[SAVUDRIJA] Noch ist Istrien keine Luxusdestination, auch wenn manche Hotelketten das nicht so sehen und weitere Fünfsternehotels mit Tennis-, Golf– und nun sogar auch Poloplätzen planen. Doch wenn man sich von den Großanlagen fernhält beginnen die Abenteuer, weil die Beschilderung oft mehr verbirgt als zeigt und das Navi in dieser Gegend oft streikt: Man kommt durch verschwiegene Dörfer und Täler, an uralten Steinhäusern vorbei, vor denen Plastikkübel mit wildem Spargel stehen, in der Hoffnung, es verirre sich doch einmal jemand hierher. Man lernt Konobas kennen, kleine familiäre Gaststätten, in denen immer ein offener Kamin Freundlichkeit verbreitet und herrliche Düfte von Gegrilltem, Geröstetem oder Getoastetem, die man sonst nie finden würde. Und man freut sich an überraschenden Aussichten über Macchia-Hügel und Olivenhaine hinüber zum glitzernden Meer.
Istrien ist noch nicht wirklich touristisch, auch wenn man sich große Mühe gibt und manches leider zu groß, zu protzig, zu gelackt gerät. Entwicklungsideen gibt es viele, ob sie je verwirklicht werden, weiß niemand, etwa die Nutzung der vielen Festungstürme an der Küste. Dieser Vorschlag ist nicht ganz neu, er wurde bereits 1924 diskutiert. Einige Projekte sind allerdings echt gelungen. Etwa die Parenzana, die stillgelegte Eisenbahnstrecke von Triest nach Porec, die zu einer Radstrecke ausgebaut wurde, 140 Kilometer mit netten Raststätten dazwischen. Überhaupt entwickelt sich der Radtourismus vielversprechend: Seit die Autobahnen fertig sind, bleiben die Bundesstraßen den Radfahrern – sie kommen in immer größeren Gruppen, um neben den Mountainbikestrecken auch Asphalt als Trainingsmedium zu nutzen. Die Gegend ist nicht allzu hügelig, man kann bequem und jetzt auch ungefährdet radeln und sich, wenn man sich überschätzt hat, von Hotels, die das gern anbieten, irgendwo abholen lassen. Da Initiativen in der Gemeinschaft meist nur mit viel Geld durchzusetzen sind (man murmelt von der kroatischen Mafia), verlassen sich die Istrier verstärkt auf sich selbst, auf ihre eigenen Ideen und ihre eigene Familie, renovieren da und pflanzen dort, kehren aus Deutschland zurück, um Hotels oder Restaurants zu eröffnen, Ölplantagen anzulegen. Mit internationalem Know-how und Freude an der Heimat und ihren Besonderheiten.
Start-up mit 150 Olivenbäumen
Zum Beispiel der junge Vertriebsleiter aus München, dessen Eltern vor zwölf Jahren wieder nach Savudrija zogen, weil der Vater die heimatliche Luft brauchte und die Mutter, eine Polin, die Erde, um ihre Pflanzleidenschaft auszutoben. Als Einsteiger kauften sie Land mit 150 Olivenbäumen und pflanzen und pressen und ackern seither mit allen Mitteln. Sie hängen zum Beispiel Mineralwasserflaschen mit Weinresten an ihre Olivenbäume, um die Olivenmotte zu fangen. Wenn die Oliven reifen, im Juni/Juli, kommen Sardellenreste in die Flaschen, die die Olivenfliege vertreiben. Danach wird Kaolin gespritzt, Tonerde aus der Umgebung, die weißen Spritzflecken täuschen kranke Früchte vor. Auch das vertreibt die Fliegen. Blumen werden gepflanzt, wegen der nützlichen Käfer und der Insekten und Vögel. Und alles wird verwertet: Die Überreste der Oliven als Dünger kompostiert, ebenso die Äste, klein gehäckselt, und aus den vielfach gereinigten Blättern wird – Tee! Zunehmend in teuren Reformhäusern angeboten, hier aber noch recht günstig zu haben, soll dieser leicht bittere, aber aromatische Tee Wunder wirken: bei rheumatischen Beschwerden, zu hohem Blutdruck, Entzündungen, Virusinfektionen oder geschwächtem Immunsystem. Schuld ist das Oleuropein, das in den Blättern dreitausendmal höher konzentriert ist als in den Früchten und im Öl.
Die Plantage ist schon auf 2000 Bäume angewachsen, ein paar mehr sollen es noch werden. Vom Extra Vergine war übrigens der König von Thailand so beeindruckt, dass in der königlichen Küche kein anderes mehr verwendet wird. Man kann diese Ölfarm übrigens gratis besuchen, Öl und Tee verkosten und sich von Oma Jola oder ihrem Sohn die ganze Geschichte erzählen lassen.
Muzkat Ruza und Malvasier
Noch ein Einsteiger, diesmal aus Garmisch, ist der Restaurantleiter des Mare & Monte, eines extrem gut versteckten Lokals am Meer, wunderbar gelegen, allerdings nicht gerade einsam, da zwischen größeren Hotelanlagen ans Meer gebaut. Finden kann man es trotzdem kaum, da nur zwei kleine Minischilder darauf hinweisen und die Fahrt durch die Hotelanlagen mit einer Schnitzeljagd vergleichbar ist. Website gibt es keine, man kann vornehme Zurückhaltung auch etwas übertreiben. Trotzdem und trotz der nicht gerade günstigen Preise lohnt sich ein Abend, denn die Küche bemüht sich extrem und auch die Weinbegleitung – einheimische, wirklich gute Malvasier – passt. Nicht versäumen, zum Abschluss ein Glas Muskat Ruza zu nippen, einen roten Dessertwein mit grandiosem Rosenaroma.
