Ich wanke aus dem Lärm hinaus an die frische kühle Luft und die Sonne trifft mich wie die Lichter eines Rettungswagens. Die Helligkeit erschlägt mich fast, an den steilen Bergflanken rechts und links gleißt Schnee, während der eiskalte Wodka in mir siedet und ich „Isbjörn! Isbjörn!“ brülle. Das ist lustig, weil die Leute schauen hier dann immer gleich so verstört, als rufe man bei einem Treffen der Anonymen Veganer „Blutwurst!“.
Aber gut: Man soll keine Späße über Todesgefahren machen. So ein Isbjørn, wie der Norweger sagt, ein Eisbär, kommt nur als Stofftier oder auf Werbefotos für Greenpeace so süß und „Hach!“ herüber. In Wahrheit sind die Bärlis gewaltige Raubtiere – einer hat erst im Vorjahr einen britischen Touristen getötet und vier verletzt, auf einem Gletscher hier auf Spitzbergen. Daher laufen auf dieser arktischen Insel nördlich von Norwegen, wo es wohl etwa 3000 Isbjørns gibt, so viele Menschen mit Gewehren und Revolvern herum, unbewaffnet darf man die wenigen Orte gar nicht verlassen. Man solle aber mit einer Knarre bitte nicht die einzige Bank des Hauptortes Longyearbyen betreten – das mögen die nicht so recht.
Kalte Küste. Meine Frau und ich gehen die lange, abschüssige Hauptstraße von Longyearbyen hinab. Wir haben uns im Kroa verhockt, einem urigen Lokal aus altem Holz mit niedriger Decke. Die Sonne blendet von den Bergrücken, die wie Schlachtschiffe mit vielen seltsamen dreieckigen Spitzen aus der baumlosen Landschaft ragen und den Ort säumen. Er ähnelt Obertauern im Sommer, überall Geröllhalden, weit hinten im Tal bricht ein Gletscher herein und ein Fluss mündet vor uns ins blau leuchtende Wasser des Adventfjorden. Am jenseitigen Ufer ragt ein Bergriegel hoch, er sieht aus wie ineinander verschachtelte, graubraune Dreiecke mit Schneestreifen, davor treiben Nebelfahnen und mir ist alles viel zu hell. Dabei ist es fast Mitternacht.
Aber es ist ja auch Mitte August auf Spitzbergen, der größten Insel jenes Archipels, der „Svalbard“ heißt, „kalte Küste“, im Deutschen aber ebenfalls als Spitzbergen bezeichnet wird. Von meinem wankenden Standpunkt aus sind es nur noch 1300 Kilometer zum Nordpol, es hat feine 15 Grad oder so und ich krieg Mitleid mit den Touristenmassen, die sich in irgendeinem Magic-Life-Club bei Bodrum am Buffet drängen und bei 40 Grad im eigenen Fett backen. „Wieso sollt' ich im Sommer in die Kälte fahren?“, hatte ein Freund naserümpfend gemeint. Ich erwiderte: „Wann sonst? Im Winter hat’s hier 30, 40 Grad minus, dann ist es echt hart, und wieso sollte man von unserer Sommerhitze in eine noch heißere Hitze am Mittelmeer wechseln? Und willst du echt so geile Gegenden meiden, nur weil du so eine kälteempfindliche Tusse bist?“ Er hat mir dann recht gegeben.
