Wir blicken neidvoll nach Leogang“, seufzt Karl Gostner, Obmann des Innsbrucker Tourismusverbandes. Denn dort steigt heute das Finale der Mountainbike-WM. Mehr als 40.000 Besucher haben in den vergangen zwei Wochen den Pinzgau bereist, um bei den Medaillenentscheidungen live dabei zu sein. 34 Millionen Zuseher verfolgten die Rennen weltweit via Liveberichterstattung im TV und Internet. Allein 20.000 Zuseher waren am vergangenen Sonntag in Leogang, als mit dem Südafrikaner Greg Minnaar der neue Downhill-Weltmeister gekürt wurde – dabei handelt es sich um die Königsdisziplin des Mountainbike-Sports.
Für Saalfelden-Leogang ist die WM ein Meilenstein auf dem vor mehr als zehn Jahren begonnenen Weg, sich als Bikesport-Zentrum der Alpen zu etablieren. Eine Rolle, die auch Innsbruck gern einnehmen würde, das sich selbst gern als „Hauptstadt der Alpen“ bezeichnet.
Für die alpinen Skiregionen bietet der junge Downhill- und Freeride-Sport die Chance, die im Vergleich zur Wintersaison schwachen Sommermonate zu beleben. Denn anders als herkömmliche Mountainbiker sind die sogenannten „abfahrtsorientierten“ Radler auf technische Aufstiegshilfen, also Seilbahnen, und gewartete Wege, sogenannte Trails, angewiesen. In Saalfelden-Leogang hat man dies früh erkannt und genutzt, wie Stefan Pühringer, Geschäftsführer des örtlichen Tourismusverbandes, erklärt: „Das Ziel war, mit dem Bau des Bikeparks im Jahr 2001 den Sommer zu stärken. Wir senden mit der Fokussierung auf den Downhill-Sport zwar eine sehr spitze Botschaft aus, aber dahinter steht ein breites radsportaffines Publikum.“
Zehn Jahre nach dem Bau des Leoganger Bikeparks liegt der Nächtigungsanteil der Biker in der Region bei ungefähr 30 Prozent. Im Sommer bringen die Radler den Bergbahnen mittlerweile gut 100.000 zusätzliche Bergfahrten. „Durch die Biker haben wir eine Verjüngung unserer Sommergästeschicht erreicht“, so Pühringer. „Das sind nicht mehr die Kids, die im Campingbus auf dem Parkplatz schlafen.“ Die Downhiller sind erwachsen geworden und erholen sich am liebsten im Vier- oder Fünfsternehotel.
Davon kann man in Innsbruck nur träumen. Am gestrigen Samstag machte hier ebenfalls der Downhill-Zirkus Station, um das außerhalb des Weltcups stattfindende Nordkette-Downhill.Pro-Rennen zu bestreiten. Ein Extremwettbewerb, der ähnlich wie das Snowboardevent Air&Style Kultstatus genießt. Doch anders als in Salzburg ist die Biker-Szene hier lediglich geduldet. Nur eine einzige, für wirklich Wagemutige geeignete Strecke steht zur Verfügung, die direkt unter der steilen Seilbahntrasse der Innsbrucker Nordkettenbahn verläuft. Alle anderen Grundbesitzer auf den Skibergen rund um die Stadt verweigern seit Jahren die Erlaubnis, hier ein Wegenetz zu errichten. Sehr zum Ärger des Tourismusverbandes, wie Obmann Gostner erklärt: „Natürlich sehen wir das Potenzial, das diese Szene darstellen würde. Wir verhandeln auch seit Jahren intensiv mit den Eigentümern.“ Doch bisher ohne Erfolg. Gerade der Patscherkofel sowie das Skigebiet Mutterer Alm im Südwesten der Stadt, die beide im Winter als Skigebiete genutzt werden, wären im Sommer als Bike-Berge prädestiniert. Doch die Agrargemeinschaften, ein Tiroler Spezifikum bäuerlicher Grundbesitzerkartelle, legen sich quer, wie Gostner erklärt. Und so schreiben beide Bergbahnen alljährlich während der Sommersaison tiefrote Zahlen.
„Innsbruck wäre weltweit einzigartig“ Downhill-Weltmeister Minnaar zeigt sich bei seinem ersten Innsbruck-Besuch anlässlich des gestrigen Rennens verwundert: „Leogang ist toll, aber was Innsbruck als Bike-Destination zu bieten hätte, wäre weltweit einzigartig – Berge, Seilbahnen, perfekte Verkehrsanbindung und eine Stadt.“ Ins selbe Horn stößt Lukas Haider, Manager des Tiroler MS Racing Downhill Teams, das im Weltcup um die Spitzenplätze mitfährt: „Die Innsbrucker sitzen auf einer Goldader und wissen es nicht.“ Haider verweist auf Kanada. Der Wintersportort Whistler hat dort schon in den 1990er-Jahren die Biker als Sommerpublikum für sich entdeckt. Der Tiroler träumt davon, auch in seiner Heimat Derartiges umzusetzen: „Es geht darum, ein Angebot zu schaffen, das der breiten Masse gerecht wird. Downhillen wird dabei immer nur die Speerspitze bleiben.“ Für Haider liegt das Potenzial im Enduro- und Freeride-Bereich.
Indessen zieht Stefan Pühringer in der Region Saalfelden-Leogang nach der Mountainbike-WM zufrieden Bilanz. Die Pinzgauer haben ihren Status als Mountainbike-Zentrum behauptet. In Innsbruck bleibt nach dem Rennen auf der Nordkette nur die Hoffnung, wie TVB-Obmann Gostner erklärt: „Wir werden weiterverhandeln.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)
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