Die Guten ins Weidenkörbchen

21.09.2012 | 16:08 |  Von sandra rauch (DiePresse.com)

Was die letzten Sonnenanbeter von den Stränden vertreibt, lässt die Mallorquiner jetzt in die Wälder ziehen – im Spätherbst beginnt auf der Baleareninsel die Schwammerlsaison.

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Es ist keine Jagd mit Flinte und Hundegebell, wie sie Mallorquiner und Festland Spanier so lieben. Trotzdem zieht die Beute im Korb des alten Mannes bewundernde Blicke auf sich, als er sie mit langsamen Schritten aus dem lichten Wald oberhalb von Valldemossa zum Parkplatz trägt.

Im weichen und duftenden Teppich aus heruntergefallenen Kiefernadeln, hinter hüfthohen Rosmarinbüschen und grauen Steinblöcken hat er sie gefunden, behutsam ausgegraben und in einem Weidenkorb verstaut. Ganz oben liegen die exquisitesten Trophäen: Edel- oder Blutreizker – auf Mallorquin Esclata-Sangs, hellbraune Schwammerln mit welligen Kappen und geflecktem Stiel, die sich schon bei kleinster Verletzung blutrot färben.

Esclata-Sangs sind die Stars der Schwammerlsaison, die auf Mallorca Ende Oktober beginnt und bis weit in den Dezember hinein dauert. Wenn die steinigen Gipfel der Inselgebirge Serra de Tramuntana und Serra de Llevant immer öfter in Wolken hängen, es regnet und die Luft klar, aber nicht kalt wird, stecken Millionen Schwammerln ihre Köpfe aus den kargen Böden, laden weiße, gelbe, braune oder rote Kappen auf Waldspaziergängen und Wanderungen zur Entdeckertour. Rund 1500 verschiedene Pilzarten soll es auf Mallorca geben, darunter für mitteleuropäische Augen ungewohnte Exoten wie den leuchtenden Ölbaumpilz, aber auch Eierschwammerln, Reizker oder Täublinge.

Blutreizker-Herbstmesse


Sie wachsen überall dort, wo auf Mallorca nach wie vor kein bisschen Bauboom spürbar ist, entlang der alten Köhlerwege, neben Trockenmauern in Steineichenwäldern, unter den Nadeln der Aleppokiefern genauso wie in Olivenhainen oder den Dünen am Meer.
Die häufigsten und schmackhaftesten unter ihnen füllen für Wochen, bis in den Winter, die Speisekarten der Restaurants, die Kisten der Marktstände und die Weidenkörbe der Wanderer. Das Bergdorf Mancor de la Vall bei Inca feiert sogar jedes Jahr Ende November eine eigene Fira, eine Herbstmesse, für den Blutreizker, den berühmten Esclata-Sang, der – kurz angebraten mit einem Tröpfchen Olivenöl – als edler Leckerbissen gilt. „Es heißt wirklich Pilzjagd“, sagt Wanderführer Tomeu Pizà. Das Laub raschelt unter den weichen Sohlen der Turnschuhe des 38-Jährigen, morsche Zweige knacken. Tomeu bückt sich, schaufelt mit den Fingern die Erde über kaum sichtbare Wölbungen auf dem Waldboden weg, legt drei helle Pilzkappen frei. „Das sind die falschen“, sagt er. Den Satz wird er an diesem Tag noch öfter sagen, hier in „seinem“ Wald, an den Hängen über seinem Geburtsort Valldemossa. Das trockene Wetter sei schuld – oder die alten Leute, die viel Zeit hätten und aus dem Ort hier heraufsteigen, fasst der schlanke Mann mit den dunkelbraunen Augen die spärliche Ausbeute zusammen. Seine Großmutter hat Tomeu als Kind mit in den Wald genommen, hat ihm Pilze wie Eierschwammerln oder die Bärentatze, einen köstlichen korallenartigen Pilz, gezeigt. Wenn er heute „jagen“ geht, landen nur solche in der Cesta, dem luftigen Weidenkorb, die er hundertprozentig kennt: Blava und Picornell etwa, schmackhafte Speisepilze wie Frauen- und Apfeltäubling oder Eierschwammerln, die auf Mallorca jedoch in fast jedem Dorf einen anderen Namen haben.

„Vor drei Jahren haben sogar totale Anfänger viel gefunden“, meint Tomeu. Damals hat es viel geregnet, unter dem dichten Teppich aus Laub und Nadeln war genug Feuchtigkeit. Dann kam ein Herbst mit viel zu viel Sonne und wenig Regen, und dieses Jahr, nun ja, eigentlich müsste es viele gute Pilze geben, zumindest an den richtigen Stellen. Tomeu taxiert den fast leeren Korb eines jungen Mannes mit türkisfarbenem Polohemd und hellen Sporthosen, dessen Augen den Waldboden neben einem alten Kalkofen scannen. „Der ist nicht von hier, dort wird er nichts finden“, sagt Tomeu und zuckt mit den Schultern. So sei es nun mal, jeder Ort kenne seine Schwammerlplätze, auch wenn in guten Jahren die Suche ohne großes Wissen bequem von jedem Wanderweg aus möglich ist.

Schirm nach unten und Stiel nach oben, mit freiem Blick auf Lamellen und Schwämme, liegt eine ganze Korbladung mallorquinischer Pilze auf dem glatt polierten Holztisch der Bibliothek des kleinen naturwissenschaftlichen Museums neben dem Botanischen Garten von Sóller. Das Museum bietet im Herbst Führungen und Pilzbestimmungen an, jeder Sammler kann seinen Fund hier identifizieren lassen.

Papier-, nicht Plastiksackerln


„In den vergangenen Jahren sind wir fast überrannt worden“, sagt Carolina Constantino de Pena, Museumsdirektorin, Biologin und Tochter von Carles Constantino, dem Autor von „Els Bolets de les Balears“, einem Bestimmungsbuch mit dem Rang einer Schwammerlbibel. Seit es drüben auf dem Festland einige Tote durch giftige Pilze gegeben habe, würden viele Mallorquiner lieber noch einmal nachfragen, was genau sie da aus dem Wald mit nach Hause tragen.
„Die Leute kennen zwar einige Arten, verwechseln sie aber mit anderen, bisweilen giftigen Pilzen“, sagt die junge Frau mit dem schwarzen Pferdeschwanz und den freundlichen braunen Augen. Wer sich nicht sicher sei, soll den ganzen Pilz ausgraben und nach Sóller zum Bestimmen bringen, am besten im offenen Korb und nicht im Plastiksackerl, weil sonst nur noch Schwammerlgatsch im Museum ankomme.

„Die Leute lieben es, in den Wald zu gehen und Pilze zu suchen“, sagt Carolina, „dabei ist es eigentlich gar nicht erlaubt, etwas aus den Bergen mitzunehmen.“ Es gebe zwar ein Gesetz, aber es werde nicht kontrolliert, erklärt Carolina, und es klingt nicht, als sei die Direktorin über diese lasche Praxis ernsthaft besorgt. Sondern eher so, als gäbe es auf Mallorca genügend andere Gesetze, die viel dringlicher kontrolliert gehörten als die stille Jagd mit dem Weidenkorb.

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