, die drei Stunden durch den offenen Atlantik rasen. Billig ist die Fahrt nicht, und für sensible Gedärme ist sie auch bei schwachem Wind kein Spaß, aber dann taucht ein Wunder aus dem Meer, St. Kilda, eine Inselgruppe um einen Vulkan, der vor 60 Millionen Jahren aus dem Wasser stieg und von dem ein Dreiviertelrund noch steht, innen saftig grün ansteigend, außen lotrechte Wände. „Mystic“ ist die häufigste Eintragung im Gästebuch des Museums, und das trifft es, es ist ein verzauberter Smaragd in der grauen Trostlosigkeit des Atlantiks.
Schafe aus der Kupferzeit
Und die einzigen Bewohner geben dem anderen Mysterium, dem des Monolithen auf Harris, Glaubwürdigkeit: Soay-Schafe, eine Zucht aus der Kupferzeit, so lange sind sie da, so früh krallten Menschen sich fest, sie lebten von den Schafen und den Vögeln, deren Nester in den Klippen sie aushoben, in mörderischen Kletterereien. Irgendwann wollte sich das niemand mehr antun: 1928 zählte man „37 Bewohner, davon sieben arbeitsfähige Männer“, alle Jüngeren waren geflüchtet. Und hatten auf ihrem Weg keine Augen für das, was heutige Touristen niederknien lässt: Auf der Rückfahrt kommt man an hunderte Meter hohen Steinnadeln vorbei, die aus dem Meer ragen wie schwarzer Marmor, der weiß gebändert ist. Aber die Bänder flimmern, und beim Näherkommen sieht man, dass sie leben, es sind zigtausende Seevögel, sie überziehen das Gestein als pulsierende Teppiche.
Die Bilder machen die Rückfahrt – einen Höllenritt auf einem wild gewordenen Meer – für den Magen leichter, für den Kopf nicht: Harris droht irgendwann das Schicksal von St. Kilda – 1930 wurde es evakuiert –, es ist überaltert, Schulen schließen. Die wenigen Neusiedler, vor allem feine Künstler – etwa Beka und Nickolai Globe (themissionhouse.co.uk)–, können die Lücken kaum füllen.
Ruhen: Harris Hotel, schönes altes Haus in Talbert, ansonsten Bed & Breakfast, das übliche Glücksspiel: sehr angenehm etwa The Old School House (Finsbay), zentrale Vermittlung bei der eselsgeduldigen Touristeninformation in Talbert.
Speisen: „The Anchorage“ am Hafen von Leverburgh, großartige Jakobsmuscheln. „Hebrids Art“, Seilebost, Kunstgalerie mit kleinen, sehr feinen vegetarischen Speisen.
Vorsicht I: Die „Bank of Scotland“ ist sich zu fein für den Euro, sie tauscht nicht um, auch sonst tut das niemand auf der Insel, Euro werden auch nirgends akzeptiert.
Vorsicht II: Die Inselbewohner sind sehr fromm. Sonntags ist alles geschlossen, es gibt auch fast keine Fährverbindungen (vorher buchen).
Ausritt: Tagesausflug von Leverburgh mit dem Schnellboot nach St. Kilda: Kilda Cruises, Büro in Talbert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)
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