Ach, die Sonne. Im Sommer scheint sie in diesen Breiten den ganzen Tag, fällt nie unter den Horizont und knapp über selbigem im Kreis rollt. Das tut sie von Mitte April bis Ende August, man nennt das Mitternachtssonne, und egal ob vier in der Früh oder drei am Nachmittag, es ist stets gleich hell, was einen anfangs verwirrt. Darum sind die Rückseiten der Vorhänge in den Schlafzimmern aus Leder: Nur so lässt sich der Raum verdunkeln. Von Mitte November bis Ende Jänner bleibt die Sonne dafür so tief unter dem Horizont, dass es stets stockfinster ist. Ich wette, man trinkt hier dann besonders viel. In den Zeiten dazwischen ist es in unterschiedlichem Maß dämmrig oder für wenige Stunden hell, und die kalte Welt ruht unter einem dunkelblauen bis purpurnen Himmel. Und unter Eis und Schnee: Zwei Drittel von Svalbard sind vergletschert, hat man beim Anflug Wetterglück, sieht man endlose, schlagobersartige Flächen, aus denen Bergflanken oder einzelne Bergspitzen ragen, „Nunataks“ heißen die, der höchste Berg, der Newtontoppen, misst etwa 1717 Meter. Der Rest der Gegend ist baumlose, oft sumpfige Tundra mit Gräsern, Flechten, Moosen, Buschwerk und arktischen Blümelchen, die im Sommer für wenige Wochen blühen. Die Fjorde frieren im Winter meist nicht mehr zu, wegen des Klimawandels und eines Resthauchs des Golfstroms. Dennoch ist es immer kühl: Im August hat’s im Mittel sechs Grad. An besonders schönen Tagen sah ich das Quecksilber bei 18 Grad stehen – T-Shirt-Wetter, denn die Sonne brennt ziemlich stark.
Vielleicht haben schon die Wikinger den Archipel entdeckt, sicher tat es im Juni 1596 der Holländer Willem Barents, von ihm stammt der Name Spitzbergen, ob der vielen spitzen, scharfkantigen Berge. Allerdings hatte er Pech und starb 1597 beim Versuch, entlang Sibiriens Küste nach Osten zu fahren. Im 17. Jhdt. gingen Briten, Holländer und Dänen hier auf Walfang, bis die Tiere fast ausgerottet waren, dann kamen Jäger vom nordrussischen Volk der Pomoren und aus Norwegen, die Bären, Füchsen und Robben nachstellten und in Holzhütten überwinterten. Ab etwa 1900 begannen norwegische, schwedische, holländische, russische und britische Firmen, Kohle abzubauen. Besonders aktiv war die Arctic Coal Company des US-Amerikaners John Munroe Longyear (1840–1922), der 1906 eine Grubensiedlung gründete, „Longyearbyen“ bedeutet „Longyear-Stadt“.
Doch der Bergbau war wegen des hohen Erschließungsaufwandes und der Transportkosten wenig rentabel, die meisten Firmen gingen ein, nahmen oft nicht einmal den Betrieb auf. 1916 kaufte ein norwegisches Konsortium Longyears Firma, während Sowjet-Unternehmen in den 1920/30ern die schwedischen und holländischen Minensiedlungen Pyramiden bzw. Barentsburg nördlich bzw. westlich Longyearbyens erwarben. Bis heute fördern Norwegen und Russland Kohle auf Spitzbergen – wobei der Archipel eine Sonderstellung hat: Laut Pariser „Spitzbergen-Vertrag“ von 1920 gehört er zu Norwegen, doch dürfen Bürger aller Vertragsparteien dort leben, arbeiten, handeln, fischen, jagen und Bodenschätze ausbeuten. Steuern dürfen nur für lokale Zwecke erhoben werden, das Gebiet ist demilitarisiert. Es gibt etwa 40 Vertragsparteien, darunter nicht wirklich naheliegende Staaten wie Neuseeland und Venezuela, aber auch Österreich.
Doch zurück zum Wodka: Im norwegisch dominierten Longyearbyen – wo etwa 2200 der vielleicht 2800 Svalbardians leben, es ist der nördlichste größere Ort der Welt – ist der natürlich brutal teuer, wie fast alles hier. Mehrwertsteuer zahlt man zwar keine, aber die Preise spielen am unteren Rand der Liga der gefürchteten norwegischen Festlandpreise. Das Krügel Bier also ab fünf Euro, im „Kroa“ fangen Vorspeisen wie mariniertes Rentierfilet bei etwa 13 Euro an, das billigste Hauptgericht, Pizza, kommt auf einen Zwanziger. Dasselbe gilt für die Handvoll Hotels, von denen manche ehemalige Bergarbeiterunterkünfte sind.
Etwa Mary Ann’s Polarrigg: Die Besitzerin, Mary-Ann Dahle, war früher offenkundig eine wilde Henne unter Kumpeln, wie man Fotos an den Holzwänden entnehmen kann. Jetzt nimmt sie für eine winzige Kammer mit Stockbett für zwei in der Hochsaison 140 Euro. Ihr Haus ist aber eines der günstigsten und lässigsten, auch wegen der heimeligen Bar und des Restaurants Shang Po-Lar, wo Thai-Köche (!) unter anderem etwas im Wok braten, das polit-ökologisch Korrekte jetzt bitte nicht lesen, sondern bis zum nächsten Absatz springen sollten: Wal mit Knoblauch und Gemüse! Ja, und ich HAB’S gegessen, grad extra. Schmeckt aber irgendwie fischig-ledrig, na ja.