Zwar keine Einsteiger, aber erfolgreiche Initiatoren sind die Besitzer zweier kleiner Hotels – eines am Meer, eines in den Bergen, beide von Familien geführt, eines seit sechs, eines seit sieben Jahren geöffnet. Das eine, Villa Rosetta in Savudrija, wurde neu erbaut, angenehm einfach, schlicht und materialbewusst. Der direkte Zugang zum Meer, der Garten zur gepflegten kleinen Halbinsel hin, die gute Küche (unbedingt, wenn die Jahreszeit passt, ein Spargeleis verlangen!), eine kleine Sauna, alles da. Und ein eigener Rosenstock für jeden Stammgast.
Das andere Familienhotel nahe Brtonigla zwischen Umag und Novigrad ist jahrhundertealt, war ein Bauernhof und wurde von einer Familie aus dem Ort gekauft und instand gesetzt. Dieses Boutiquehotel San Rocco liegt am Rand des Ortes, stufenweise führen Olivenhaine ins Tal, auf das man vom Pool hinunterblicken kann. Dicke Steinmauern, jedes Zimmer anders eingerichtet, eine „englische“ Bar, ein Feinschmeckerrestaurant im Haus, ein kleines Spa.
Ein Individualist ganz anderer Art ist der Marineforscher und Museumsbesitzer des „Gallerion“ in Novigrad. Er wollte immer zur See, wurde aber Designer und Fotograf. Das Meer ließ ihn aber nicht los. Seine Englisch herausgesprudelten Geschichten zu den Artefakten, die er erbettelt, ersteigert oder gekauft hat, die ihm geschenkt oder verehrt wurden, sind lebendig, als hätte er sie selbst erlebt. Das Museum ist klein, aber voll gestopft mit Modellen, Seemannskisten, Schiffsteilen, Uniformen, Fotos und Urkunden, Logbüchern, Tagebüchern. Und zu jedem der Dinge weiß er Spannendes.
Noch eine „Schnitzeljagd“: zur Konoba Stari Podrum bei Momjan. Keine Hinweistafeln, kein Straßennamen, selbst auf dem Lokal ist nicht zu erkennen, dass hier Mira und ihre Tochter Meisterleistungen vollbringen, was Küche und Freundlichkeit betreffen. So kann man überall in Istrien wunderbare Dinge entdecken, man muss halt nur ein bisserl suchen. Wie die weiße Trüffel, für viele die beste, im Oktober und November. Die übrigens oft exportiert und als Alba-Trüffel verkauft wird. Aber das ist eine andere Geschichte.]
Istrien gehört gesucht, genau wie seine Trüffel
14.09.2012 | 20:14 | Von Adele bach (Die Presse)
Uralte Steinmauern, Konobas mit offenen Kaminen, kuriose Museen – und zahlreiche versteckte Einsteiger in der Gastronomie, Hotellerie und Landwirtschaft: Die Halbinsel Istrien ist ein Land für Entdecker.
2 Kommentare
recht interessant
Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung Istriens ist recht interessant. !947 wurde ein Großteil der italophonen Bevölkerung außer Landes getrieben. Die Restitutionsansprüche hängen da zu einem guten (dem größten?) Teil unverändert in der istrianischen Luft ...Kaum wer weiß, dass in Istrien 4 verschiedene romanische Sprachen gesprochen werden:
Neben dem Standarditalienischen auch das Venetianische.
Dazu noch 2 nur in Istrien gesprochene romanische Sprachen, das Istrorumänische der Tschitschen und das Istriot. Beide Sprachen sind bereits nahe am Aussterben. Aber noch gibt es sie!
Auch zu den "Kroaten" von Pola (wir Deutschsprachige nennen das mit der italienischen Bezeichnung, die Slawen benennen das Pula was übrigens im Rumänischen die gleiche Bedeutung wie "kurac" im Serbokroatischen hat! :) ) wäre einiges zu schreiben.
Mit der "kroatischen Herkunft" vieler der Nachkommen der slawischen Ersatzbevölkerung für die exilierten Italophonen Pulas dürfte es gar nicht weit her sein. Da soll ein guter (der größte?) Teil in Wirklichkeit serbischer Herkunft sein. Nachkommen serbischer Kolonisten die sich zur Zeit des Titoregimes dort einfach "mit Zuhilfenahme" des von den Italophonen "Zurückgelassenen" recht komfortabel eingerichtet haben verglichen mit ihren vorherigen Lebensverhältnissen. Serbisches "Bewusstsein" demonstriert aber derzeit niemand ...
All so was zu erwähnen ist nahe an Oberpfuikack! Die glatte Firnis sollte doch keine sichtbaren Risse bekommen! Tja ...
Re: recht interessant
Mir ist aufgefallen, dass hier recht häufig die Version "dobro veče" und nicht "dobra večer", sowie andere, eher der östlichen Sprachvariante gehörigen Formulierungenverwendet werden. Hat aber die Qualität meines Urlaubes nicht beeinträchtigt ;-)
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