Aber es ging um Wodka. In Barentsburg ist der echt cheap, der Russenort liegt etwa 55 Kilometer westlich Longyearbyen in einer Bucht am Südrand des mächtigen Isfjorden, man kommt praktisch nur per Schiff dorthin, im Winter auch mit Motorschlitten. Mehrtägige Kreuzfahrten, die etwa von Spitsbergen Travel im Sommer an Bord des schönen alten Dampfers Nordstjernen organisiert werden, führen regelmäßig dorthin. Die Tristesse beim Einlaufen in den schrottplatzartigen Hafen des Nests, wo noch etwa 400, 500 Menschen, großteils Ukrainer, mehr schlecht als recht vom Kohleabbau leben, ist nichts für schwache Gemüter. Barentsburg besteht aus teils pastellfarbig lackierten Holzbauten sibirischen Typs und Plattenbauten, im Zentrum aus einer Art Hauptplatz und einem Hauptsträßchen mit Betonplatten, das man vom Hafen über eine Holztreppe erreicht. Hinter einigen Fenstern sieht man Licht und Zimmerpflanzen, ansonsten wirkt Barentsburg tot. Da ist eine Lenin-Statue, ein Museum und ein festungsartiges russisches Konsulat, in dem wenig zu tun ist. In einen braunen Hang über der ortgewordenen Tristesse ist ein weißer Sowjetstern und in kyrillischer Schrift,„Miru mir“ (Frieden für die Welt) graviert. Doch dann ward es Licht: in der hellhölzernen Bar des Barentsburg-Hotels, des einzigen hier. Schon vor Wochen hatt’ ich mir vorgenommen, dort hineinzuschreiten, „дoбрый день!“ zu sagen und mit „вoдкy, пожaлуйста!“ Wodka zu bestellen.
Und so bekneipte ich die Trete mit gravitätischer Miene und tat es. Es wurden zwei Wodka, und das war wichtig: Während des gut zweistündigen Aufenthalts steht nämlich ein „russisches Kulturprogramm“ an: Ein folkloristisches Tanz- und Gesangsgeschwurbel mit Sowjeteinschlag, langhaarigen Musikern in Russentracht, Balalaikas und Bontempi-Orgel. Tänzerinnen mit tragischen Taiga-Augen und Sängerinnen in metallic-grünen Überwürfen und Dreiecksmützen, meine Frau nannte sie „singende Tanzgurken“. Ohne zwei Wodkas geht das nicht.
An den folgenden Tagen fährt die Nordstjernen die Westküste hinauf, vorbei an gerillten Bergflanken mit kreischenden Vogelkolonien und gewaltigen weißblauen Gletscherfronten, die in Fjorde münden und zu denen man mit Schlauchbooten heranfährt. Ich holte mir Eisbrocken aus dem Wasser und tat sie später in einen Drink. Einen Landgang gibt es in Ny-Ålesund, früher eine Kohlemine, seit den 1960ern Basis von Forschungsstationen vieler Lände, die aus China erkennt man an den Steinlöwen vor dem Haus. In dem Ort mit seinen fröhlich-bunten Häusern leben je nach Jahreszeit 30 bis 150 Menschen, die sich mit Klimaforschung, Glaziologie und Meeresbiologie beschäftigen, man startet auch Forschungsraketen. Hier sind das nördlichste Postamt und wohl auch die nördlichste Bar der Welt zu finden, denn dem Nordpol näher als Ny-Ålesund (78° 55‘ N) gelegene Ansiedlungen sind nur Alert in Kanada (82° 30‘) und Station Nord auf Grönland (81° 43‘), beides aber nur Militärbasen mit nur einer Handvoll Bewohnern.
Wenn das Schiff dann den 80. Breitengrad kreuzt, köpft man Sektflaschen, der 80. gilt als etwas Besonderes, man kriegt sogar ein Zertifikat; zum Pol sind es noch etwa 1100 Kilometer. Zertifikate kriegen auch jene wilden Typen, die es bei einem Landgang wagen, baden zu gehen. Also auch ich. Schuld waren zwei Buben aus Hamburg, die mich herausforderten: „He, Alpenländler, du gehst nachher aber mit ins Wasser, nä?“ Was hätten Sie getan? Eben. Wir taten es sogar in zwei Buchten. Und bekamen „Eisbären-Zertifikate“ – fürs Schwimmen in Wasser mit einer Temperatur von etwa drei Grad.
Zurück in Longyearbyen, dem relaxten Ort mit Weltrandstimmung und bunten Häusern aus dem Ikea-Katalog, lassen sich die Tage mit Wandern, Fossiliensuchen und Ausfahrten mit Schlittenhunden verbringen. Es gibt ein Schwimmbad und genug Geschäfte, um norwegische Kronen loszuwerden, bei Sonnenschein herrscht am Hauptplatz mit der Bronzefigur des Bergarbeiters, wenn dort die Leute auf der Holzplattform vor dem Kaufhaus herumhängen, fast Mittelmeerstimmung. Ich steuerte sofort das „Kafé Busen“ an, das aber mit Brüsten nichts zu tun hat, „Busen“ sind Kumpel im Bergwerk, das Lokal hat Supermarkt-SB-Restaurant-Aura. Trinken tut man besser gleich nebenan im „Karls-Berger-Pub“, einer gemütlichen, fensterlosen, rotbraunen Höhle, in der mehr als 1000 Whiskey-, Cognac- und Armagnacflaschen herumstehen, angeblich die größte derartige Sammlung in Europa.
Es gibt auf Spitzbergen auch eine Bar, in die keiner mehr geht: in Pyramiden, einer früheren Bergbausiedlung der Sowjets rund zweieinhalb Schiffsstunden entfernt im Norden am Ende des Billefjorden. Den Namen hat sie von dem pyramidenförmigen Berg am Ortsrand. Einst lebten hier 2000 Menschen, es war eine Vorzeigesiedlung in der Arktis, doch 1998 wurde sie vom Eigentümer, der Staatsfirma „Arctikugol“ (Arktis-Kohle), innerhalb kürzester Zeit geräumt, es rentierte sich nicht mehr. Jetzt stehen die Plattenbauten und Holzhäuser verlassen da, Wind pfeift durch geborstene Scheiben, die rostigen blauen Eisenschaukeln am Kinderspielplatz quietschen im Wind, ich denke an die Eröffnungssequenz von „Terminator 2“.
Vor der Leninstatue auf dem riesigen Hauptplatz liegt ein Turnschuh im Gras. Im Veranstaltungszentrum mit Sporthallen und Theater ist‘s, als höre man ferne Echos. Die Lagerräume sind voller Langlaufski, Bälle, Tennisschläger und Pokale, auf einem Tisch ein verstaubtes Schachbrett mit vollzähligen Figuren, auf einem anderen verstreute Schwarz-Weiß-Fotos: Basketball spielende Frauen, schnauzbärtige Männer vor einem Hallenfußballtor – alles liegt da in der ewigen Kälte, bewegungslos, geräuschlos, Zeitabdrücke.
Im Theater nebenan ist der Vorhang gefallen. In den Fenstern eines Plattenbaus nisten Möwen, es stinkt enorm, im Erdgeschoß eine Bar, wieder fensterlos, die Wände aus metallicroten Plastikpolstern, weißen Schallschutzfliesen und hellem Holz, an den Decken kitschige Messinglampen. Ich schraube eine Flasche Stolichnaya auf, leer – wie der Jim Beam, Martell und Jägermeister. Sperrstund' war, Sperrstund' war. Ein paar Männer wohnen hier immer noch: für Erhaltungsarbeiten, als Touristenguides.
Auf dem Rückweg zum Hafen, der noch schrottplatzartiger aussieht als der in Barentsburg, frage ich den Guide, wieso er das hier macht. „Weil ich meine Ruhe hab' und dreimal so viel verdiene wie in der Ukraine“, sagt er, während das Gewehr an seiner Schulter baumelt. Erst später, in Longyearbyen, werd ich wieder „Isbjörn!“ schreien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.10.2012)





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